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U2 in Oberhausen: Auf 'ne Blutwurst mit Bono

Von , Oberhausen

U2s Auftritt im Treppenhaus: Rückbesinnung in Oberhausen Fotos
AFP

Große Band ganz kleinlaut: Bei einem intimen Konzert vor 200 Fans in einem Treppenhaus in Oberhausen gaben sich die Rock-Superstars U2 verletzlich und volksnah.

"Ich bin ein emotionales Wrack", sagt Bono Vox und bittet seine Fans um Ruhe. Der nächste Song sei so speziell, er müsse erst kurz den Zugang zu dem Lied finden. Es ist die schöne, pathosschwangere Ballade "Every Breaking Wave" vom neuen Album "Songs of Innocence". Die Stimme des U2-Sängers, eigentlich ein Mann der eher größeren Rockgeste, ist brüchig, als er sich an die rund 200 Zuschauer wendet, die vor ihm in einem zur Konzerthalle umfunktionierten Treppenhaus des Privatsenderverbunds NRW Radio in Oberhausen stehen.

Per Gewinnspiel konnten sich die Fans für das exklusive Event am Freitagnachmittag bewerben. Einige der glücklichen Gewinner standen bereits am Morgen vor dem alten Backsteingebäude in einem Industriegebiet der Ruhrpottstadt. Trotz Gedränge im verwinkelten Treppenaufgang ist die Stimmung auf dem Höhepunkt, als die Band um kurz nach 16 Uhr endlich auftritt und fünf Stücke spielt: vier neue und das altbekannte "Stuck In A Moment You Can't Get Out Of".

Mitgebrachte Plattencover, vorzugsweise der Achtzigerjahre-Klassiker "The Joshua Tree", werden in die Höhe gehalten, vereinzelt ruft eine Frauenstimme "Bono, I love you!".

Bescheiden im Treppenhaus

U2, die vielleicht größte intakte Rockband neben den Rolling Stones, tritt sonst nur in Fußballstadien auf. In Oberhausen präsentieren sie sich erstmals "unplugged" und ganz bescheiden, in einem Treppenhaus im alten Arbeiterrevier der Bundesrepublik - ein nicht gerade alltägliches Ereignis. Wie konnte es dazu kommen? Und wieso jetzt?

Zwei Stunden vorher, bei einem intimen Mittagessen mit vier deutschen Journalisten im Oberhausener Top-Restaurant Hackbarth's ist die aktuelle Gemütsverfassung der irischen Superstars das bestimmende Thema. Bei Rinderfilet, Maispoularde und Loup de mer - um den Gesprächsfluss nicht zu stören in mundgerechten Happen angereicht - berichten Bono, Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton und Drummer Larry Mullen Jr. vom Entstehungsprozess des neuen Albums.

Durch die spektakuläre Umsonst-Bereitstellung im Apples iTunes-Store wurde es Anfang September zum Gegenstand einer Internet-Empörung über Zwangsbeschallung und Popstar-Größenwahn. Inzwischen ist die Platte regulär auf CD erschienen, ergänzt durch einen Akustikset und Bonustracks.

Ein gutes Album

Da sich laut Apple bereits mehr als 30 der rund 500 Millionen iTunes-Kunden gratis mit "Songs of Innocence" versorgt haben, ist bemerkenswert, aber nicht wirklich überraschend, dass U2 zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht automatisch auf die Spitzenplätze der Charts gelangten. In den USA reichte es für Platz neun der Billboard-Charts. In Deutschland gab es Platz zwei hinter dem Bushido-Zögling Shindy.

Was im Shitstorm weitgehend unterging, ist die Tatsache, dass "Songs of Innocence" ein sehr gutes U2-Album ist, vielleicht das beste seit dem 1991 veröffentlichten "Achtung Baby". Im Titel an William Blakes Gedichtsammlung "Songs of Innocence and Experience" angelehnt, ging die Band zurück zu ihren Urspüngen im Dublin der späten Siebziger. Zum aufrüttelnden Sound der Ramones, zum Erweckungserlebnis des ersten Clash-Konzerts, zur ersten Reise ins magische Los Angeles, zum ersten Sex, zum ersten Verlust eines wichtigen Menschen.

"Wir wollten herausfinden, wer wir sind. Ob wir noch die Band sind, die wir vor mehr als 30 Jahren gegründet haben. Ob wir noch in der Lage sind, Songs zu schreiben", sagt Bono, während er sich zaghaft an einer rheinischen Vorspeise mit Blutwurst versucht. Im Kamin des Restaurant-Separees lodert ein rauchloses Deko-Feuer, die Bibliothekencharakter suggerierenden Bücherwände sind bemalte Tapeten. Größenwahn ist hier kein Thema.

Der Ideengeber als Einziger auf dem Cover

Verantwortlich für die Rückbesinnung war jenes U2-Mitglied, das die Band 1976 durch seinen "Musiker gesucht"-Aushang in der örtlichen Schule ins Leben rief: Larry Mullen Jr. Das Reden überlässt der schweigsame Schlagzeuger auch an diesem Nachmittag lieber Bono und The Edge, während er selbst sich appetitvoll einen Maishähnchen-Happen nach dem anderen genehmigt.

Ursprünglich sollte das neue Album eine Fortführung des eher experimentellen, mit nordafrikanischen Rhythmen angereicherten Sounds der zuletzt erschienenen, von Avantgarde-Impressario Brian Eno produzierten Platte "No Line On The Horizon" von 2009 sein. Noch schwebender, noch elektronischer, noch popmoderner, diesmal unter Mitwirkung des Black-Keys-Produzenten Brian "Danger Mouse" Burton.

