Videoclip-Kunstwerk: Pulp Fiction mit Lady Gaga und Beyoncé

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Lady Gaga war 2009? Musikvideos sind eine sterbende Kunstform? Vergessen Sie's! In ihrem an Tarantino-Filme erinnernden Clip-Kunstwerk "Telephone" zieht der New Yorker Popstar alle Register der Provokation - und will zeigen, dass sie auch dieses Jahr den Ton angibt.

Lady Gagas "Telephone": Pop-Ikonen im Pussy Wagon Fotos

Die nackte blonde Frau wird brutal in ihre Zelle gestoßen, sie wehrt sich mit Händen und Füßen und springt wild ans Zellengitter, als es sich vor ihr schließt. Ihr Intimbereich ist gepixelt, aber der Wärter, im Weggehen, sagt lakonisch zu seiner Kollegin: "Ich wusste doch, dass sie keinen Schwanz hat."

Lady Gaga ist also doch eine Frau. Letztes Jahr gab es nach einem Bühnenauftritt, bei der ihr das Kleid hochrutschte und eine erstaunliche Ausbeulung im Höschen offenbar wurde, sofort Gerüchte, die immens erfolgreiche New Yorkerin ("Poker Face") sei in Wahrheit ein Mann. Stefani Germanotta, so Gaga bürgerlich, machte ihrem Künstlernamen alle Ehre und nutzte die PR-Möglichkeit: Klar habe sie einen Penis, sie sei ja schließlich ein Hermaphrodit, ein Zwitter, irgendwie auch ein Kerl.

Nein, ist sie nicht. Und es passt zu den etwas hilflosen Überlegungen zum Thema Penisneid, die damals in den Feuilletons angestellt wurden, dass Lady Gaga mit ihrer neuen Single und dem zugehörigen Videoclip ganz eindeutig klarmacht, dass Weiblichkeit ihre starke Seite ist.

Der neun Minuten lange Clip, der in britischen Medien schon etwas voreilig mit dem legendären "Thriller"-Video von Michael Jackson verglichen wird, heißt "Telephone", wurde von dem schwedischen Starregisseur Jonas Åkerlund (Madonnas "Celebration", Gagas "Paparazzi", Kinofilm "Spun") gedreht und am Freitag der neugierigen Öffentlichkeit präsentiert. Der Song ist die zweite Auskopplung aus dem Album "The Fame Monster", das im November 2009 erschien, und ist ein Duett mit der R'n'B-Sängerin Beyoncé Knowles.

Unbedingter Wille zur Opulenz

Die beiden zurzeit größten weiblichen Popstars, eine aus der weißen Popkultur, die andere aus der Black-Music-Tradition stammend, zusammen in einem Video? Das allein hat schon eine gewisse Sprengkraft. Doch für Lady Gaga, deren "Monster"-Album eigentlich nur eine Verlängerung ihres Debüts "The Fame" ist, geht es in diesem Jahr um mehr als nur publicity-trächtige Kooperationen. Die 23-jährige Sängerin, die sich 2009 mit schrillen Bühnen-Outfits und stampfendem Discosound zur neuen, schillernden Pop-Ikone aufgeschwungen hat, muss dringend aus dem Schatten ihrer Über-Mutter Madonna heraustreten, sonst droht der "Fame", ganz im warholschen Sinne, ein kurzes Vergnügen zu werden.

"Telephone" könnte nun ein Fanal sein, dass mit Lady Gaga eben auch 2010 noch zu rechnen ist. Also werden so ziemlich alle Register der Provokation gezogen: Allein in einer Zeit, in der das Musikvideo dank Plattenfirmen-Finanznot zur sterbenden Kunstform verdammt ist, einen neunminütigen Minifilm drehen zu lassen, zeugt vom unbedingten Willen zur Opulenz.

