Van Morrison live Blues nach Vorschrift

Ein Denkmal auf Tour: Als absoluter Herrscher über das Bluesrock-Land gab sich Van Morrison beim ersten seiner zwei Deutschland-Konzerte. Routiniert rauschte er durch sein Programm - und setzte ausgerechnet "Gloria" in den Sand.

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Es fing so gut an. Van Morrison stand mit seiner Band 19.44 Uhr auf der Bühne des Hamburger Stadtparks, die Abendsonne schien, natürlich war Hamburgs idyllische Kuschel-Arena im Grünen mit rund 4000 Fans ausverkauft.

Der Sound kam ganz passabel für open air (auch wenn der penible Maestro Morrison den Bühnentechniker nach dem zweiten Song kurz, aber heftig zusammenstauchte), das Konzert begann mit den sanften Jazz-Nummern, die Van Morrison als Opener derzeit fast immer bringt. Die Zeiten der Setlists mit 60 Song-Optionen, die er in unberechenbarer Reihenfolge spontan abrief, sind vorbei. Van the Man zählt ab 31. August 70 Jahre, da wird man ruhiger. Und genau das ist der Punkt.

Unaufgeregt, ja nicht einmal grantig-grummelnd, begann Morrison durch sein Repertoire zu tänzeln. Mit "Close enough for Jazz" und "Carrying a Torch" zelebrierten er und seine vier Musiker ein dermaßen relaxtes Warm-up, dass man sich eher im Probenraum eines Pubs an der Ecke wähnte, als in einem Konzert.

Ein Gruß an Captain Beefheart

Macht nichts, denn immerhin verloren die Herren wenig Zeit, spielten keine überlangen Soli und verströmten die Ruhe und Effizienz des zuverlässig brummenden Motors eines Rolls-Royce. Blues nach Vorschrift. Ein bisschen Beschleunigung gab es dann erstmals beim entsprechenden Medley. Morrison griff sich das goldene Mikro, mit dem er gepresst "Baby, Please Don't Go" knörte, als wollte er kurz dem seligen Captain Beefheart ein freundliches Hallo zurufen. Das war leider nicht die Wende.

Diese eruptiven Momente aus dem Blues-Rückgrat seiner Musik hätte man sich öfter gewünscht. Stattdessen zogen sich Morrison und Band immer wieder in die edle Swing-Lounge zurück, und natürlich sind Klassiker wie "Moondance" in dieser Umgebung gut platziert.

Gitarrist Dave Keary, langjähriger Mitstreiter von Morrison, verfügt über die lässig-professionelle Perfektion, die eben jedem Song gerecht wird. Paul Moore ist ein technisch perfekter Jazz-/Blues-Bassist, und Drummer Bobby Ruggiero flankiert mit ebensolcher fast aufdringlich-meisterhafter Dezenz dieses Konglomerat aus feinmechanischer Klanggebung, die Morrisons Musik an diesem Abend so kantenlos gekonnt klingen lässt. Aber eben auch ein wenig langweilig.

Viele virtuose Akzente setzte der Multi-Instrumentalist Paul Moran (Hammond, Piano, Trompete/Flügelhorn), dessen Jazz-Soli stets reichlich Beifall ernteten. Kräftige Blues-Tupfer fügt die hervorragende Backgroundsängerin Dana Masters hinzu, aber leider zu selten.

Souveränes Saxofonspiel

Immerhin fühlt sich Morrison durch seine Mitmusiker ebenso zu absoluter Akkuratesse herausgefordert. Er singt in jedem Moment kontrolliert, ob im altersweisen "Days Like This" oder im federnden "Bright Side of The Road", seine Phrasierung steht wie ein Monument, wirkt dennoch leicht und elegant. Für diese Zwecke des Morrison-Entertainments haben sich Band und Solist gefunden: ein ideales Team.

Selbst Morrisons Saxofonspiel klingt souverän wie in besten Tagen, farbenreich und technisch sicher. "Brown Eyed Girl", das uralte Soul-Jewel, schimmert ganz neu. Die Band zupft an dem Song liebevoll herum wie an einem Chiffonkleid und kreiert dafür ein sommerliches Sound-Outfit.