Doch Mullen Jr., berichtet Bono, habe Einhalt geboten und die anderen drei aufgefordert, noch einmal zu überlegen, wohin die Reise wirklich gehen sollte, nicht nur musikalisch, sondern vielleicht auch für die Band insgesamt.

Vielleicht ist Mullen Jr. deshalb auch als einziges Bandmitglied auf dem Cover des neuen Albums zu sehen. Er legt den Kopf horchend an den Bauch seines Teenager-Sohnes, als wollte er nachforschen, was aus den Idealen der Jugend geworden ist.

Verarbeitung des frühen Todes der Mutter

Man hört es zwischen den Sätzen nur heraus, doch die Zerreißprobe für die Band muss enorm gewesen sein. "Humbling", demütigend, nennt Bono den Prozess, sich wieder auf Songwriter- und Rock'n'Roll-Tugenden zu besinnen, ohne dabei in purer Nostalgie und Verklärung zu enden.

Gefühlvolle Lieder wie "Iris" kamen dabei heraus, in dem Bono abermals den frühen Tod seiner Mutter verarbeitete, fast exakt 40 Jahre, nachdem Iris Hewson am Grab ihres Vaters kollabierte und ihren jüngsten, 14-jährigen Sohn Paul verstört und wütend zurückließ.

Es scheint, als habe die Konfrontation mit der eigenen Historie, vielleicht auch der unvorhergesehene Wutsturm nach der iTunes-Aktion, den heute 54-Jährigen verwundbar und empfindlich gemacht. "Die anderen drei werden nicht oft 'Arschloch' genannt", sagt er. "Ich schon. Weil ich diese öffentliche Figur bin, ein Platzhalter. Aber die einzigen Leute, die mich wirklich kennen, sind die, die mir wirklich zuhören, die meine Stimme im Ohr haben, wenn sie unsere Songs im Zug oder Bus hören."

Musikstreaming über Mobilgeräte habe die Art und Weise, wie vor allem Jüngere Musik hören, revolutioniert, gerade durch die totale Versenkung in die Musik per Kopfhörer: "Intimität ist der neue Punkrock."

Um diese Art der Intimität zu erzeugen, braucht man gute Songs. Und davon haben U2, das zeigte sich eindrucksvoll beim seelenvollen Akustik-Gig nun einige mehr im Repertoire. Sie heißen "Cedarwood Road", "Song For Someone" oder "The Miracle (Of Joey Ramone)" und sorgen für Begeisterung beim Oberhausener Publikum, das die Texte bereits mitsingen konnte.

Die Nabelschau soll auch auf der kommenden Tournee fortgesetzt werden, sagt Bono: "Diese Lieder brauchen ein Dach über dem Kopf, also denken wir zunächst über Indoor-Shows nach." Am liebsten, sagt er lachend, würden sie in Pubs auftreten, so wie früher. Aber das ginge nicht, "weil es da zu viel Alkohol gibt, den wir dann auch trinken müssten". Die Rotweinflaschen beim Lunch im Hackbarth's bleiben unangetastet. Eine Zeit der Ernüchterung für U2.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Der Mann ist ein Heuchler
zappa99 25.10.2014
De facto es geht nur ums Geld. Verschenkt haben die gar nichts, die haben dafür über 100 Mio bekommen. Er gibt den Gutmenschen und faselt von der "Musik als Sakrament", gleichzeitig nutzt seine Firma auch die dubiosesten Steuerschlupflöcher. Geschmack ist Geschmackssache, aber ich finde die Platte bestenfalls durchschnitt. Ohne die gigantische Marketingmaschine dahinter würde sie kaum jemand bemerken.
2.
jot-we 25.10.2014
Lächerlich.
3. Das jüngste U2-Album
stranzjoseffrauss 25.10.2014
ist weder neu noch gut sondern klingt m.E.n. wie die Resteverwertung der Alt-Alben. Rest of the Kitchen wäre ein passenderer Name gewesen.
4. Der allzu bescheidene Bono
weericschmidt 25.10.2014
Ich habe gestern ein Auszug von einem Interview gesehen in dem Bono davon sprach. Im Zuge dessen erwähnte er auch den Umstand das sowieso alle legal gekauften Songs über Itunes gekauft würden. Ups. Lieber Bono, es gibt zumindest einen der dies doch bei z.B. Amazon, Google oder anderen tut. Ich hätte jedoch nie gedacht das ich der einzige bin. Der ganze Aufwand nur für mich? Das beschämt mich jetzt doch ein bisschen. Dann werde ich selbstverständlich in Zukunft zu Itunes wechseln um diesen Irrsinnigen Aufwand zu vermeiden. (Ende Ironie) Jetzt mal im Ernst. Du entschuldigst Dich für Dein arrogantes Verhalten und schiebst im selben Moment noch so eine Werbeaktion mit raus? Schade. Ich habe U2 einmal ernst genommen und auch gemocht. Schade dass sie heute Konzernmusiker geworden sind. Das ist mir, der sich noch an Rock´nRoll erinnern kann, dann doch eine Nummer zu viel. Zudem fällt es mir in diesem Kontext schwer sein soziales Engagement ernst zu nehmen. Schade Bono. Hab mehr von Dir erwartet.
5. Nachtrag zu: Der allzu bescheidene Bono
weericschmidt 25.10.2014
Hab grade die 3 alten Platten die ich noch von Euch hatte gelöscht. Tja, alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei.
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