US-Rapperin Nicki Minaj in Berlin Feministin im Barbie-Look

Sie ist der neue weibliche Superstar des HipHop: Nicki Minaj gab in Berlin ihr Deutschlanddebüt. Die energische Rapperin testete bei der Gelegenheit gleich einmal das Musikwissen ihrer Fans und belohnte deren Kenntnisse mit einer bonbonbunten Bühnenshow. Ein geglückter Auftakt.

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Wie viele deutsche Rapper würden ihr Publikum wohl mit den Worten "Gott segne euch" verabschieden? Nicki Minaj hat es getan, wenn auch auf Englisch. Denn die aus Trinidad und Tobago stammende US-Amerikanerin ist Christin. Eine moderne Christin, wohlgemerkt. Der 29-jährige HipHop-Star inszeniert sich mit Vorliebe als Fleisch gewordene Barbiepuppe in hautengen Outfits mit tiefem Dekolleté. Auch bei ihrem ersten Deutschlandkonzert im Berliner Tempodrom, mit dem sie am Samstag ihr zweites Album "Pink Friday: Roman Reloaded" vorstellte, präsentierte sich Minaj eher unkeusch in rosa Hot Pants oder knappem Rüschenrock.

Sehr selbstbewusst bewegt sich die Musikerin in ihren farbenfrohen, körperbetonten Kostümierungen, mit denen sie weniger die Schaulust ihrer Fans befriedigen als ihre verschiedenen Alter Egos darstellen will, die auf Namen wie Rosa, Martha oder Roman hören. Offensiv zur Schau gestellte Weiblichkeit gehört bei Nicki Minaj in jedem Fall zum Konzept und verträgt sich für sie bestens mit einer feministischen Haltung dem eigenen Genre gegenüber. Im Rap haben bis heute mehrheitlich die Männer das Sagen, daher bläst Minaj in Songs wie "Girls Fall Like Dominoes" zum Gegenangriff und kündigt den Herren Kollegen an, ihnen die Fans wegzuschnappen. Die Zahlen sprechen für sie: Nicki Minaj hat es als erste Künstlerin geschafft, mit sieben Songs zur gleichen Zeit in den US Billboard Hot 100 vertreten zu sein, ihre Gastauftritte reichen von Rap-Größen wie Kanye West bis zu Madonna.

Die männlichen Kollegen demütigen

Gleich zu Beginn des Konzerts artikuliert Minaj ihre Position in Gender-Fragen denn auch recht explizit: Im Song "Did It On'em", einer Single aus ihrem Debütalbum "Pink Friday" von 2010 mit sägenden Synthesizern und scharf pochenden Rhythmen, kostet eine HipHop-Diva ihren Triumph über die Mitstreiter in einem Contest aus. Dabei fantasiert sie sich ein männliches Genital herbei, mit dem sie die unterlegenen Rapper demütigt - und ein Wort verwendet, das aus dem Munde frommer Christen eher nicht zu hören ist: "If I had a dick, I would pull it out and piss on 'em."

In ihrer langen blonden Lockenperücke wirkt Nicki Minaj bei dieser Ankündigung allerdings kaum furchteinflößend. Überhaupt gibt sie sich professionell herzlich, lässt ihr junges Publikum wissen, dass es etwas ganz Besonderes für sie ist, zum ersten Mal in Deutschland zu spielen, und fragt fast ungläubig nach, ob wirklich sogar Besucher aus Russland zugegen sind. Später versichert sie den Gästen des beinahe voll besetzten Tempodrom: "I will never forget you. Ever." Die Botschaft ist klar: Hier soll eine Fanbasis aufgebaut und gepflegt werden.

Die Fans bekommen dafür einiges geboten. Neben Minaj turnen zwei weibliche und vier männliche Tänzer in ausgearbeiteten Choreografien über die Bühne, farblich abgestimmt zu den Outfits des Stars. Zweimal wird die Garderobe gewechselt, die Pausen überbrückt der DJ in bester Animatoren-Manier mit regelmäßigen Aufforderungen, den eigenen Gemütszustand lauthals kundzutun. Sehr schön auch die minimalistische Bühnengestaltung mit Videowänden, die um ein kleines Podest mit Stufen herum arrangiert wurden, sodass sie sich wie digitale Kulissen einsetzen lassen, die mal ein Gotteshaus andeuten, mal einen blauen Wolkenhimmel aufstrahlen lassen oder ganz einfach Ausschnitte aus Videos zeigen.

Zwischendurch ein wenig Marktforschung

Ein wenig Marktforschung wird bei alledem ebenfalls betrieben. So lässt Nicki Minaj ihren DJ zwischendurch einige ihrer Stücke anspielen, zu denen sie ein paar Takte rappt, um zu sehen, was die deutschen Hörer schon alles von ihrem Oeuvre kennen. Die spontanen Jubelschreie nach den ersten Sekunden Musik überzeugen die Künstlerin dann rasch, dass sie mit gutem Vorwissen rechnen darf.

Die beste Nachricht des Abends ist hingegen, dass Nicki Minaj nicht nur etwas vom Geschäft versteht, sondern auch vom Rappen. Ihre Reime fließen mit präzisem Timing, werden bei Bedarf energisch herausgeschleudert oder rattern im Hochgeschwindigkeitsmodus vorbei, als wäre es eine Kleinigkeit. Dazu erklingen aus dem Computer digitale Synthesizer-Bässe und -melodien, die ganz im Zeichen der gegenwärtigen Begeisterung US-amerikanischer HipHop-Produzenten für den knalligen Eurodance à la Scooter stehen. Das wäre zugleich der einzige Schwachpunkt: Manchmal übertreibt Nicki Minaj es ein bisschen mit der trashigen Klanggestaltung und den sehr vordergründigen Melodien. Aber der kreischende Beifall gibt ihr Recht.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
neu_ab 17.06.2012
1. Rap & Feminismus
Na, das passt ja. ;)
gilian 17.06.2012
2. Grauenhaft
Zitat von sysopGetty ImagesSie ist der neue weibliche Superstar des HipHop: Nicki Minaj gab in Berlin ihr Deutschlanddebüt. Die energische Rapperin testete bei der Gelegenheit gleich einmal das Musikwissen ihrer Fans und belohnte deren Kenntnisse mit einer bonbonbunten Bühnenshow. Ein geglückter Auftakt. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,839360,00.html
Bezeichnet der Autor diese Musik allen Ernstes als HipHop? Fuer mich sieht das eher wie Lady Gaga 2.0 aus, einige elektronische Verzerrungen, etwas gepitchte Stimme. Sie reiht sich damit nur in die lange Reihe des Plastik-Pops ein. Flo Rida, GaGa, Kesha....Es graut mir...
Zenturio.Aerobus 17.06.2012
3. Attentat
Ein Attentatsversuch auf das Sehvermögen.
Deepthought42.0815 17.06.2012
4.
Hmm, bisher nie was von der gehört. Sieht heiss aus, aber das ist wohl kein Grund ihre Musik zu hören. :-)
Revarell 17.06.2012
5.
Zitat von Zenturio.AerobusEin Attentatsversuch auf das Sehvermögen.
Nicht nur auf das Sehvermögen,....... ;-))
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