Video-Kunst Die Macht des Taktstocks

Sie summt mit, sie ermuntert mit einem Augenzwinkern, sie führt mit ausladenden Bewegungen den Taktstock: Die Künstlerin Marion Porten zeigt in einer Leipziger Galerie das Video einer Dirigentin, das eine Studie über das Thema Macht ist - wie eigentlich alle Arbeiten Portens.


Um Musik geht es nicht in der Leipziger Galerie b2 in der Spinnereistraße, auch wenn die Ausstellung der Künstlerin Marion Porten "Der Rücken der Dirigentin" heißt und Musik zu hören ist. Zu sehen ist dann auch kein Rücken, sondern auf einem Video, das auf Körpergröße und zwei Meter breit auf die Wand projiziert ist, schaut man der Dirigentin Monica Buckland frontal und auf Augenhöhe bei der Arbeit mit der Kammerphilharmonie der Universität Dresden zu.

Sie ist eine sympathische Frau in schwarzer Bluse, mit kurzen dunklen Haaren und dunkler Brille. Mit ausladenden Bewegungen, großen Gesten, den Taktstock in der rechten Hand, dirigiert sie ihr Orchester. Ihren gesamten Körper setzt sie ein, sie geht in die Knie und schnellt wieder hoch, hebt den ganzen Körper an, dreht ihren Oberkörper und wiegt sich im Takt der Musik. Manchmal ist ihr Atem laut zu hören und ein paar Takte, die sie mitsummt. Oft glaubt man zu sehen, wie sie einen kurzen Moment den Atem anhält. Manchmal sieht sie ganz entspannt aus, dann plötzlich aufmerksam, konzentriert mit offenem Mund und hochgezogenen Augenbrauen, dann in sich gekehrt, als lausche sie in sich oder in die kommende Musik hinein. Dann wieder scheint sie nur den Musikern zugewandt, ermutigt sie mit Augenzwinkern und einem kurzen Lächeln, das intensiver und zum Lob werden kann. Manchmal gibt sie Anweisungen: "ganz locker", "nicht zu stark", "durchsingen", "Spannung geht weiter", "Bratschen von innen", sagt sie, oder "sorry". Und dann singt sie die Takte so vor, wie sie sie haben möchte.

"Das Stehen macht den Eindruck noch unverbrauchter Energie"

Fünf Minuten dauert der Film, nach einer Pause läuft ein zweites Video, zu dem die Zeichnungen gehören, die Porten, 39, rahmenlos an die Wand gepinnt hat. Es sind Figuren aus einem Lehrbuch des Dirigierens von 1921, eine "Schlagfigur" zum Beispiel. Was das ist, was es vermittelt und wie die gezeichneten Linien und Figuren mit Zahlen und Pfeilen zu lesen sind, erklärt in dem folgenden Video eine junge Studentin. Sie dreht die Zeichnungen, folgt mit ihren Händen den Linien, erklärt die Bedeutung der Zahlen und Pfeile am Verlauf der Linien. Portens Kamera zeigt nicht das Gesicht, aber die Hände der sprechenden Frau, die am Beispiel ihres Namens und Alters zu erklären versucht, wie es wohl aussähe, wenn sie "ich heiße Maria und bin 26 Jahre alt" mit den Händen darstellen würde. Dann blättert sie in dem Lehrbuch: "Ich bin damit nicht einverstanden", sagt sie selbstbewusst, deutet auf eine Zeichnung und skizziert, wie sie es besser machen würde.

Zwischen ihren Erklärungen finden sich gesprochene Zitate aus Elias Canettis "Masse und Macht" über "Das Stehen". Sätze wie "Immer überschätzt man den Stehenden...." oder "Das Stehen macht den Eindruck noch unverbrauchter Energie" sind das, und sie sind ein Schlüssel zum Verständnis der Arbeit Portens. Denn das grundsätzliche Thema aller ihrer Arbeiten ist Macht. Beherrschen und Macht ausüben, dafür sei das Dirigieren eine passende Metapher, sagt Porten, auch für einen offensichtlich bestehenden Ordnungswunsch und für ein etabliertes Rollenverständnis, das sich im ganzen Kulturkontext zeige.

Alle Videos beschäftigen sich mit "minoritären Randgruppen"

Und das möchte sie in ihrem Bereich, der Kunst, thematisieren. Mit der Dirigentin habe sie für diesen Film und das Thema die beste Protagonistin gefunden: "Monica ist professionell, entspricht nicht dem Klischee, hat physische Präsenz und macht mit ihrer Person etwas in der Gender-Debatte auf", sagt Porten. Und dass Maria, die andere, jüngere Person ihres Films, für die Emanzipation stehe, weil sie sich selber ermächtigt, etwas besser zu wissen als das, was das Lehrbuch vermittelt.

Mit "minoritären Randgruppen" beschäftigen sich alle Videos von Porten und mit Gender-Fragen und Diskriminierung in der Kultur, früher und heute. Das klingt mühselig, aber trocken und belehrend sind Portens Arbeiten nicht. In "Stop Acting - The Truth is Real" beispielsweise erzählt sie eine Geschichte über Homosexualität im Tierreich am Beispiel der Schimpansin "Pippi", die in einem niederländischen Zoo zu Hause ist und zu der sogar "Gayded Tours" stattfinden.

Für den Museumsdirektor ist klar, dass "Pippi" sexuelle Beziehungen zu anderen Weibchen pflegt, was der Tierpfleger allerdings entschieden abstreitet - "Pippi" sei ja wohl nicht lesbisch, nur weil sie zu ihren Artgenossinnen zärtlich sei. Und für die Pressefrau des Zoos ist klar, dass sich "Pippi" von einem homosexuellen zu einem heterosexuellen Affen entwickelt habe. In ihrem Zoo gebe es keine gleichgeschlechtlichen sexuellen Beziehungen.

Es sei doch unglaublich, was man alles in dieser Arbeit über die Gesellschaft lernen könne, lacht Porten. Wie schon gesagt, um Musik geht es in der Ausstellung von Marion Porten überhaupt nicht.

"Der Rücken der Dirigentin." Marion Porten. Leipzig. Galerie b2, bis 19.11., www.galerie-b2.de



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dasky 25.10.2011
1. Rhythmische Frauenbewegung
Zitat von sysopSie summt mit, sie ermuntert mit einem Augenzwinkern, sie führt mit ausladenden Bewegungen den Taktstock: Die Künstlerin Marion Porten zeigt in einer Leipziger Galerie das Video einer Dirigentin, das eine Studie ist über das Thema Macht - wie eigentlich alle Arbeiten Portens. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,793717,00.html
Höchste Zeit für die Frauenquote im Dirigentenberuf. Entschuldigung, im Dirigentinnenberuf.
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