Unsound-Festival in Krakau Licht aus zum Geräusche-Porno

Eine bebende Kirche und ein Ex-Pornostar, der sich unsichtbar macht: Wer die neuesten Mutationen elektronischer Musik entdecken will, fährt zum Unsound-Festival nach Krakau. Diesjähriger Höhepunkt war das Live-Debüt der ehemaligen Sex-Actrice Sasha Grey.

aus Krakau berichtet


Liebe unbekannte Festivalbesucherin, falls Sie dies unwahrscheinlicherweise lesen, bitte ich herzlich um Entschuldigung dafür, dass ich Ihnen am Samstag so unfein ins Gesicht gefasst habe. Ich wollte Sie mitnichten antatschen, sondern suchte nur nach einem Geländer zum Festhalten in dieser nachtschwarzen Dunkelheit, die uns alle umgab.

Ums Sehen ging es bei der zehnten Ausgabe des polnischen Unsound-Festivals eher weniger. Sehen, das konnte man tagsüber in der malerischen Altstadt Krakaus genug, deren Barock- und Gotik-Bauten sich an dem vielleicht letzten schönen Herbstwochenende des Jahres pastellfarben im fahlen, aber wärmenden Sonnenlicht präsentierten. Gesättigt mit diesen Eindrücken tauchte man immer wieder ein in fast lichtlose Clubräume; ein leicht überforderndes, aber auch faszinierendes Umschalten der Sinne vom visuellen zum auralen, ganz und gar körperlichen Erfahren und Erfühlen.

Erst wenn sich die Augen allmählich gewöhnt hatten, sah man vorne auf der Bühne den Künstler, konzentriert über Laptop oder Konsole gebeugt, sich wiegend im Strom der Klänge - wobei sich stets die Frage stellte, ob man diesen an Knöpfen drehenden Geräuschkomponisten wirklich beim äußerlich eher langweiligen Erschaffen ihrer spektakulären Musik zusehen muss.

Zwischen Uralt und Avantgarde

Seit 2003 trifft sich eine internationale, inzwischen sehr namhafte Riege experimenteller Künstler aus allen Bereichen elektronischer Musik in der südpolnischen Kulturstadt, um den neuesten Mutationen ihres Genres nachzuforschen. Nach Themen wie "Horror" und "Future Shock" galt in diesem Jahr das apokalyptische Motto "The End". Entsprechend düster und morbid waren die meisten Darbietungen aus den Genres Dark Ambient und Drone. Und umso größer der Kontrast zur spätsommerlichen Herrlichkeit rund um das Wahrzeichen Krakaus, die alte Königsburg Wawel. Geschickt nutzen die Veranstalter diese Gegensätzlichkeit von Uraltem und Avantgarde aus und platzieren ihre futuristischen Musik-Events immer wieder mitten hinein in die alte Pracht.

Zu den Stars zählte die amerikanische Sängerin und Multiinstrumentalistin Julia Holter, die für ihr Album "Ekstasis" gefeiert wurde. Ihren fragilen, ätherischen Gesang präsentierte sie zusammen mit einem polnischen Streichquartett in der riesigen Gotik-Kirche St. Katharinen, was das Andachtsvolle ihrer schwebenden Musik nahezu perfekt unterstützte. Nach Holter bearbeiteten der Kanadier Tim Hecker und der in Brooklyn arbeitende Daniel Lopatin (Oneohtrix) die heilige Halle und ließen mit tief dröhnenden Bässen die uralten Gemälde am Gemäuer so rasselnd erschauern, dass man Angst bekam, sie würden donnernd herabstürzen. Hypnotisiert versank man im Schummerlicht der Kirche im Klanggewölbe der beiden Musiker, die mit ihrer eigens für den Abend angefertigten Suite eine Art Ursuppe der Erde kochten: Harsches Schleifen und Knarzen, ein Aufeinanderkratzen, das an sich verwerfende Kontinentalplatten gemahnte, dazu gedämpfte, wattige Sphärentöne.

Höhepunkt des Festivals war am Samstagabend der weltweit erste Live-Auftritt der kalifornischen Elektronik-Band aTelecine in einer langgestreckten Halle mit feinziselierter, eiserner Deckenverstrebung, die eigentlich ein Technikmuseum ist, vom Unsound-Team aber zur kargen Konzerthalle für rund tausend Zuschauer umfunktioniert wurde. Man rechnete mit dem Andrang, da aTelecine über ein prominentes Mitglied verfügen: die 24-jährige Ex-Pornodarstellerin Sasha Grey. Im Herbst 2011 gab die Actrice, die bürgerlich Marina Ann Hantzis heißt, ihren Abschied aus der Sexindustrie bekannt und konzentrierte sich auf Fotografie und ihre Musik, die vom rauschhaften britischen Industrial-Sound von Bands wie Throbbing Gristle oder Coil beeinflusst wurde. Im Herbst vergangenen Jahres erschien das Debütalbum des Trios aus Los Angeles.

Porno, invertiert

Natürlich ging es den meisten wohl vor allem darum, Grey zu sehen. Doch wie gesagt, mit dem Sehen ist es so eine Sache beim Unsound-Festival - eine schöne Gelegenheit für die Künstlerin, mit dem Voyeurismus des Publikums zu spielen. Denn auf der Bühne war es fast genauso dunkel wie im Rest der Halle, in der es, Charme der Improvisation, weder Bar noch WC oder ausreichende Lüftung gab. Wie es sich für Musiker ihres Genres gehört, hatte sich Grey rechts am Bühnenrand hinter einem Pult voller Gerätschaften und Laptop postiert, am linken Rand ihr Bandkollege Ian Cinnamon, ebenfalls verschanzt. Dazwischen eine riesige Videoleinwand, um die Konzeptkunst der Band zu präsentieren.

