Udo Jürgens, wiedergehört Vielen Dank für die Lieder

Tausend Songs hat Udo Jürgens geschrieben, viele sind Klassiker geworden, manche eher Kennern bekannt. Hier zehn exemplarische Titel aus der großen Karriere des Sängers und Komponisten - zum Raussuchen und Nachhören.

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Udo Jürgens 1965 mit dem Discjockey Klaus Quirin
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Udo Jürgens 1965 mit dem Discjockey Klaus Quirin

"Siebzehn Jahr, blondes Haar" (1965)

Udo Jürgens wurde nicht über Nacht zum Star. Er war der Musikbranche dankbar, dass ihm immer wieder Chancen gegeben wurden, von seinem ersten Talentwettbewerb, den er als 17-Jähriger gewann, bis zum internationalen Durchbruch mit Anfang Dreißig. Doch hatte Jürgens ja auch immer wieder Achtungserfolge. So wie diesen selbstkomponierten Hit, über dessen fast schon zu sehr zur Sache kommenden Refrain oft die ominösen Strophen vergessen werden: "Menschen wohin ich schau, Großstadtgetriebe", gesungen mit so einer sanften Melancholie, wie sie ungefähr gleichzeitig in England Scott Walker fühlte.

Sieg im dritten Anlauf beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966
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Sieg im dritten Anlauf beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966

"Merci, Chérie" (1966)

Als Udo Jürgens seinen Siegertitel beim Grand Prix Eurovision noch einmal vortragen darf, bedankt er sich erstmal höflich, langsam und deutlich: "Merci, Jury". Es war endlich der Erfolg, im dritten Versuch in Folge, dabei heißt es doch in der Ballade: "Zwingen kann man kein Glück". Endlich verhalf der Schlagerwettbewerb also doch zum Welterfolg, und Jürgens bedankte sich, indem er Österreich zwei Jahre später die herrlich dramatische Komposition "Tausend Fenster" gab - mit der Karel Gott beim Eurovision Song Contest 1968 allerdings nur auf Platz 13 kam.

Udo Jürgens am Klavier 1967
Getty Images

Udo Jürgens am Klavier 1967

"Der große Abschied" (1967)

"Was ich dir sagen will" war das erste Album unter dem neuen Plattenvertrag, den Udo Jürgens nach dem Eurovisions-Erfolg unterschrieb - und es ist ein Meisterwerk der anspruchsvollen Popmusik. Das Albumfinale gehört diesem Song, in dem der Texter Joachim Fuchsberger das Leben als Abfolge der Jahreszeiten beschrieb - sicher inspiriert von Frank Sinatras "It Was A Very Good Year". Als Fuchsberger im September starb, widmete ihm die offizielle Facebook-Seite von Udo Jürgens dieses Lied zum Gedenken: "Nichts fängt im Leben noch mal an / und was kommt dann?"

Im Schlager-Establishment zwischen Drafi Deutscher (l.) und Roy Black
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Im Schlager-Establishment zwischen Drafi Deutscher (l.) und Roy Black

"Immer wieder geht die Sonne auf" (1967)

Auch dieser Klassiker des Pop-Pathos erschien auf dem Album "Was ich dir sagen will" und blieb ein halbes Jahr lang in den Singlecharts. Burt Bacharach oder Phil Spector sind Zeitgenossen, das hört man: Es ist die Zeit, in der vom Jazz oder der Klassik her ausgebildete Musiker ihr Wissen in kleine Dreiminuten-Kostbarkeiten verdichteten. Einen noch euphorischeren Piano-Abwärtslauf im Refrain gab es dann erst wieder bei "Dancing Queen" von Abba zu hören.

Udo Jürgens mit Melodica in der TV-Show "Musik aus Studio B"
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Udo Jürgens mit Melodica in der TV-Show "Musik aus Studio B"

"Griechischer Wein" (1974)

In den frühen Siebzigerjahren war die Udo-Mania in Deutschland wohl auf dem Höhepunkt, die Tourneen lockten riesige Zuschauerzahlen an. "Griechischer Wein" scheint oberflächlich an die durch Mitklatschnummern und Exotismus geprägte Werkphase anzuknüpfen, doch bei genauerem Hinhören erzählt das Lied von der Sehnsucht der Gastarbeiter in der Fremde. Subtil wird hier also eine Botschaft verpackt, subtiler jedenfalls als Ralph Siegels Produktion.

Am Flügel fürs Fernsehen: Udo Jürgens in der Camargue
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Am Flügel fürs Fernsehen: Udo Jürgens in der Camargue

"Ein ehrenwertes Haus" (1975)

Nie verkörperte Udo Jürgens mehr den Zeitgeist: Der Mainstream war zutiefst sozialdemokratisiert, doch der Untergrund wollte mehr Wandel, lebte in wilder Ehe und besetzte Häuser - was dann wiederum bei konservativeren Geistern für Ängste sorgte. Der Schlagerstar, der keiner sein wollte, schlug sich auf die Seite des Fortschritts: "Weil wir als Paar zusammen leben und noch immer ohne Trauschein sind", sollen der Erzähler und seine Freundin aus dem Haus gedrängt werden. Die Beschreibungen der Spießer ("die Dicke, die den Hund verwöhnt, jedoch ihr eigenes Kind vergißt" oder "Die Witwe, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einzieh'n kann") sind so beißend in ihrem Spott, dass sie trotz Jürgens' chansonesk überdeutlicher Aussprache einer Punkband zur Ehre gereichen würden.

