Premiere an der Staatsoper Hamburg Ganz große Oper!

Schon Zeitgenossen nannten Giuseppe Verdis Totenmesse ironisch "seine beste Oper". Regisseur Calixto Bieito nahm dies in seiner neuen Inszenierung wörtlich.

Brinkhoff/Mögenburg

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Ein stummes Idyll: Mutter und Vater spielen mit ihrem kleinen Sohn Ball, alle freuen sich, haben offenbar Spaß. Klar, dass dies nur ein pantomimisches Präludium zu den letzten Dingen sein kann, denn schließlich geht es hier um Giuseppe Verdis "Messa da Requiem". Diese Totenmesse von 1874, deren Dimensionen und Ansprüche die meisten Kirchen sprengen, hat sich der früher gern als "Skandalregisseur" etikettierte Calixto Bieito für seine neue Premiere an der Hamburgischen Staatsoper ausgewählt. Und er nahm die freundlichen Spötter mal beim Wort, die Verdis Supermesse und Spätwerk stets als "seine beste Oper" beschmunzeln.

Also her mit den Bildern! Die schon erwähnte vorerst glückliche Familie schält sich zu Beginn aus einem überdimensionalen, die Bühne beherrschenden Setzkasten-Gebäude heraus, das man auch gern als Urnenfriedhof in Naturholz ansehen kann. Mutter, Vater und Sohn bleibt vorn an der Rampe wenig Platz, das Schicksal drängt sich Gestalt der Bühnenbauten unaufhaltsam ins Bild. Das Spiel ist bald vorbei, der kleine Ball rollt ins Leere. Mit dem stillen "Requiem aeternam" plus "Kyrie" geht es los, man spürt bereits Trauer und Schlimmeres.

Ein visuelles Spektakel

Calixto Bieito, ehemals der Regie-Schrecken aller konservativen Opernfans, hat sich seit einigen Jahren in Richtung Altersweisheit entwickelt und schon 2009 in Barcelona eine "Carmen" inszeniert, die überall entzückt hätte. Bieito führte sich 2016 in Hamburg mit einer sauberen "Otello"-Inszenierung ein, bei der er punktgenaue Analytik mit Sinnlichkeit und Intellektualität unter einen Regie-Hut brachte. So ungefähr darf man sich seinen "Requiem"-Ansatz vorstellen: Den Opern-Vorwurf beim Wort nehmen, die immanente Theatralik der Partitur bildlich aufgreifen und mit Bühne, Kostümen und choreographisch plakativ geführtem Chor zum visuellen Spektakel aufbrezeln.

Das Donnern des Zorns

Das konnte nur mit einem Ensemble und famosen Solisten wie in dieser Inszenierung gelingen. Die monumentalen, beweglichen Bühnenbauten von Susanne Gschwender setzen von Beginn an stumm, aber unmissverständlich die schicksalhaft erdrückende Atmosphäre des Todes, mit der sich alle auseinandersetzen müssen. Trotzdem bilden die Bühnenwelten auch die Hoffnung auf Erlösung ab, denn auf das Donnern des "Zornestages" ("Dies Irae") arbeitet sich die gläubige Bühnenbevölkerung zum "Ewigen Licht" ("Lux aeterna") und dem Bittgesang um Befreiung ("Libera me") hindurch.

Mit der Beweglichkeit der Bedrohung gelingt es Bieito und seiner Bühnenbildnerin, diese Ambivalenz optisch schlicht, aber überzeugend greifbar zu machen: Auch der tote Sohn des Ehepaars taucht immer wieder auf, er lebt in einer neuen Welt. Man sieht helle Welten hinter den Jenseits-Bauten, zum Schluss kommen alle toten Kinder aus den Urnenschächten wieder auf die erlöste Welt.

Der Chor, auf dessen Fähigkeiten ein großer Teil des Wohl und Wehe jeder "Requiem"-Aufführung ruht, hatte einen fabelhaften Abend. Kraft, Präzision und Klangschönheit hatte Eberhard Friedrich zuverlässig organisiert, auch die Abtönung der Texte und Stimmungen gelang pointiert und sicher. Die Sängerinnen und Sänger, als Menschen von nebenan sinnig und bunt von Kostümbildnerin Anja Rabes ausgestattet, bewegten sich mit großer Lust und Überzeugung durch die schwierigen Bauten und die noch schwierigere Musik: grandios.