Greys Gesicht, fahl beschienen vom Monitor ihres Computers, wurde umrahmt von ihrem langen, dunklen Haar, das sie immer wieder zur Seite streichen musste, während sie am Rechner oder Mischpult neue Geräusche in den sanft groovenden, schwarzromantischen Sphärensound einspeiste, der ab und an von scharfkantigen Gesangsfetzen durchbrochen wurde. Klar war schnell: Um Personenkult geht es hier nicht - und so wurde die gelungene Performance der Band zur Antithese dessen, was man bisher mit dem Namen Sasha Grey verband, nämlich eine selbstbewusst vertretene Karriere als Hardcore-Porno-Star. Hier stattdessen: Mystische, sich auftürmende, ineinanderfließende Düsternisklänge, illustriert von Bildern von Herbstlaub und, sehr irritierend, rückwärts laufenden Rehen.

Und dann doch noch: Sasha Greys Kopf in Überlebensgröße auf der Videoleinwand. Langsam beginnt sie den Kopf zu schütteln, den Mund zu einem stummen Schmerzensschrei geöffnet, die Haare fliegen herum, bis sie ihr Gesicht fast ganz verdecken. Man kann viel hineinlesen in diese Gesten der Verweigerung und sie als radikale Neuerfindung verstehen. Muss man aber nicht. Lohnender, und stimulierender, ist es, sich auf die Musik von aTelecine zu konzentrieren.

Elektro-Punk in Hasenmaske

Das hätte man auch gerne beim Auftritt des britischen, in Berlin lebenden Künstlers James Leyland Kirby alias The Caretaker getan, der sein vielseitiges Experimental-Projekt V/Vm für Unsound noch einmal aufleben ließ und zu einer brachialen Performance-Show in ein Multiplex-Kino geladen hatte. Thema des Abends: "Proper Kaput". Kaputt waren am Ende einer knappen Dreiviertelstunde nicht nur die Bandscheiben Kirbys (Vom wilden Herumspringen und -Wälzen auf der Bühne) sowie Dutzende vorher verteilter Luftballons, die auf Kommando aufgepustet werden mussten, sondern wohl auch die Trommelfelle der meisten Zuschauer, da die Kino-Anlage nicht für die brutale Lautstärke ausgelegt war und in den hohen Frequenzen schmerzhaft übersteuerte.

Kirbys kongeniale Masche: Altbekannte Popsongs verfremden und zerschreddern und auf der Bühne so tun, als würde er sie selbst singen - mit reichlich Pathos. Den Bryan-Adams-Schmachtfetzen "Everything I Do (I Do It For You)" drehten Kirby und sein Bühnenpartner ebenso durch den Distortion-Wolf wie Art Garfunkels Hymne "Bright Eyes" in einer nervenzerrend tiefergelegten Doom-Version. Illustriert wurde der erste V/VM-Auftritt seit 2006 von Video-Bildern der Begräbniszeremonie von King George VI und anderen Trauerspielen.

Kirby, zeitweise mit Donnie-Darko-Hasenmaske, dekonstruierte den Rock'n'Roll-Mythos mit dieser irren Darbietung aufs Gemeinste: All das Grelle, Ausstellerische, Posierende eines konventionellen Pop- oder Rock-Konzertevents wurde der Perversion preisgegeben. Sage noch mal jemand, es gäbe keinen Punk in der Experimental-Szene. Grandios! Aber auch anstrengend.

Fast erleichtert kehrte man da in die dunklen Laborräume des Festivalbetriebs zurück, in denen unauffällige junge Männer in T-Shirt und Jeans über Computern brüten. Emptyset aus Bristol zum Beispiel, die ihr elektrisch geladenes Summen und Brummen mit kratzenden Entladungen weißen Lärms durchbrechen und dazu einen langsamen, sehr harten Technobeat abrollen lassen. Oder die Londoner Band Factory Floor, die ihren treibenden Elektro-Groove mit Live-Drums und Gitarre verfeinern.

Von solchen Daniel Düsentriebs der Musikavantgarde gab es in Krakau viele zu bestaunen. Zu manchen, wie der New Yorker DJane Fatima al Qadiri oder dem britischen DJ Heatsick, tanzte man die ganze Nacht mit wohligem Bassbeben im Körper, bei manchen, wie dem Londoner Experimentalmusiker Luke Younger alias Helm, ließ man sich nachmittags im plüschigen Zwielicht eines Nachtclubs von raumgreifendem Dröhnen einlullen. Zum Glück dämmerte danach der Abend. Einziger Nachteil dieses jungen, durchweg sympathischen Festivals: Man wird ein wenig lichtscheu. Aber das fällt in der nun anbrechenden dunklen Jahreszeit ja nicht weiter auf.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
laserbauch 23.10.2012
1. .
klingt toll, vor allem wegen tim hecker. frollein grey hätte ich mir aber auch angeschaut =)
marcuswulffings 24.10.2012
2.
Ich denke dass Sasha zu weit mit ihrem selbst Beweis als Multitalent Mädchen gegangen hatte.... http://www.clubbingunlimited.com
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