US-HipHop Beten statt fluchen

Die Botschaft der Hit-Single von Kanye West, dem neuen Hiphop-Superstar: Jesus ist mit uns. Die amerikanische Szene wird gottesfürchtig.

Von Jonathan Fischer


Kanye West: "Jesus Walks" stürmt die Charts
Amy V. Cooper

Kanye West: "Jesus Walks" stürmt die Charts

Daß ausgerechnet ein Zwiegespräch mit Gott zu einem der erfolgreichsten Songs dieses Sommers werden würde, darauf hätte wohl niemand gewettet. Erst recht nicht im Genre Hip-Hop. Bezieht doch diese Musikrichtung einen Großteil ihrer Anziehung aus der Ventilfunktion für tabuisierte Themen wie Gewalt, Sex und Rachephantasien. Gott mag zwar in den Danksagungen im CD-Booklet so gut wie jedes schwarzen Entertainers auftauchen - allzu offensichtliche Religiosität aber galt im Popgeschäft schon immer als uncool. Wer kann schon aus dem Stegreif die Namen von drei christlichen Bands aufsagen?

Doch diesen Sommer stürmt ein Stück die Charts, das christlicher kaum sein könnte: "Jesus Walks" heißt es und stammt von Kanye West, 26, dem neuen Superstar im Hip-Hop. Bislang machte der vor allem als Produzent von sich reden, er verhalf Künstlern wie Alicia Keys oder Jay-Z zu Hits. Anfang des Jahres erschien seine erste Soloplatte, an der aktuellen Single, "Jesus Walks", will er ganze drei Jahre gearbeitet haben. Herausgekommen ist eine Mischung aus Funk-Samples, Gospelchören und Reimen, die davon handeln, daß man mit Gott sprechen soll und daß Jesus niemanden im Stich läßt. Er habe den Song so gut machen wollen, daß ihn Deejays sogar gegen ihren Willen in den Clubs oder im Radio spielen müßten, sagt West, der vor zwei Jahren einen schweren Autounfall überlebte und seither noch gläubiger ist, als er vorher schon war. Sein missionarischer Plan scheint aufgegangen: der Song ist in den Charts; das Video läuft im Musikfernsehen - zur Sicherheit hat West gleich drei Versionen drehen lassen, in einer davon verfolgt Jesus Kanye West durch sein ganzes Viertel bis in die Kirche. Die Botschaft ist klar: Jesus ist mit uns.

Die Religion erobert die Popkultur: Immer mehr junge Menschen laufen in Amerika mit "Jesus is my homeboy"-Sweatshirts herum; Hollywood feiert mit "Fighting Temptations" den Gospel; ein ehemaliger Provokateur namens Prince predigt Ehe, Glauben und Züchtigkeit. R&B-Star R.Kelly, eben noch wegen Unzucht mit Minderjährigen vor Gericht, will sich mit einem religiösen Opus rehabilitieren. Selbst Hardcore-Rapper DMX spricht davon, sein Hundehalsband gegen ein Predigerbäffchen einzutauschen. Und dann ist da noch der Rapper Mase: Der einst für platten Party-Hedonismus bekannte Musiker leitet inzwischen als Reverend Mason Betha eine eigene Kirchengemeinde. Er sei seiner Rolle im Hip-Hop geistig nicht gewachsen gewesen, erklärt er seinen vor fünf Jahren vollzogenen Wechsel. Jetzt hat er eine neue Platte gemacht, "Welcome Back", und sie unterscheidet sich gewaltig von seinem Multi-Platin-Debüt "Harlem World": Statt geflucht wird gelobt; im Hintergrund singt ein Frauenchor "We don't have to take our clothes off to have a good time ..." Nach all den Bikini- und Oben-ohne-Schönheiten der letzten Hip-Hop-Jahre wirklich eine überraschende Erkenntnis.

