"Unser Star für Oslo" Die Nette oder die Nudel?

Finale der 18-Jährigen: In der Schlussrunde von Stefan Raabs "Unser Star für Oslo" entscheidet sich, wer Deutschland beim Eurovision Song Contest vertritt. Die Kandidatinnen Jennifer Braun und Lena Meyer-Landrut sind auf den ersten Blick ähnlich - und könnten doch unterschiedlicher nicht sein.

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Es war ja ein bisschen Mode geworden, zu behaupten, die Zeit der großen Meinungsunterschiede sei vorbei: Ob SPD und CDU, Mercedes und BMW, Wolfsburg und Schalke - alles ähnlich. Es hätte ewig so weiter gehen können, wäre nicht Guido Westerwelle gekommen. Plötzlich merkte man: Es gibt sie doch noch die Spaltung, die unterschiedliche Haltung, es gibt Reich, es gibt Arm und es gibt erstmals seit 1949 sogar einen Bundesaußenminister, mit dessen Amtsführung ein Großteil der Bevölkerung nicht zufrieden ist.

Dass ausgerechnet der Eurovision-Vorentscheid "Unser Star für Oslo" die Tendenz zur Polarisierung bestätigt, mag auf den ersten Blick überraschen: Ist es doch das erste Joint-Venture zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen. Und wer hat nicht beim Fernsehschauen schon den Eindruck gehabt, dass die Ähnlichkeiten zwischen den Sendern nicht unbedingt abgenommen haben.

Doch wenn das Publikum am Freitagabend über die deutsche Vertreterin beim Eurovision Song Contest vom 25. bis 29. Mai in Oslo entscheidet, hat es tatsächlich die Wahl. Zwar sind die Finalistinnen, Jennifer Braun aus Eltville und Lena Meyer-Landrut aus Hannover, gleich alt (18), gehen beide zur Schule, tragen sogar eine ähnliche Frisur (dunkle lange Haare) und haben sechs Vorentscheidungsrunden gut überstanden - doch ihre Konzepte könnten kaum unterschiedlicher sein.

Kackwurst in der Hose

Die Hessin Braun setzt auf den Dorfdisco-tauglichen Gassenhauer, trug "I'm Outta Love" von Anastacia genauso vor wie "Like The Way I Do" von Melissa Etheridge, und gibt sich auch sonst arglos volkstümlich: "Ich bin ja kein böses Mädchen."

Das Lob für sie fiel dementsprechend formelhaft aus: "Erschreckend gut, auf den Punkt" (Stefan Raab), "geil abgeliefert" (König Boris von Fettes Brot), "sehr gut gesungen" (Jan Delay). Delay war es dann auch, der Brauns entscheidenden Makel zum Ausdruck brachte - ihre Biederkeit: "Ich hätte mir bei der Performance mehr Crazyness gewünscht."

Denn die Show heißt "Unser Star für Oslo" - den gewissen Zauber, der Stars mitunter von Nichtstars unterscheidet, hat die Jury offenbar eher bei Brauns norddeutscher Konkurrentin Lena Meyer-Landrut ausgemacht.

Stefan Raab meinte "Ich bin total geflasht", König Boris nannte sie "die verrückte Nudel in der Gang" und Marius Müller-Westernhagen tippte: "Die Menschen werden dich lieben."

Meyer-Landrut setzte bislang nicht auf Hits, sondern auf ziemlich unbekannte Titel von ziemlich unbekannten Künstlern, auf Songs von Adele, The Bird And The Bee oder Paolo Nutini. Die trug sie im jazzig-souligen Stil des einstigen Raab-Proteges Max Mutzke vor. Sie gab sich scherzhaft und schlagfertig - zum Beispiel als sie in deutlicher Anspielung auf Dieter Bohlens " Pipi-Kandidaten" selbstironisch anmerkte: "Ich hab 'ne richtige Kackwurst in der Hose."

"Westerwelle ruiniert das Land"

Ob sie so auch ein gesamteuropäisches Publikum für sich einnehmen könnte ("Kackwurst - Douze points!"), ist noch offen; fest steht: In der Finalsendung am Freitagabend werden beide Sängerinnen mit je drei Liedern auftreten. Noch sind die eigens für die Show geschriebenen Titel geheim - wer sie komponiert und getextet hat, wird gar erst nach der Sendung bekanntgegeben, um die Zuschauer nicht zu beeinflussen.

Zwei der drei Lieder mit denen Braun und Meyer-Landrut antreten sind identisch, dazu kommt jeweils ein drittes, individuelles.