Störende abendliche Wolken am Himmel verziehen sich, Stadtpark-Zauber und Morrisons irische Mystik befruchten sich für einen Moment fast magisch. Mit "And The Healing Has Begun" ging es in die Zielgerade, alles schien gut. Noch ein roher Blues als Absacker, bevor die unvermeidliche Schlußgranate "Gloria" folgen musste. Da ging irgendetwas schief.

Traumwandler geweckt

Die ganze Perfektion, die wundersame Leichtigkeit fiel auf einmal flach in sich zusammen wie ein Soufflé, die Band swingte nicht, sie schepperte. Als hätte jemand die Traumwandler geweckt. Schnell brach Morrison das sich anbahnende Desaster ab, man flüchtete in Chuck Berrys "Little Queenie", was anständig zu Ende gebracht wurde. Anschließend jammte sich die Band durch alle möglichen Stile, der humorige Keyboarder Moran driftete gar in Richtung Keith Emerson, und ein paar Sekunden lang befürchtete man eine Coverversion von "Lucky Man".

Das konnte er wohl nur wagen, weil er Van Morrison weit weg wähnte. Nach dem "Gloria"-Fiasko war der bestimmt wieder arg am Grummeln und kam nicht wieder. Das Publikum liebte ihn trotzdem: Nach 100 Minuten Uhrwerk-Konzert keine Zugabe, aber kaum Pfiffe. Ist halt Van.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Methusalixchen 23.07.2015
1. Gut, ...
... daß ich mir das Geld gespart habe. Morrison ist leider seit Jahrzehnten eine erratische Variable, was Live Performance angeht. Und die Chancen, daß man sich über den alten Zausel ärgert, stehen sehr viel höher als die, in einigermaßen dauerhafte Begeisterung zu verfallen.
etude 23.07.2015
2.
Habe vor Jahren Van Morrison in Hannover auf der G...Waldbühne gesehen und exakt die gleiche Erfahrung gemacht: Routiniert runtergeleiertes Repertoire, keine Kommunikation mit dem Publikum, keine Zugabe. Fast hatte man den Eindruck, dass Live-Konzerte Schmerzen beim Hauptdarsteller erzeugten und eher lästig sind. Nach nur knapp einer Stunde war der Spuk vorbei.
imlattig 23.07.2015
3. money for..
nothing and tricks for free. diesen song koennte er in seine songliste aufnehmen. live ist van nicht zu ertragen.
sekundo 23.07.2015
4. Die Deutschen
Zitat von imlattignothing and tricks for free. diesen song koennte er in seine songliste aufnehmen. live ist van nicht zu ertragen.
und die englische Sprache, das so eine Sache!! "chicks for free" heisst es in dem mark-knopfler-song!
Ivan Sorbas 23.07.2015
5. Nie wieder Van
Ich liebe seine Musik wirklich*, habe live aber tatsächlich mehr Ärger und Enttäuschung gehabt als Freude. Der Gipfel war ein nicht mal einstündiger hingerotzter Auftritt auf dem Münchner Tollwood (muss 2002 gewesen sein). Wir waren fassungslos, hatten einiges in Kauf genommen (Babysitter, Radfahrt im strömenden Regen, Schlammbad auf dem Platz) und mussten nachher erfahren, dass er seinen Flieger kriegen musste und daher früher aufhörte!!1! Sowas weiß ich doch vorher, Mensch, und plane das Konzert auch entsprechend. Ein Open Air in Augsburg Ende der 80er und eins in Salzburg in den 90ern waren ähnlich beschissen. Ich kann mich überhaupt nur an ein einziges tolles Konzert in München erinnern, auch 90er glaube ich, könnte im Deutschen Museum gewesen sein; jedenfalls war das bestuhlt, und da hielt es irgendwann niemanden mehr auf den Sitzen. * Daher auch mein Benutzername hier bei SPON
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