Abgehört - neue Musik Let's make out!

Dream Wife verhandeln auf ihrem stürmischen Debütalbum aktuelle Feminismusfragen über Neunzigerjahre-Rock. Außerdem: Neues von Go! Team und Ty Segall.

Von und


Dream Wife - "Dream Wife"
(Lucky Number/Rough Trade, ab 26. Januar)

Lass uns einfach rummachen! Mitten in die vor allem in den USA aufkommende Debatte um den richtigen Umgang der Geschlechter beim Dating, platzt eine junge Frauenband aus England mit einer stürmischen, herausfordernden Botschaft an allzu verzagte Männer: "Let's make out, let's make out/ Or are you too shy?", krakeelt die aus Island stammende Sängerin Rakel Mjöll im ersten Song des Debüts von Dream Wife: "Turn your lips too me/Lights out". Übersetzt in etwa: Küss mich und halt's Maul.

Schon klar, hier wissen ein paar junge Frauen ganz genau, was sie wollen - und haben auch kein Problem, ihre Wünsche entsprechend zu äußern. Das erinnert im Gestus an Pop-Künstlerinnen aus dem R&B-Genre wie Kelela, die sich zuletzt als bestimmende Kraft im Liebesspiel inszeniert haben. Auch Dream Wife greifen dabei auf musikalische Motive aus den Neunzigerjahren zurück, aber aus dem Rock: Wer in den quengelnden Gitarrenläufen und aufstampfenden Schlagzeugbeats den cool-feministischen Impetus von Vorbildern wie Kenickie, Elastica oder The Donnas erkennt, liegt nicht falsch. Die Nostalgie im Sound erklärt sich auch daraus, dass Dream Wife vor einigen Jahren zunächst als ironisches Kunsthochschulprojekt gedacht war, die Art Spinal-Tap-Version einer Riot-Grrrl-Band.

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Auf diesen hinlänglich bekannten, aber deswegen nicht minder effektiven Rock-Topoi formuliert das Trio aus Mjöll, Bassistin Bella Podpadec und Gitarristin Alice Go einen umwerfend aktuellen Beitrag zum Pop-Feminismus. "Somebody", der zweite Song, hat das Zeug, zur Ermächtigungshymne der weiblichen Millennials-Generation zu werden. "You were a cute girl standing backstage/ What you wore and how you bore it so well/ What did you expect would happen", entwirft Mjöll eine typische Situation männlicher Fehleinschätzung, die oft genug in Übergriff und Victim Blaming endet: Du hast dich sexy gekleidet und hängst backstage rum - was hast du denn gedacht, was passiert? Stell dich nicht so an, ist der Satz, der nicht gesagt wird, aber misogynistisch mitschwingt.

Borcholtes Playlist KW 4
SPIEGEL ONLINE
01 Dream Wife: Let’s Make Out
02 The Donnas: Take It Off
03 Kenickie: In Your Car
04 Ty Segall: She
05 Shame: Tasteless
06 Jon Brion: Lady Bird - Title Credits
07 Justin Timberlake: Supplies
08 Hayiti: 100.000 Fans
09 Migos: Superstars
10 Hinds: New For You

Dream Wife stellen sich aber an, mit Nachdruck. Sie rufen furchtlos in die Kampfzone hinein: "I am not my body/ I am somebody". Trotzdem soll aber der Respekt nicht die nötige Romantik verderben, wie die Band in "Act My Age" oder "Love Without Reason" andeutet: "Let's be kids and fall in Love", fordern sie, immer wieder girliehaft und kokett, verlangen aber vom männlichen Gegenüber, dass er ebenso klar macht wie sie selbst, was passieren soll: "I would like to know you better", singt Mjöll in "Spend The Night", um dann ungeduldig hinterherzuschicken: "I can't read your mind". Von Herzensbrechern, die sie anmachen, sich dann aber als Familienväter entpuppen, haben sie die Nase voll, wie sie in "Hey Heartbreaker" mit ätzendem Lärm deutlich machen.

Genug haben Dream Wife auch davon, sich als Frauen ständig selbst die Schuld zu geben: "F.U.U." (Fuck You Up), das energische Schlussstück, geißelt wütend das Ritzen, das Haare abschneiden, das ganze Repertoire des Selbstquälens und -zerfleischens - und mündet in einer kreischenden, unerbittlichen Wendung des alten Spice-Girls-Schlachtrufs: "I'll tell you what I want, what I really, really want/ So tell me what you want, what you really, really want". Diese Ehefrauen aus Träumen von einer besseren Welt wollen spielen, aber nach ihren eigenen Regeln. (8.5) Andreas Borcholte

The Go! Team - "Semicircle"
(Memphis Industries/Indigo, seit 19. Januar)

Als Post-Internet-Kunst bezeichnet man Werke, die ganz selbstverständlich mit den Eigenheiten und Möglichkeiten des Mediums umgehen. Würde man die Begrifflichkeit auf das britische Go! Team übertragen, müsste man dessen Musik als Sowas-von-mittendrin-Internet-Kunst beschreiben. Als wäre Band-Mastermind Ian Parton vergangene Woche zum ersten Mal online gegangen und hätte dabei die Fülle des Internets mit seinem schier unendlichen Archiv an großartiger Musik quer durch Zeiten und Stile hinweg entdeckt, fehlt auf den Alben von Go! Team jede Spur von digitaler Abgeklärtheit. Überschwang und Euphorie herrschen hier, und eine Experimentierlust, die sich nicht darum schert, was andere Acts lange vor ihm gemacht haben.