Danach stimmen die Zuschauer telefonisch ein erstes Mal über die Songs ab, Braun und Meyer-Landrut treten mit ihrem jeweiligen Siegertitel auf, schließlich fällen die Zuschauer in einer weiteren Telefonabstimmung ihre endgültige Entscheidung: Wer fährt nach Oslo - die Nette oder die Nudel?

Die von König Boris scheint schon festzustehen: "Westerwelle ruiniert das Land. Du fährst nach Oslo und biegst es wieder gerade", sagte er zu Meyer-Landrut.

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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
tetaro 12.03.2010
1. Treffend
"Dorfdisko-taugliche Gassenhauer"... schön treffend formuliert. Jennifer Braun ist eben handwerklich ok, aber ihr fehlt voll und ganz der Überraschungseffekt. Bei Kandidatin Lena hat man dagegen immer den Eindruck, gerade noch rechtzeitig vom unbeschrankten Bahnübergang runtergekommen zu sein. Es gibt vielzu wenig Frauen, die auf künstlerische Weise irgendwie irre sind, normalerweise erlauben sich nur Männer dieses Privileg. Ob das in Oslo ankommt, ist wieder eine andere Frage, aber ein Star ist die Hannoveranerin allemal.
Monark, 12.03.2010
2. Grundsätzlich
Die verbliebenen Kandidatinnen sind beide gut, können singen und haben Bühnenausstrahlung (was für die meisten anderen Teilnehmern auch galt). Was ich nur nicht ganz verstehe: Die Veranstaltung heißt doch "Eurovision Song Contest" - wieso stimmt das Publikum dann über die Performer ab? Es wäre doch sinnvoller, tatsächlich das Lied wählen zu lassen, mit dem Deutschland in Oslo vertreten sein soll. Was bringt es, wenn ein noch so sympathisches Mädel mit einem langweiligen Song auftritt? Und wer schreibt und produziert das Stück denn überhaupt? Immer noch Siegel, oder schon Raab?
GerwinZwo 12.03.2010
3. Lob
Lob für Stefan Raab. Gute Idee, gute Kandidaten. Dennoch isses halt (nur) eine musikalische Nabelschau. Vor zu großen Hoffnungen für Oslo sei gewarnt. Dieser Bewerb ist und bleibt ein Politikum, die Punktevergabe doch zu sehr von Sympathie und Antipathie zu den einzelnen Ländern bestimmt. Skandinavien unter sich, Baltikum unter sich, der Balkan sowieso, von den Ex-UdSSR-Staaten ganz zu schweigen. Und dann kommen noch aktuelle Befindlichkeiten hinzu. Denke mal, von Griechenland gibts, egal wen wir hinschicken, diesmal "Zero points" ;-).... So gesehen wäre ein Platz um Rang 10-15 schon ein Riesenerfolg...
takeo_ischi 12.03.2010
4. .
Zitat von sysopFinale der 18-Jährigen: In der Schlussrunde von Stefan Raabs "Unser Star für Oslo" entscheidet sich, wer Deutschland beim Eurovision Song Contest vertritt. Die Kandidatinnen Jennifer Braun und Lena Meyer-Landrut sind auf den ersten Blick ähnlich - und könnten doch unterschiedlicher nicht sein. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,683222,00.html
Also ich wäre ja für Jennifer. Aber im Sinne der 'höheren Sache' bietet sich die massenkompatiblere Lena vermutlich eher an. Letztenendes kann man das aber erst in Kombination mit dem von Raab bereitgestellten Song entscheiden. Wenn's ein gildohornigerer Alf Igel Song ist passt Lena, wenn's Richtung Lordi und solider Kunst geht passt Jennifer. Beide hätten es verdient.
chocochip, 12.03.2010
5. Mal sehen...
Zitat von sysopFinale der 18-Jährigen: In der Schlussrunde von Stefan Raabs "Unser Star für Oslo" entscheidet sich, wer Deutschland beim Eurovision Song Contest vertritt. Die Kandidatinnen Jennifer Braun und Lena Meyer-Landrut sind auf den ersten Blick ähnlich - und könnten doch unterschiedlicher nicht sein. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,683222,00.html
"Westerwelle ruiniert das Land. Du fährst nach Oslo und biegst es wieder gerade", sagte er zu Meyer-Landrut. Hoffentlich biegt sie dann den Schwulenhass von König Boris und anderen auch wieder gerade.
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