"Gejagtes und gehaßtes Volk"

Daß Hip-Hop ein Problem hat, war lange offensichtlich. Überrollt vom eigenen Wachstum und dem jahrelang gepredigten Materialismus, war ihm irgendwie die Mitte abhanden gekommen. "Wir sind im Krieg mit Terrorismus, Rassismus, aber am allermeisten mit uns selbst" - rappt Kanye West in "Jesus Walks". Die Anschläge vom 11. September mögen die Rückbesinnung auf innere Werte mitverursacht haben, als alleinige Erklärung greifen sie zu kurz. Vielmehr scheint im jungen Genre Hip-Hop ein natürlicher Reifeprozeß eingesetzt zu haben: Viele der bibelfesten Rapper wie LL Cool J, der zum Reverend bekehrte Run von Run DMC oder KRS-One sind inzwischen in einem Alter, in dem sie Familie haben und sich womöglich Sinnfragen stellen, die Teenagern eher egal sind.

P. Diddy alias Puff Daddy, der neuerdings auch ein Gospellabel betreibt, findet, dem Hip-Hop komme dieselbe Bedeutung zu wie früher den Negro Spirituals der Sklaven auf den Baumwollfeldern: "Die Spiritualität dieser Songs half uns, nicht den Verstand zu verlieren. Denselben Beitrag leistet Hip-Hop für unser Überleben in den Großstädten." Seinen Song "Best Friend" hat er Gott gewidmet. Ein Blick in die amerikanischen Hip-Hop-Charts offenbart weitere Titel mit christlichem Hintergrund: "Lord You Know" heißt einer, ein anderer "On My Way To Church". Selbst der am besten verkaufende Gangsta-Rapper 50 Cent fleht den lieben Gott auf seinem aktuellen Album "Get Rich Or Die Tryin'" um einen Platz im Himmel an.

Der linke afroamerikanische Kulturkritiker Cornel West machte schon vor zehn Jahren die vom Hip-Hop transportierte Marktideologie als "vernichtenden Einfluß" auf das schwarze Alltagsleben aus und sah nur ein mögliches Gegengewicht: den Einfluß der schwarzen Kirche. In seinem Buch "Race Matters" spricht er von "einem gejagten und gehaßten Volk", zu dessen wertvollsten Besitztümern ein "subversives Gedächtnis, persönliche Integrität und Selbstrespekt" gehörten: "Wenn wir nun unserer Akzeptanz zuliebe einem historischen Gedächtnisverlust und materialistischen Obsessionen anheimfallen, wird daraus schwarzer Nihilismus und kollektiver Selbstmord folgen", schrieb er.

Raps, die jedes Straßenkind versteht

Kanye West faßt das in Raps, die jedes Straßenkind versteht: Wenn er etwa in "Fly Away" vom sinnentleerten Alltag einer Modeverkäuferin erzählt und von ihrem Traum über ein rettendes Raumschiff. Oder in "All Falls Down" das ganze Panoptikum an Sex-, Luxus- und Ruhmphantasien mit dem lakonischen Nebensatz zusammenfaßt: "things to cover up what missing inside". Damit scheint er das Lebensgefühl einer Generation zu treffen, deren Eltern in den Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung scheiterten und die nun nach Orientierung sucht. Und für die Kanye West eine glaubwürdige Identifikationsfigur ist, weil seine Themen auch die ihren sind: auf seinem Debütalbum "College Dropout" geht es neben Jesus und Konsumkritik auch um konventionelle Party- und Sexphantasien.

Sein Kollege Mase denkt gar nicht daran, als Reverend nun seinen gesamten Lebensstil zu ändern. Den teuren Schmuck, sagt er, behält er an: "Ich will Vorbild sein. Ist doch gut, wenn mich die Kids mit all den Diamanten sehen und wissen, ich mußte für diesen Lebensstil niemanden bedrohen. Denn bisher dachten sie, nur Gangsta könnten sich das leisten." DMX geht noch einen Schritt weiter. Sein gegenwärtiger Prozeß wegen Verstößen gegen das Waffen- und Drogengesetz steht für ihn nicht im Widerspruch zu seiner Bibelmission: "Ein Prediger kann dir doch nichts über das Abfeuern eines Gewehres erzählen, wenn er nicht mal selber eines gefeuert hat. Wegen dem Mist, den ich gebaut habe, erreiche ich ganz andere Leute und kann sie zu Jesus bringen." Wie heißt es in "Jesus Walks": "The hustlas, killers, murderers, drug dealers / even the strippers, Jesus walks with them". Kanye West ist nicht allein. Jonathan Fischer

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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