Turntablerocker Die zwei von der Tanzfläche

DJ Hausmarke von den Fantastischen Vier und DJ Thomilla gehören zu den Superstars der deutschen HipHop-Szene. Nachdem die beiden Stuttgarter bereits seit Jahren als DJ-Duo Turntablerocker durch die Clubs der Republik tingeln, veröffentlichen sie nun ein gemeinsames Dancefloor-Album.

Von Oliver Hüttmann


Turntablerocker Thomilla (l.) und Hausmarke: "Zack, haut man 'ne andere Platte dazwischen!"

Turntablerocker Thomilla (l.) und Hausmarke: "Zack, haut man 'ne andere Platte dazwischen!"

SPIEGEL ONLINE:

Hausmarke, Du bist der DJ bei den Fantastischen Vier, scheinst zuletzt aber zum dritten Rapper neben Smudo und Thomas aufgerückt zu sein?

Hausmarke: Ich hatte schon eigene Songs geschrieben und gerappt, als ich die Jungs in einem Stuttgarter Jugendhaus kennen gelernt habe. Anfangs hat es sich aber so verlagert, dass Smudo und Thomas die Lyriks schrieben, während Andy und ich die Musik machten. Dann wurde das Scratchen bei uns weniger, also habe ich nebenbei auch mal Texte geschrieben. Nicht so viele wie Thomas und Smudo, aber die halt, die Nummer eins wurden wie "Ein Tag am Meer".

Thomilla: Angeber!

SPIEGEL ONLINE: Thomilla wird zum Umfeld der Stuttgarter "Kolchose" gezählt, einer Szene, die die Fantas immer verachtet hat. Wie habt Ihr beiden denn da zusammengefunden?

Thomilla: Ich habe mich immer eher als neutrale Zone zwischen diesen beiden Fraktionen gesehen. Michi (Hausmarkes richtiger Name ist Michael Beck) traf ich, weil er seine Platten in jenem Laden gekauft hat, in dem ich gejobbt habe. So merkten wir, dass wir einen relativ ähnlichen Musikgeschmack haben. Und weil er mir auch noch so sympathisch war (lacht), habe ich ihn in die Discothek Red Dog eingeladen, wo ich damals den HipHop-Abend geschmissen habe.

Hausmarke: Wir haben uns gegenseitig inspiriert und sind dann als DJ-Team durch die Lande gezogen, als es noch nicht viele feste HipHop-Partys gab. Damit haben wir in den Clubs auch diesen tanzbaren HipHop-Sound aus Underground und R&B mit etabliert der nicht nur für die Hardcore-Jungs, sondern auch für Mädels attraktiv ist. Das gibt es jetzt in jeder Kleinstadt.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Thomilla schon Hausmarkes Solodebüt "Weltweit" produziert hat, war es also ein logischer Schritt, mit "Classic" nun ein gemeinsames Album zu machen?

Hausmarke: Ja, wir sehen uns heute mehr als Band oder Musiker, die zusammen etwas kreieren wollen. Mit "Classic" wollen wir unsere Produktions-Skills zeigen. Da ist alles eingeflossen, was uns ausmacht, nur keine Raps, weil die Musik Geschichten erzählen soll. Das war ein schwieriger Weg, und auch wenn wir uns dabei vom HipHop weit entfernt haben, hätten wir es ohne unsere HipHop-Roots nicht geschafft.

SPIEGEL ONLINE: "Classic" ist eine Tanzplatte, die sich durch klassische Elemente der letzten drei Jahrzehnte zappt, von Funk über Disco bis hin zu Dancehall und House Music, vor allem aber nach den Dancefloor-Hits aus den späten Achtzigern klingt.

Hausmarke: Ja, und wir haben auch schon darüber diskutiert, ob es denn überhaupt ein Dance-Album ist. Aber Dance wird heute anders definiert, hat schnellere Tempi. Darum sagen wir Boogie dazu. Das war ja auch mal klassische Tanzmusik.

SPIEGEL ONLINE: Eure erste Single "A Little Funk" erinnert im Intro und vom Aufbau her etwas an den legendären Coldcut-Remix von Erik B. & Rakims Song "Paid In Full".

Hausmarke: Ja, cool, sehr gut. Das war damals ein grandioser Track. Der Beat ist ja bis in den letzten Winkel gegangen und in den Achtzigern oft verwendet worden. Der Vergleich ist absolut okay.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit so einem Album auch live auf Tournee gehen oder es nur für einen DJ-Abend verwenden?

Hausmarke: Wir haben viele Teile der Platte mit echten Studio-Musikern eingespielt, mit Gitarristen, Bassisten, Pianisten, Streichern und einem Percussionisten. Aus denen stellen wir gerade eine Band zusammen, mit der wir das Album auch live vorstellen wollen. Mal sehen, wie das klappt.

Die zwei von der Tanzfläche: "Das gibt es jetzt in jeder Kleinstadt

Die zwei von der Tanzfläche: "Das gibt es jetzt in jeder Kleinstadt

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Interview wollt Ihr abends noch den Hamburger Mojo Club rocken. Wie muss man sich das vorstellen? Habt Ihr ein Programm wie eine normale Band?

Hausmarke: Wir sprechen vorher darüber, welche Platten wir mitnehmen, legen uns aber keinen Plan zurecht. Einen guten DJ- oder Club-Abend kann man nur mit dem Publikum bestreiten; nicht als Wunschkonzert, aber indem man darauf achtet, ob ein Flow entsteht, wie sich die Stimmung der Leute entwickelt. Wir legen HipHop auf, viel Old School, lassen aber auch andere Sachen einfließen wie Funk und Elektro. Die Kombination ändert sich ständig.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es zwischen Euch einen freundschaftlichen Wettstreit, etwa wenn der eine ein Stimmungsloch verursacht, das der andere dann ausfüllen muss?

Hausmarke: Man fängt sich gegenseitig sicherlich auf, wenn einer mal keine Idee hat, aber da brauchen wir nicht lange 'rumreden. Das muss ja schnell gehen ­ zack, haut man 'ne andere Platte dazwischen. Deshalb kennt sich jeder in seinen mitgebrachten Platten-Kisten sehr gut aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Droge eignet sich eigentlich am besten zum Tanzen: ein Joint, Ecstasy oder Koks?

Thomilla: Zwei Bierchen und ein guter DJ.

Turntablerocker: "Classic" (Four Music/Sony); veröffentlicht am 26. März 2001; Deutschland-Tournee: 18. April bis 5. Mai 2001.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.