Erinnerungen an Popvorreiterin Valerie Gell Frauen an die Gitarren!

Beatles, Kinks, Rolling Stones - Valerie Gell und ihre Livergirls spielten mit allen und zeigten, dass Girls und Gitarren zusammenpassten. Eine sehr persönliche Erinnerung von Bernadette Hengst an die jüngst verstorbene Gell.

Getty Images

Sie war gerade zum ersten Mal seit Auflösung der Liverbirds in Hamburg. Nach 26 Jahren, in denen sie ihren querschnittsgelähmten Mann in München gepflegt hatte, der an seinem 18. Geburtstag auf dem Weg zum Liverbirds Konzert im Star Club in seinem Auto verunglückt war. Das hatte sie in eine tiefe Lebenskrise gestürzt, aus der sie sich nun mit fast 50 Jahren befreite, sie war damals so alt wie ich niemals hatte werden wollen und mittlerweile bin.

Zur Autorin
  • Christiane Stephan
    Bernadette Hengst:, 49, ist die prominenteste weibliche Stimme der Hamburger Schule. Bis ins Jahr 2000 sang sie bei der Band Die Braut haut ins Auge, seitdem ist sie als Solo-Musikerin und Theaterregisseurin aktiv. Zuletzt erschien ihr Album "Save the World With This Melody".

Unsere schweißtreibende Euphorie bei der Probe übertrug sich auf sie, es juckte ihr in den Fingern. Sie fragte unsere Gitarristin Barbara, ob sie ihre Gitarre mal ausleihen dürfe, sie hätte seit über 20 Jahren keinen einzigen Ton gespielt. Barbara hatte natürlich nur darauf gewartet, denn sie war ja als großer Rock'n'Roll-Fan die treibende Kraft, als es darum ging, den Kontakt zu den Liverbirds herzustellen.

Wir hatten Die Braut haut ins Auge gegründet, als ich 22 war, also in dem Alter, in dem sich die Liverbirds schon wieder aufgelöst hatten.

Why do you hang around me?

Als Valerie 22 war, spielte sie jeden Abend im Hamburger Star Club. In eng sitzenden Männeranzügen mit weißen Rüschenhemden zelebrierten sie ihren Garage-Rock mit einer Attitude, die auf gängige Schönheitsideale pfiff und nichts zu tun hatte mit Girl-Groups wie den Shangri-Las oder den Supremes, die nur den Typen hinterher weinten.

Bei den Liverbirds wurde nicht geweint, sondern in rauem Ton geraunt: "Why do you hang around me?"

Val tauchte in unserem Proberaum auf, drei Jahre nachdem wir unser erstes Demotape zu Pam, der Liverbirds-Sängerin, gebracht hatten, die in einer Eppendorfer Kneipe arbeitete. Als wir Pam, die mit ihrer Bienenkorb-Frisur immer noch aussah wie ein Sechzigerjahre-Rockstar, aufgeregt gestanden, wie sehr wir ihre Musik lieben, antwortete sie in ihrem typisch englisch-schnoddrigen Ton: Wir sollen jetzt mal nicht so übertreiben.

Sie gab die Kassette an Mary, die Bassistin der Liverbirds weiter, die sie dann ihrem Mann Frank Dostal, dem Musikproduzenten, Verleger und ehemaligen Rattles-Sänger auf den Tisch legte. Der wiederum war so begeistert, dass er ein paar Tage später bei mir anrief, um sich mit uns zu treffen. So haben wir dank der Liverbirds unseren Plattenvertrag bekommen.

Valerie blieb nach ihrem Besuch im Proberaum in Hamburg, fing wieder an, Gitarre zu spielen und wohnte nun bei Barbara, die als zweite Gitarristin bei den Liverbirds einstieg. Das große Reunion-Konzert sollte im Hamburger Kongresszentrum auf dem Star-Club-Festival stattfinden. Ein wirklich großer Abend für die Liverbirds, aber auch für die Braut, denn wir waren ja nicht ganz unbeteiligt an diesem Ereignis.

Als sie die Bühne betraten, fühlte es sich so an, als würde ich die Beatles, Ton Steine Scherben und die Sex Pistols zum ersten Mal sehen. 50-jährige Frauen, die anbetungswürdig cool genau da weitermachten, wo sie 1968 aufgehört hatten.

Valerie spielte die ersten klirrenden Akkorde von "Peanut Butter", Sylvia Saunders schmiss sich in den Beat und schüttelte dabei euphorisch ihren Kopf, Marys Bass rollte wie eine Lokomotive, und Pam war immer noch das rotzige Mädchen, das zu den Star Club Jungs rüberruft: "Yeahh! Ihr könnt später alle in den Backstage kommen, aber bringt eine Flasche Whiskey mit!" Und dazwischen unsere Barbara, die Vals R&B-Gitarrensolis im Schlaf spielen konnte.

Ich stellte mir vor, wie sie 1962 in Liverpool vor dem angesagten Cavern Club standen und nicht reingelassen wurden, weil sie erst 16 waren. Sie kauften dann Instrumente und behaupteten an der Tür, sie seien die Band. Von da an kamen sie immer rein und gehörten zur Merseybeat-Szene.

John Lennon, der sie kurze Zeit später dort live sah, behauptete: Girls mit Gitarren? Das geht nicht zusammen. Da kannte er Yoko Ono noch nicht.

The Liverbirds wurden zum Publikumsmagneten in Hamburg

Doch sie spielten sogar als Vorband der noch unbekannten Rolling Stones eine Englandtour und liehen den Kinks ihre Gitarren für die Aufnahme ihres Welthits "You Really Got Me". Als sie dann 1964 das Angebot bekamen, im Star Club auf St. Pauli zu spielen, brauchten sie nur noch die Genehmigung der Eltern der erst 17-jährigen Sylvia.

Die Sorgen, dass die Mädchen mitten im Rotlichtviertel von Hamburg untergehen könnten, wurden in den Wind geschlagen. Stattdessen hauten sie sich die Nächte um die Ohren und wurden zum Publikumsmagneten. Bei dem Label Star Club Records veröffentlichten sie zwei Alben und fünf Singles, "Diddley Daddy" schaffte es auf Platz 5 der deutschen Single Charts.

Warum wurden sie nicht genauso berühmt wie die männlichen Kollegen, fragten wir uns immer wieder.

Nach dem Unfall von Valeries Freund wurde Sylvia schwanger, und beide stiegen aus. Mary und Pam spielten die schon geplante Japantour mit Ersatzmusikern. Aber die Luft war raus, sie lösten sich 1968 direkt nach ihrer Heimkehr auf.

Als sie zum Abschluss ihres Reunion-Konzertes 1995 eine berauschende Version von "Too Much Monkey Business" spielten, konnte ich nicht mehr an mich halten, ich rannte auf die Bühne, schmiss mich todesmutig stagedivend ins Publikum und fiel auf eine nichtsahnende 60-jährige Frau, die sich den Nackenwirbel ausrenkte.

Leider war's das dann mit den Liverbirds, die Braut rockte noch ein paar Jahre weiter und löste sich dann 2000 auf. Die Liverbirds blieben immer unsere Heldinnen, obwohl sie in der Rockgeschichte wenig bis gar keine Erwähnung fanden.

Mary Dostal lebt immer noch mit ihrem Mann Frank Dostal in Hamburg, Sylvia Saunders in Spanien, Pamela Birch starb 2009 mit 65 an Lungenkrebs, und Valerie Gell war in zweiter Ehe glücklich mit der Hamburgerin Susann Nilson verheiratet. Am 11. Dezember ist sie im Alter von 71 Jahren gestorben.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.