Das ist noch keine Qualität an sich und könnte im 14. Jahr des Bandbestehens auch richtig nerven. Aber auf dem fünften Album "Semicircle" hat sich ihr Charme eher aufgeladen als aufgebraucht. Die nervösen Morse-Zeichen, die im Auftaktstück "Mayday" erklingen, geben Takt und Richtung des Albums vor. Das Go! Team spielt seine Musik mit einer Dringlichkeit, als ginge es um nichts weniger als Leben und Tod - eine willkommene Abwechslung zum auf durchschnittlich 90 BPM runtergefahrenen Pop der Gegenwart.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Aber nicht nur. Die Samples und die Instrumentierung auf "Semicircle" überraschen und erfrischen auch ganz allgemein. In "Semicircle Song" kommt eine Steel Drum als Rhythmusinstrument zum Einsatz, bei "She Got Guns" taucht Scratching auf. Wann hat man das zum letzten Mal gehört? Dass mit Rapperin Ninja eine fast ebenso alte Bekannte wieder dabei ist, rundet den Track ab. Die stilistischen Anleihen beim Motor City Sound, der Rock Steady Crew und High-School-Marchingbands sind wohldosiert; zwei fast komplett instrumentelle Tracks pegeln die Energie an den rechten Stellen herunter. Mit dem Midtempo-Song "Getting Back Up" schließt das Go! Team ein Album ab, mit dem sie ihrem Oldschool-Sound ebenso treu bleiben, wie sich verblüffend gut in die zeitgenössische Pop-Landschaft einfügen. Way to go, Go! Team! (7.8) Hannah Pilarczyk

Ty Segall - "Freedom's Goblin"
(Drag City, ab 26. Januar)

Erfolg, sagte Ty Segall neulich dem "Rolling Stone", habe er schon allein damit gehabt, überhaupt ein einziges Album zu veröffentlichen. "Ich darf Platten machen und lebe davon, das ist Erfolg. Alles andere ist Bonus, die Kirsche auf dem Kuchen", so der Rockmusiker aus Kalifornien, der mit "Freedom's Goblin" sein 10. Soloalbum innerhalb von zehn Jahren herausbringt, diverseste Neben- und Bandprojekte nicht mitgerechnet. Eine Dekade, die Segall vom obskuren DIY-Musiker zu einem der anerkanntesten Rock'n'Roller weit und breit werden ließ. Von seinen letzten Alben, darunter das formidable "Manipulator" (2014) verkaufte er, wiewohl im Mainstream weitgehend unbekannt, schon mal mehr als 100.000 Exemplare.

Zum 10. Album, das ein halbes Jahr nach seinem 30. Geburtstag erscheint, gönnt sich Segall eine 19 Songs umfassende stilistische Leistungsschau mit gleich mehreren Sahnehäubchen, darunter eine Cowbell-dengelnde, hübsch verlärmte, aber teuflisch groovende Coverversion von Hot Chocolates "Every 1's A Winner", gefolgt von einem nicht minder kurios-furiosen Future-Disco-Funk namens "Despoiler Of Cadaver".

Und genau das ist Segall natürlich: Kein parasitärer Verweser des im 21. Jahrhundert an Relevanz verlierenden Rock-Genres, sondern einer seiner eifrigsten Balsamierer. Wie immer verweisen die zahlreichen Einflüsse des Segallschen Rock-Spektrums konsequent in ty segaldie Sechziger und Siebziger. Die Beatles ("Cry, Cry, Cry", "Rain", auch wenn's kein Cover ist) werden ebenso gewürdigt wie Neil Young & Crazy Horse ("Alta") und Segalls ewiges Vorbild Marc Bolan und T-Rex (u.a. "The Main Pretender"). "Fanny Dog" überrascht als eines von mehreren Stücken mit forschen Bläser-Einsätzen, der zerfetzte Hardcore-Punker "Meaning" wird von Ehefrau Denée (Vial) mehr geschrien als gesungen - und "She" zelebriert, sechs grandios vergnieldelte Minuten lang, Black Sabbath und Led Zeppelin. Um Perfektion geht es Segall nie, nur um Energie. Alles muss raus, schnell, laut und ungestüm. Es geht, wie immer, wenn Rock gut ist, um die Euphorie des Moments. Mit "The Last Waltz" (kein The-Band-Cover) taumelt und torkelt er sich ungestüm durch einen Jubiläumstänzchen Honky-Punk-Stil.

Im 12-minütigen Endstück "And Goodnight" formuliert Segall dann sein ganz persönliches "Down By The River", ein Monument für die Ewigkeit also, und zitiert sich folgerichtig selbst: Kenner werden "Sleeper" von 2013 wiederfinden, ergibt ja auch Sinn in einem Schlaflied. Ty Segall ist kein Erneuerer, im Gegenteil, er ist ein "Dreamer", der seine Träume lebt. Unermüdlich und hellwach. (8.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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