Protestsänger Ry Cooder "Mitt Romney ist ein gefährlicher Mann"

Die Stones lehrte er Blues-Riffs, dem Buena Vista Social Club verhalf er zu Weltruhm: Ry Cooder ist 65, hat viel erlebt und viel erreicht, er könnte sich ausruhen. Doch auf seinem Album "Election Special" pestet der US-Gitarrist jetzt gegen den republikanischen Präsidentschaftskandidat Mitt Romney.

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Warner Music/ Susan Titelman

"Was haben Sie gerade gesagt? Intelligente Medien!? Gibt es in diesem Land nicht. NBC gehört General Electric, verdammt! Unabhängiger Journalismus? Ist doch ein Witz!" Ry Cooder regt sich auf.

So sehr regt Cooder sich auf, dass er ein Album der nahenden US-Präsidentschaftswahl gewidmet hat. "Election Special" erscheint pünktlich zum Parteitag der Republikaner Ende dieses Monats. Cooder will seine Mitbürger aufrütteln. Er will sie vor den seiner Meinung nach gleichgeschalteten Medien und den Ultra-Kapitalisten warnen. Und die Musik dazu, traditioneller Blues und Folk, atmet den Geist vergangener Arbeiter- und Klassenkämpfe.

Seit einigen Jahren deutete sich an, dass Cooder, einer der meistverehrten Gitarristen Amerikas, eine politische Botschaft formulieren will. Auf Alben wie "Chávez Ravine" oder "Pull Up Some Dust and Sit Down" beschäftigte er sich mit der amerikanischen Sozialgeschichte und dem Zustand der US-Gesellschaft. Doch nun hat der 65-Jährige eine neue, dringliche Stimme gefunden.

Auf "Election Special" erzählt er vordergründig launige, letztlich aber wütende Geschichten. Das klingt zum Beispiel so: "Now boss Mitt Romney went for a ride/ Pulled up on a highway side/ Tied me down up on the roof/ Boss I hollered, woof woof woof"". Mit diesen Zeilen beginnt der "Mutt Romney Blues", der eine im US-Wahlkampf maliziös ausgebreitete Episode aus dem Leben des republikanischen Kandidaten Mitt Romney aufgreift und in einen modernen Baumwollfeld-Klagegesang verwandelt.

1983 fuhr Romney mit seiner Familie aus seinem Heimatstaat Massachusetts nach Kanada. Doch im vollgepackten Wagen war kein Platz für seinen Irish Setter namens Seamus. Also bastelte der tiefgläubige Mormone und aufstrebende Finanzunternehmer Romney einen Verschlag für das Autodach und überließ den Hund für mehr als tausend Kilometer der Sommerhitze und den Elementen.

Ry Cooder erzählt diese Geschichte nun aus der Sicht des Tieres, denn "Hunde sind Blues-Tiere, sie haben den Blues", sagt er im Telefoninterview. "Die Story enthüllt Romneys wahren Charakter, er ist hartherzig und kaltblütig. Und wenn er gewählt wird, geht es uns wie Seamus: Wir werden aufs Dach geschnallt und nach der Fahrt mit dem Wasserschlauch abgespritzt."

Auch wenn Barack Obama in den Umfragen vorne liegt und Romney bei öffentlichen Auftritten keine gute Figur macht - Cooder ist alarmiert. "Das Problem ist, dass am Ende gewinnt, wer das meiste Geld in den Wahlkampf stecken kann. Das sind mit Abstand die Republikaner. Und weil sie den Supreme Court gekauft haben, dürfen sie das ganze Geld, das ihnen die Industriellen zustecken, auch verwenden." Cooder, trotz seines Misstrauens in die Medien bestens informiert, bezieht sich auf ein vielfach kritisiertes Urteil des höchsten Gerichts der USA, das es den PACs, den Wahlkampfmittel sammelnden "Political Action Commitees", erlaubt, unbegrenzt Geld zu sammeln - und die Identitäten von Großspendern wie den mächtigen Industriellen Charles und David Koch nicht mehr offenzulegen.

Pete Seeger gab den letzten Anstoß

Gleichzeitig, so Cooder, wirkten die Republikaner und ihre Hintermänner auf den Supreme Court ein, um Gesetzesänderungen wie im Bundesstaat Pennsylvania durchzusetzen, wo Wähler zum Urnengang einen Lichtbildausweis vorlegen müssten, dessen Besitz in den Vereinigten Staaten keine Selbstverständlichkeit ist. "Das trifft natürlich vor allem die Wählergruppen, die potentiell Obama wählen würden: Immigranten, Schwarze und die Ärmsten der Armen."

Mitt Romney würde solche Gesetze als Präsident ohne mit der Wimper zu zucken durchwinken, meint Cooder: "Romney ist ein gefährlicher Mann! Er gehört zum großen Geld, zu dem einen Prozent, über das jetzt so viel geredet wird. Und er macht einen sehr guten Job als deren Diener. Er ist wie ein gigantischer Roboter."

Und Obama? In einem von Cooders neuen Songs tigert der Präsident nachts rastlos und getrieben durch das Oval Office ("Cold Cold Feeling"), andere Lieder rufen zum Sturm auf den "Wall Street Part Of Town", sinnieren melancholisch-kubanisch über die Gräuel von "Guantanamo" oder warnen die bösen Kräfte, die Finger von Verfassung und Bürgerrechten zu lassen ("Take Your Hands Off It").

