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US-Label Stones Throw: Wo HipHop mit Hirn gemacht wird

Von Jonathan Fischer

Hier entstehen die Blaupausen für die Zukunft von HipHop und R'n'B: Das kalifornische Plattenlabel Stones Throw versammelt Exzentriker vom weißen Soulsänger Mayer Hawthorne bis zum Computer-losen HipHop-Produzenten Madlib - und ist damit dem Mainstream immer um einen Beat voraus.

Plattenlabel Stones Throw: Dem Mainstream um einen Beat voraus Fotos
Doug Coombe

Mayer Hawthorne ist ein 29-jähriger weißer Autodidakt aus einem Hinterwäldler-Kaff in Michigan, der optisch eher als Schuljunge denn als nächster Hohepriester des Funk durchgehen würde. Bei einer großen Plattenfirma jedenfalls hätte er wohl schon deswegen kaum Chancen.

Und doch reichten zwei Songs, um dem begnadeten Falsettsänger einen Plattenvertrag bei einer renommierten Adresse zu sichern: Im September erscheint sein Debüt "Strange Arrangement" auf Stones Throw. So heißt eine der unberechenbarsten, weil eklektischsten und Genre-übergreifendsten Plattenfirmen Amerikas, einem von San Francisco aus operierenden Sammelbecken für beseelte Exzentriker. Und wer außer Plattenfirmengründer Chris Manak alias Peanut Butter Wolf hätte schon den Mut aufgebracht einen käsegesichtigen weißen Wiedergänger von Smokey Robinson als next dope shit zu preisen, als den Suchtstoff von morgen?

Das Ganze ergibt allerdings Sinn, wenn man weiß, dass bei Stones Throw die Zukunft generell über eine Zeitschleife in die Vergangenheit entworfen wird. Dass Old-School dort als Auszeichnung gilt. Und Peanut Butter Wolf wie die bei ihm veröffentlichenden HipHop-Produzenten Madlib, Oh No und der inzwischen verstorbene J Dilla alle die Leidenschaft des Crate Digging, sprich Sammelns und Weiterverwertens alter Vinylplatten teilen - um HipHop nicht als Schublade, sondern als Freiheit des Experimentierens und Rekombinierens zu begreifen.

"Mein Sound ist offensichtlich von Curtis Mayfield wie dem klassischem Motown-Sound beeinflusst", erklärt denn auch Multi-Instrumentalist Mayer Hawthorne. "Aber ich bin eben in den achtziger Jahren aufgewachsen, habe als DJ und HipHop-Produzent gearbeitet, so dass ich die Musik von einem anderen, frischeren Standpunkt angehe als ein Musiker aus den Sechzigern."

Vom primitiven Mixtape zum Exzentriker-Label

Dabei ist Mayer Hawthorne nicht einmal die exotischste Nummer auf Stones Throw: Auch der vom Free Jazz inspirierte Space Funk einer Georgia Ann Muldrow, Aloe Blaccs Latin-Fusion oder das kürzliche Solo-Album von The-Mars-Volta-Frontmann Omar Rodriguez Lopez haben hier eine Heimat gefunden. "Als ich in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren anfing, Platten zu sammeln", erinnert sich Label-Boss Peanut Butter Wolf, "begeisterte ich mich für alle Genres von Soul, Funk über Disco, Post Punk, New Wave und Electro. Mit den Jahren traue ich mir zu, das Stones-Throw-Publikum auch damit zu konfrontieren."

1989 war der junge weiße Vorort-Nerd aus San Jose mit Partner Charizma erstmals als HipHop-Produzent in die Öffentlichkeit getreten. Vorher hatte er daheim schon jahrelang primitive Mixtapes geschnitten. Nun kam er bei der Plattenfirma von Organized Konfusion und DJ Shadow unter, teilte mit Stars wie House Of Pain, Nas und The Pharcyde die Bühne und durfte Kool Keith produzieren. 1996 sah der zum Peanut Butter Wolf - der Namen stammt aus einem Kinder-Comic - umgetaufte HipHop-Enthusiast viele der Qualitäten, wegen denen er die Musik einst geliebt hatte, den Bach runtergehen: HipHop war Pop geworden. Und anstelle von Experimentierfreude regierte das Auswalzen Chart-erprobter Beats.

Also gründete Manak das Label Stones Throw: Seinen Acts wie Lootpack, Quasimoto, Dudley Perkins oder J Dilla stellte er einen künstlerischen Freibrief aus. "Ich sammle missratene Musiker", scherzte er mal. Doch viele Querschläger profitierten von seinem enzyklopädischen HipHop-Wissen und seiner Gier nach Originalität, und stiegen wie J Dilla gar in den Olymp der meist-geschätzten und kopierten HipHop-Produzenten auf.

Bis heute liefern die Nonkonformisten von Stones Throw die aufregendsten Alternativ-Modelle zum Mainstream schwarzer Musik: Madlib etwa mit seinen "Beat Konducta"-Alben. Hier kollidieren musikalische Welten von Bollywood bis karibischer Funk, schafft der Vinyl-Junkie selbst wieder neue Sample-Vorlagen für den HipHop der Zukunft - und das ganz ohne Computer. "Das wäre mir zu einfach", erklärte Produzent Madlib in einem der seltenen Interviews mit ihm, "mit Computer kann jeder wie jeder andere klingen. Ich benutze ja auch grundsätzlich kein Internet: Wer mit mir kommunizieren will, muss mir schon in die Augen schauen".

"Dazu reicht keine halbe Tonleiter"

Ähnlich verquer gibt sich R'n'B-Chanteuse Georgia Ann Muldrow: 2006 veröffentlichte sie auf Stones Throw ihr Debütalbum "Olesi: Fragments Of An Earth", ein Affront für alle, die sich ihre Beruhigungstabletten bei Jennifer Lopez und Beyoncé holen. "Ich möchte meine Gefühle ausdrücken und den Krieg auf dieser Welt beenden, dazu reicht keine halbe Tonleiter", erklärt Muldrow ihren auf eigenwilligen bis schrägen Jazz-Harmonien basierenden Gesangsstil.

Ihre Themen reichen von New Orleans' Katrina-Tragödie über die Konflikte im Irak und Sudan bis zur Affirmation der eigenen afrikanischen Identität. Jede Silbe ist hier mit Metaphysik geladen. Wer hätte schon geglaubt, dass eine 22-jährige schwarze Hippie-Tochter noch einmal erfolgreich das Raumschiff solcher Musik-Fantasten wie Sun Ra und George Clinton für das HipHop-Zeitalter aufrüsten würde?

"Popsongs müssen nicht nur die banalsten Phantasien behandeln", erklärt Muldrow zu ihrem neuesten, selbstvertriebenen Album "Umsindo": "Ich singe auch einen Song über das Sterben. Der Blues hat immer von hässlichen Dingen gehandelt. Das ist seine spirituelle Stärke. Aber der Rhythm'n'Blues verdient seinen Namen nicht mehr." Dann zitiert sie die Mahnung ihres kürzlich verstorbenen Jazz-Gitarristen-Vaters: "Es ist besser, schreckliche Musik zu machen als Mittelmaß".

Ein Spruch, den sich auch manche Rhythm'n'Blues-Kollegen zu Herzen nehmen sollten. Und der erklärt, warum The-Roots-Drummer Questlove jüngst die Truppe aus dem Stones-Throw-Umfeld zur "Zukunft des denkenden HipHop" erklärte.


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