Abgehört - neue Musik Entwaffnend uncool

Können deutsche Indie-Rocker Sixties-Schlager und Chanson? Max Richard Leßmann kann. Außerdem: verschollene Deutschpop-Blaupausen aus Bad Salzuflen und das Quasi-Coming-out von Tyler, the Creator.

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Max Richard Leßmann - "Liebe in den Zeiten der Follower"
(Caroline/Universal, seit 21. Juli)

"Du, Sebastian, ich wollte früher eigentlich immer so Chanson-Swing-Schlagerkram machen", soll Max Richard Leßmann zu Sebastian Madsen gesagt haben. Naja, und das haben die beiden Indierock-Typen dann auch gemacht, ungefähr so wie Alex Turner und Miles Kane damals gesagt haben: Hey, aus dieser gemeinsamen Vorliebe für Plüsch und Sixties und Burt Bacharach, daraus lässt sich doch was machen. Das nannte sich dann Last Shadow Puppets.

Dazu muss man wissen: Im Gegensatz zu Kane, Turner und seinem Produzenten Madsen ist Leßmann gerade mal 25 Jahre alt. Aber wenn man die Lieder seines Debüt-Albums hört, durchwirkt von, eben, deutschem wie französischem Chanson, Swing und Schlager, dann hat man nicht den Eindruck, dass sich hier ein smarter Jüngling einen Scherz erlaubt. Und so würde dieses Album auch nicht funktionieren. Leßmann nimmt seine Leidenschaft ernst, verkünstelt sich nicht, wie der stilistisch verwandte Max Raabe, schafft es aber dennoch auf ähnliches Humor- und Sympathie-Niveau. Das schafft man nur, wenn man schon ein bisschen was erlebt und gemacht hat: Leßmann spielte schon als Teenager in seiner Band Vierkanttretlager, mit der er nicht nur mehrere Alben aufnahm, sondern auch einen Auftritt beim Bundesvision Song Contest absolvierte. Inzwischen ist er ein gefragter Songwriter im deutschen Pop und schreibt für Acts, in deren Texten es nicht nur um Banalitäten und Befindlichkeiten geht, darunter Casper, Prinz Pi und seit neuestem Romano.

Andreas Borcholtes Playlist KW 30
SPIEGEL ONLINE

1. Moses Sumney: Doomed

2. Oneohtrix Point Never: Good Time

3. Mount Kimbie feat. King Krule: Blue Train Lines

4. Tyler, The Creator feat. Frank Ocean: 911/ Mr. Lonely

5. Kamaiyah: Build You Up

6. Fünf Sterne Deluxe: Moin Bumm Tschack

7. Romano: Copyshop

8. Füffi: Karrieremodus Tod

9. Max Richard Leßmann: Ein Lied aus Dir

10. Jetzt!: Kommst Du mit in den Alltag?

Leßmanns Erzählfigur in seinen eigenen Texten ist die des romantischen Träumers, ein verliebter Simplicius, der durchaus weiß, wie die Welt läuft, sich aber entschieden hat, alles nicht so kompliziert zu nehmen: "Eigentlich muss man nichts müssen, außer Küssen muss man nichts", postuliert er fröhlich in "Küssen" - und mokiert sich in den Strophen über Selfie- und Instagram-Wahn. Dazu jodeln im Hintergrund schönste -Beach-Boys-Choräle, es seufzen die Streicher. Allein aus der selbstgewissen Schönheit dieser schwelgenden Musik heraus, kann sich das von Druck und Stress geplagte Neuzeit-Individuum mal ein seufzendes Aufatmen leisten.

Küssen, um nochmals Max Raabe zu bemühen, kann man bekanntlich aber nicht alleine, und deshalb sehnt sich Leßmann in vielen anderen Songs überraschend unpeinlich, dafür wortgewandt und witzbegabt nach der Herzdame, die ihn, zumindest temporär, verlassen hat. Facebook-Buddys und Followern erteilt er eine Absage: "Ich wünschte, dass ich niemanden mehr kennte", konjunktiviert er korrekt, "nur dich, nur dich, nur dich, nur dich!" Weniger Comedian Harmonists, dafür mehr Rat Pack, wird es in, "Sie trinkt": "Sie trinkt, sie raucht, sie riecht gut/ Sie sieht ein bisschen so aus wie Brigitte Bardot", singt er da, charmant "gut" auf "dot" reimend - und natürlich sieht "sie" am Ende "ein bisschen so aus wie du". Hach. Später hat er dann selbst "Einen im Tee".