Das erinnert an Protestsongs wie Woody Guthries "This Land Is Your Land". Die Folkmusik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, diese umgangssprachliche, vernacular, amerikanische Musik, wie er sie nennt, hat Ry Cooder vor mehr als 40 Jahren zur Gitarre greifen lassen. Bands wie die New Lost City Ramblers hätten ihn, den aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Kalifornier, ermutigt, sich an die Musik der einfachen Leute zu wagen. "Das waren New Yorker Jungs, die stammten nicht aus einem Appalachen-Dorf, waren nicht in einem cotton field in Mississippi geboren worden. Also dachte ich: Wenn die das können, darf ich das auch."

In den sechziger und siebziger Jahren wurde Cooder zu einem der einflussreichsten Bewahrer uramerikanischer Musikstile. Keith Richards habe er einst die wichtigsten Blues-Griffe gezeigt, heißt es. 1986 wurde Cooder mit dem spröden Soundtrack zu Wim Wenders Wüstenballade "Paris, Texas" einem größeren Publikum bekannt. Und mit Wenders unternahm er dann jene Reise nach Kuba, die zu einem Welterfolg führte: Cooder produzierte den Soundtrack zum Dokumentarfilm "Buena Vista Social Club".

Der Verwunderung darüber, dass er auf seine alten Tage vom Pop-Kurator zum Protestsänger wurde, begegnet er mit einem Lachen: nichts Neues. Folk sei "sehr soziale Musik. Die Lieder erzählen von Armut und Hobos, die harte Reisen in Güterwagons durchstehen. Es ging um das Alltägliche, in dem sich die Gemeinschaft wiedererkennt." Und es sei noch gar nicht allzu lange her, da habe er gemerkt, dass es auch für ihn an der Zeit war, seine Beobachtungen selbst niederzuschreiben. "Die Metaphern, die Sprache, all das war plötzlich da."

Den letzten Anstoß hat wohl Pete Seeger gegeben, ein weiterer Folk-Veteran und ein großes Vorbild Cooders. "Pete sagte vor ein paar Jahren den Satz: 'There's no hope, but I may be wrong'. So eine erschütternde Aussage von einem der optimistischen und positivsten Menschen im Musikgeschäft, das hat mich schon sehr beeindruckt."

Und sieht Cooder denn gar kein Licht am Horizont? "Die Occupy-Bewegung an der Wall Street ist die einzige große Hoffnung, weil Menschen für eine gemeinsame Sache einstehen, ohne Neid und Hass. Vielleicht liegt darin ein Keim fürs Überleben. Wer weiß?"

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hermes69 18.08.2012
1. !
Intelligenter Mann. Ich mag zwar seine Musik nicht, aber er hat Recht mit dem was er sagt. Wird eben nur bei kaum jemandem ankommen
Bono Beau 18.08.2012
2. Wär' hohe Zeit
dass wir wieder eine Stimme finden. Das mit dem Blues und den Hunden stimmt schon mal - und die Nummer mit dem Hund auf dem Dach: monströser Mensch! Schätze, das wird die erste "Platte", die ich seit 20 Jahren kaufen werde.
Bono Beau 18.08.2012
3. Das muss so nicht stimmen
Zitat von hermes69Intelligenter Mann. Ich mag zwar seine Musik nicht, aber er hat Recht mit dem was er sagt. Wird eben nur bei kaum jemandem ankommen
Ob es wird, weiss ich nicht - aber es KANN. Diese Musik vom Blues zu den working songs oder den topicals hat schon einmal eine Generation inspiriert - wenn nicht unmittelbar, dann doch über die Musiker, die davon gelernt haben. Und die Stimmung, die das erzeugt hat, hat mehr Menschen bewegt als jede Politik. Dafür, dass am Ende die Karrieristen übernommen haben, dafür kann die Musik nichts. Das darf sich das politische System selbst zurechnen. Aber man ja nicht jeden Fehler wiederholen.
sittingbull, 18.08.2012
4. Ahnungen?
Cooder hat in seiner Musik immer die Wurzeln gesucht. Sein Album "Talking Timbuktu" mit dem grossen afrikanischen Musiker Ali Farka Touré ist ein Beispiel dafuer! - Was er hier ueber Romney sagt, ist ein klarer Blick auf die Wurzeln dieses schlimmen Kandidaten. Leider ist es aber durchaus moeglich, dass Leute mit Durchblick in den USA nun wieder mal zur Minderheit werden. Immerhin ist "W" trotz seiner offenen Desaster-Politik wiedergewaehlt worden.
b.oreilly 18.08.2012
5.
naja, ob die Castro-Supporter Nachrichtensender MSNBC zu den angeblich gleich geschalteten Medien gehört, kann man nun wirklich anders sehen. Hier mal eine mehr oder weniger wahllos ausgesuchte Slideshow von US-Unterhaltungskünstlern, die dokumentiert, wer Romney und wer Obama unterstützt: Star Politics: Who leans left, and who leans right | Fox News (http://www.foxnews.com/slideshow/entertainment/2011/11/02/celebs-left-right-conservative-liberal/#slide=1) Und aktuell führt Romney bei den Umfagen, zumindest bei Gallup: Election 2012 Polling and News, Republican Presidential Candidates, Obama, Interactive Polling Data (http://www.gallup.com/poll/election.aspx) Die Sache ist noch lange nicht entschieden!
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