Absolute Glücksfälle - vier an der Zahl - waren die Solisten, allen voran das trauernde Paar Maria Bengtsson (Sopran) und der tiefgründige Bass Gábor Bretz, die ihre Parts durch ihr Spiel und die stimmliche Gestaltung zu Rollen machten, und damit ergreifen konnten. Fast ebenso intensiv profilierten sich die ausdrucksstarke junge Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina und der muntere Tenor Dmytro Popov. Alle fügten sich ins dichte Gesamtbild, ohne dabei ihre Persönlichkeit abzustreifen.

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Premiere an der Staatsoper Hamburg: Her mit den Bildern

Ein aufregendes Dirigenten-Debüt

Das von der Partitur enorm geforderte Orchester stützte mit dynamischen Ausbrüchen und lyrischer Präzisionsarbeit das Ensemble effizient - die Zornestrommeln beim "Dies Irae" (einmal mehr schicksalhaft dräuend wie die karibischen "Earth Drums", man liebt den fetten Percussionsound bei den Philharmonikern) gingen durch Mark und Bein.

Der Dirigent Kevin John Edusei durfte sich über sein so aufregendes wie genau ausbalanciertes Debüt an der Staatsoper freuen: Das Orchester wirkte taufrisch und motiviert, den Schwung und Überschwang der Partitur brachte Edusei in elegante Form, und die Solisten ließ er bei der Totenmesse stimmlich am Leben - auf alle wohlfeilen Übertreibungen verzichtete der Chef der Münchner Symphoniker (seit 2014). Die dürfen mit ihrem jugendlichen Kapellmeister zufrieden sein, denn in Hamburg bestätigte Edusei den positiven Ruf, der ihm vorauseilte.

Nach kompakten 85 Minuten ernteten die Sängerinnen und Sänger (Chor wie Solisten) den Großteil des lautstarken Jubels, ein paar Buhs (warum eigentlich?) gab es fürs Regieteam, das etwas Neues versucht hatte und über weite Strecken geradezu kurzweilig überzeugte.


"Verdis Requiem", nächste Aufführung: 14., 17., 20., 23., 27. und 31.3.2018, jeweils 19.30 Uhr, Staatsoper Hamburg



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
profbingo 12.03.2018
1. Stimmt
...ich durfte dabei sein...und alles stimmt...
mugra 12.03.2018
2. ... ich durfte dabei sein und alles stimmt ...
... nicht! Die Aufführung war sicherlich technisch perfekt (die Inszenierung und insbesondere das Bühnenbild waren es auf alle Fälle). Musikalisch fehlte es aber an Seele! Es wirkte recht sauber ohne Ecken und Kanten. Die in der Einführung beschworene Wahrhaftigkeit habe ich vermisst. Chor und Orchester wirkten nicht immer ausbalanciert (jedenfalls war der Chor an manchen Stellen nicht zu verstehen). Ich fand die Besetzung mit ca 110 Sängern und Musikern etwas dünn, Dieses Stück verlangt eine große Besetzung. Welch Gegensatz zur kürzlichen Aufführung in der Laeiszhalle mit Orchester und Chören der Universität Hamburg, Die ca. 240 (!) Sänger und Musiker waren vielleicht nicht so perfekt, aber die Dramatik und Größe von Verdis Requiem waren in jedem Ton spürbar, dass nicht wenige Zuhörer vor Überwältugung geweint haben.
helisara 12.03.2018
3.
Ein Requiem ist eben kein Tanztheater. Ich finde es sowieso albern, reine Orchesterwerke (wie z.B. auch die Matthäuspassion) "abzutanzen". Der Schilderung nach ist diese Inszenierung allerdings schon fast konservativ für Bieitos Verhältnisse. Der Mann macht grundsätzlich nur auf Skandal.
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