Also: Verbrennen Sie mit Max Richard Leßmann all sein Geld im "Lavendelfeld", gehen Sie mit ihm ins Salzwasserfreibad ("Keine Langeweile") oder basteln Sie mit Papier, Melodie und fechten Küssen eine schöne Ballade ("Lied aus Dir". Hören Sie dabei Montand, Morricone oder Muppetshow heraus. Entwaffnend uncool. (7.5) Andreas Borcholte


Tyler, the Creator - "Flower Boy"
(Columbia/Sony, seit 21. Juli)

Mensch, sie werden so schnell erwachsen. Und ganz ehrlich: Bei Tyler, the Creator hat man nichts dagegen. Den Rapper aus Los Angeles hatte man schließlich nach dem ersten Hype um sein 2011 erschienenes Debüt "Goblin" schon fast abgeschrieben. Als durchaus talentierten Musiker, der seinen Moment hatte, klar. Aber eben auch als jemanden, dessen notorisch schlechte Manieren und dessen katasterhafte Verwendung misogynen und homophoben Slangs schnell nur noch nervte. Neunmal "Faggot" in einem Song? Uff.

Was bedeutet es also, wenn dieser Tyler, the Creator nun auf seinem dritten Album Zeilen wie diese raushaut? "Truth is, since you kid, thought it was a phase (...)/But, it's still going on", rappt er in "Garden Shed". Neugierig? "I Ain't Got Time!": "Next line will have 'em like 'Whoa'/I been kissing white boys since 2004." Ist er also schwul? War sein verlässliches "Faggot" bloß eine Reaktion angesichts der eigenen ungeklärten Sexualität? Oder will er am Ende wieder mal nur provozieren?

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die Wahrheit ist: Es ist vollkommen egal. "Flower Boy" bietet eine neue musikalische Vielfalt zwischen der instrumentenlastigen Seligkeit eines Chance the Rapper und dem sedierten Düster-Rap, den man von Odd-Future-Crew-Kollege Earl Sweatshirt und Tyler selbst kennt. Zwischen den Zeilen tritt zudem etwas zu Tage, was man bisher vergeblich suchte: Der Mensch hinter der Kunstfigur. Und der ist vor allem: verletzlich und verunsichert.

Die 14 Tracks funktionieren dabei als Kaleidoskop juveniler Ängste. In Rückblenden, Reflexionen und aktuellen Bestandsaufnahmen formuliert Tyler eine éducation sentimentale für die Glasfasergeneration. Die Möglichkeiten schier unendlich, die Welt zu Jedermanns Füßen, aber die ollen Gefühle wird man eben nicht los: Verlustangst, Liebeskummer, Langeweile, die ganze Palette. "I'm the loneliest man alive", singt Tyler in "911/Mr. Lonely (feat. Frank Ocean & Steve Lacey)". "But I keep on dancing to throw them off." Dass das nicht erst seit gestern gilt, glaubt man ihm. Auf "Flower Boy" hat er jedoch endlich das nötige künstlerische Rüstzeug, um es auch unfallfrei auszudrücken. (8.0) Dennis Pohl

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Jetzt! - "Liebe in großen Städten"
(Tapete Records, seit 21. Juli)

Die Musik von Jetzt! war lange Zeit verschollen und sagenumwoben. Mitte der Achtzigerjahre fanden in der tiefsten deutschen Provinz, in Bad Salzuflen, einige umtriebige Akteure der späteren Hamburger Schule zusammen. Frank Spilker von den Sternen, Bernd Begemann, Bernadette La Hengst und Jochen Distelmeyer, später Blumfeld, veröffentlichten mit ihren damaligen Bands auf dem "Fast Weltweit"-Label Kassetten. Zentrum dieses Kosmos war Michael Girke, Sänger und Gitarrist von Jetzt!. Von der Band gab es zu Lebzeiten kaum mehr als das 1987 aufgenommene Tape "Liebe in GROSSEN Städten". Die fünf Stücke sind vor einigen Jahren im Netz aufgetaucht und jetzt, ergänzt um weitere Songs, zum ersten Mal auf Vinyl und CD erschienen.