Fit bis zuletzt: Udo Jürgens 1994 auf dem Zürichsee
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Fit bis zuletzt: Udo Jürgens 1994 auf dem Zürichsee

"Sag mir wie" (1977, Originalfassung 1966)

So produktiv Udo Jürgens auch darin war, neue Titel zu komponieren, so griff er für die doch immer mal wieder zurück auf Fremdmaterial - oder er nahm alte Titel aus dem eigenen Repertoire neu auf. "Sag mir wie" war 1966 eine engagierte Single mit einem an Motown erinnernden Beat. Für das 1977er Album "Lieder, die auf Reisen gehen" gab er dem Song ein neues Arrangement mit opulenten Chören und einer Funk-Gitarre: Statt Motown- nun eleganter Philly-Soul. Mit solchen Albumtracks wurden Gassenhauer wie "Aber bitte mit Sahne" oder "Buenos dias, Argentina" besser verdaulich.

Ganz oben: Für eine Schweizer TV-Sendung in den Zentralalpen
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Ganz oben: Für eine Schweizer TV-Sendung in den Zentralalpen

"Ich weiß, was ich will" (1979)

Für die 3-Sat-Sendung "Tonspur - der Soundtrack meines Lebens" präsentierte Udo Jürgens 2012 prägende Songs - von Sinatra, den Beatles oder Elton John, aber auch "Stayin' Alive" von den Bee Gees, die er als Gastgeber einer Fernsehshow kennenlernte. Dass er nichts gegen Disco hatte, zeigte Jürgens mit dem robusten Stampfer "Ich weiß, was ich will". Die Rolle als Womanizer dabei fest im Sinn: "An einem leeren Strand allein mit dir sein, Und alles tun, was man so tun kann zu zwei'n."

2013: "Aber bitte mit Sahne" mit dem Krümelmonster, Ernie und Bert
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2013: "Aber bitte mit Sahne" mit dem Krümelmonster, Ernie und Bert

"Tausend Jahre sind ein Tag" (1979)

"Was ist Zeit?", wisperte der Sänger geheimnisvoll - und es folgte eine Trickfilmsendung, die Kindern die Geheimnisse der Menschheitsgeschichte eröffnen wollte: "Es war einmal der Mensch". Noch bekannter ist natürlich Udo Jürgens' Titellied eines anderen Cartoons. Für die deutsche Fassung von "Tom & Jerry" sang er "Vielen Dank für die Blumen". Und bei einem Besuch in der Sesamstraße fand er einen perfekten Partner für "Aber bitte mit Sahne": das Krümelmonster.

Beim Steiger-Award in Bochum 2008 mit Hans-Dietrich Genscher
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Beim Steiger-Award in Bochum 2008 mit Hans-Dietrich Genscher

"Lieb Vaterland" (Neufassung von 1998, im Original 1971)

Es war das eine Mal, dass Udo Jürgens sich richtig Ärger einhandelte: "Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken? Für die Versicherungspaläste oder Banken?", sang Udo Jürgens 1971 und wurde kritisiert von Konservativen. Unterhaltung habe für ihn mit Haltung zu tun, das betonte Udo Jürgens immer wieder. Dennoch leitete er seine 1998 veröffentlichte Neufassung stets mit beschwichtigenden Worten ein - und sang danach an gegen Atomkraftwerke und Schwarzgeldempfänger.



insgesamt 32 Beiträge
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donadoni 22.12.2014
1. Mein Lieblingslied ...
...ist "Dann kann es sein, dass ein Mann auch mal weint". Der Text stammt von Joachim Fuchsberger. Der Titel stammt aus dem Jahre 68 oder 69.
justus65 22.12.2014
2. Udo Jürgens
Ungläubiges Erwachen gestern Abend bei der Tagesschau. Udo Jürgens ist tot - unfassbar. Die Reportagen zu seinem 80sten zeigten doch einen vitalen Menschen. Im Laufe meines Lebens habe ich schon von vielen verstorbenen Künstlern gehört, aber bei wenigen hat es mich so betroffen gemacht, wie bei Udo Jürgens. Der Mann hat mein ganzs Leben begleitet. Natürlich wuchs meine Generation mit ACDC, Led Zeppelin, Rainbow, etc. auf und deutscher Schlager war inakzeptabel, aber Udo Jürgens war immer gut, hatte immer wieder ein neues Lied, in dem er etwas zu sagen hatte. Danke und alles Gute.
Jan P. 22.12.2014
3. Schade...
Vielleicht war er nicht der beste Sänger, aber Melodien und Texte hatten es in sich! Vor ca. 15 Jahren habe ich ihn in der alten Messehalle in Freiburg Life gesehen. Er war eine Persönlichkeit...
ChristianAlexanderTietgen 22.12.2014
4. Rip
Ruhe in Frieden, lieber Udo! Wir werden dich in Erinnerung behalten.
Bergfalke63 22.12.2014
5. Soundtrack der Bundesrepublik
Treffender hätte es Harpe Kerkeling nicht ausdrücken können. Den einzigen "Schlagerfuzzi", den ich in meiner Jugendzeit gerne gehört habe (und heute erst recht), weil er eben kein "Fuzzi" war, sondern ein begnadeter Künstler, was ich aber leider auch erst später begriffen habe. "Das ehrenwerte Haus" ist leider heute aktueller denn je und wir werden erst mit den Jahren merken, wer da wirklich gestern gestorben ist. Mein Mitgefühl geht an die Familie, die den großartigen Künstler auch als Mensch so plötzlich verloren hat, mir bleibt seine herrliche Musik, um ihn für mich unsterblich zu machen. Danke Udo!
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