Jetzt! schlossen an den damaligen britischen Indie-Pop an, der freundliche Sturm und Drang von The Wedding Present und die Eleganz von Style Council klingen immer wieder durch (an der Trompete: Jochen Distelmeyer). Girke singt über die Enge auf dem Dorf, die Liebe, Leben in Deutschland ("Es ist langweilig/ Wir tun es trotzdem") und die Schwierigkeiten, aus dem auszuscheren, was für einen vorgesehen ist. Die Lieder drängen ins Offene und erzählen immer wieder davon, dass man da nicht ohne Weiteres hinkommt.

Bei ihrem für lange Zeit letzten Konzert 2007 in Hamburg spielten Blumfeld den Jetzt!-Song "Kommst du mit in den Alltag?": "Weißt Du noch/ Unter der alten Brücke/ Wir hatten uns so fest geschwor'n/ Anders zu sein/ Als die Leute in ihren Büros/ Alles schien so einfach zu sein/ Doch wir haben von all dem noch gar nichts gewusst". Diskursfreude und Sehnsucht, nach Ernst Bloch das einzige ehrliche Gefühl, verbinden sich in der Musik von Jetzt! zu wunderschönen, reflektierten Popsongs. Neben mir brach ein erwachsen gewordener Blumfeld-Fan in Tränen aus. 1987 endete "Kommst du mit in den Alltag?" noch beschwingt, mit einem Chor: "Nieder mit den Umständen/ Es lebe die Zärtlichkeit".

Michael Girkes Musik und seine Texte sind von einer strahlenden Intelligenz - ein geglückter Versuch, aus der Sackgasse rauszukommen, in der Punk und NDW gerade gelandet waren. Warum diese Band damals nicht einfach alles neu machen konnte, bleibt rätselhaft. (9.0) Benjamin Moldenhauer

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
germ, 25.07.2017
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"Liebe in den Zeiten der Follower": Erst 25 Jahre alt und schon so konservativ? "Flower Boy": Rap - und schon bin ich weg! "Liebe in großen Städten": Dürftig und altmodisch. Tut mir leid, ich hätte ja gerne was Nettes gesagt!
ericstrip 25.07.2017
2. Aha...
...Fast Weltweit wird (wieder) wiederentdeckt. Kann ich nur befürworten. Zum heutigen Tag paßt auch "Ein verregneter Sommer" vom jungen Frank Spilker.
Eylin Pauli 26.07.2017
3. Gesangslehrer gesucht!
Herr Max Richard Leßmann benötigt dringend nur eins: Einen wirklich fähigen Gesangslehrer. Der Herr hat ja eine Stimme zum Weglaufen, immer einen halben Ton daneben. Dabei gibt's doch heute fähige Software, die aus jedem Nichtkönner eine Gesangskoryphäe macht. Ich frage mich nur, welche Fähigkeiten der Herr sonst noch hat und wie er es geschafft hat, dass dieser Mist auf CD gebrannt wurde.
Max Dralle 26.07.2017
4. Jetzt!
Immerhin gibt es von Jetzt!, wenn auch in der Schreibweise "Jetzt...", noch eine handfeste Vinylsingle mit den Stücken "Acht Stunden sind kein Tag" und "Meine stille Generation". Sie stammt aus dem Jahr 1984 und wurde von Thomas Schwebel (S.Y.P.H., Fehlfarben etc.) produziert. Darauf kommt man nicht unbedingt, wenn man den Artikel liest.
ancoats 26.07.2017
5.
Zitat von Eylin PauliHerr Max Richard Leßmann benötigt dringend nur eins: Einen wirklich fähigen Gesangslehrer. Der Herr hat ja eine Stimme zum Weglaufen, immer einen halben Ton daneben. Dabei gibt's doch heute fähige Software, die aus jedem Nichtkönner eine Gesangskoryphäe macht. Ich frage mich nur, welche Fähigkeiten der Herr sonst noch hat und wie er es geschafft hat, dass dieser Mist auf CD gebrannt wurde.
Nö. Die aktuelle Popwelt wimmelt nur so von leblosem, mit "fähiger Software" zurecht-gestromlinienformten Quark, da bin zumindest ich immer gurndsätzlich dankbar für ein bisschen charmanten Unperfektionismus. Und - nach konventionellem Maßstab - "Nicht-Singen-Können" war im Pop zum Glück noch nie ein wesentliches Kriterium.
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