Interessant sind aber vor allem Stil und Inhalt des Clips: Rudimentär erzählt wird eine Frauenknastgeschichte, die in ein mit vielen lesbisch-erotischen Zwischentönen gewürztes "Thelma & Louise"-Drama mündet. Zitiert werden nicht nur thematisch verwandte Exploitation-Reißer aus den sechziger und siebziger Jahren sowie Russ Meyers Busenparade-Klassiker "Faster Pussycat! Kill! Kill!", sondern vor allem die Filme und der visuelle Stil von Quentin Tarantino. So brausen Gaga und Beyoncé in der Mitte des Clips, als die Lady per Kaution aus dem Knast geholt wurde, mit dem Original-"Pussy Wagon" davon, den Uma Thurman in "Kill Bill" fährt. Tarantino, erzählt Gaga stolz, lieh ihr das pink-gelbe Vehikel bereitwillig für den Videodreh aus. Auch die zentrale Diner-Szene aus "Death Proof" wird ausgiebig kopiert, sie mündet in eine Gruppen-Tanzperformance, die gleichermaßen an Jackson-Choreografien und Britney Spears' "Baby One More Time" erinnert.

Aggressiver als Madonna

Tatsächlich ist die Liaison von Gaga und Pulp-Papst Tarantino sinnvoll: Beide Künstler bedienen sich aus dem großen Pool der Pop- und Trashkultur, um vordergründig retrospektive, aber im postmodernen Kern letztlich top-aktuelle Sampling- und Hommage-Kunstwerke zu erschaffen, die sich aus der ironischen Brechung von Sex, Gewalt und Perversion speisen. Die Ausbeutung und Inanspruchnahme des Kreativpotential anderer, vor allem visuell arbeitender Künstler, damit hat natürlich auch Gagas Vorgängerin Madonna schon über ihr manchmal arg dünnes musikalisches Oeuvre hinweggetäuscht. Ihre treueste Epigonin geht dabei nur aggressiver vor und überdreht, wo sie kann.

Wie üblich in Videos von Lady Gaga gibt es daher auch in "Telephone" ein Überangebot an Nacktheit und Sexualität: Überall lugen Brüste hervor, werden lesbische Zungenküsse ausgetauscht, wiegt sich die Sängerin nur mit Polizei-Absperrband beklebt im technoid treibenden Sound ihrer Musik. Wahrscheinlich wurde Gaga, folgt man der Story des Clips, überhaupt nur eingesperrt, weil sie zu sexy und zu erfolgreich für den Rest der Welt ist: Die Neider und Normalos versuchen sich der Newcomerin zu entledigen, doch die schlägt mit allen der Frau zur Verfügung stehenden Mitteln zurück. Eine derartige Opferstilisierung, das ein umso selbstbewussteres In-die-Brust-Werfen zur Folge hat, kennt man sonst nur aus den Macho-Inszenierungen männlicher Rap-Superstars wie 50 Cent.

Doch die haben sich längst zum Dollarszählen in die Dekadenz verabschiedet. Im Text von "Telephone" geht es übrigens darum, dass Lady Gaga von einem "Boy" nicht erreicht werden kann, weil die Musik im Club zu laut ist und sie ohnehin zu beschäftigt ist, um sich mit ihm zu unterhalten. Männer haben in der von Lady Gaga dominierten Popwelt nichts mehr zu melden, allerhöchstens noch Kumpanin Beyoncé darf auf Augenhöhe mitmischen.

Am Ende des Clips vergiftet Gaga im Diner den potentiellen neuen Lover ihrer Geliebten - und die beiden Outlaws brausen im Pussy-Mobil einer ungewissen Zukunft entgegen: "to be continued...", Fortsetzung folgt, wird eingeblendet. Damit ist wohl zu rechnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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1. Hype?
Meckermann 13.03.2010
Öhm... findet ihr nicht, dass ihr hier ein bisschen dick auftragt? Beyonce hat ja imemrhin schon den ein oder anderen ganz netten Song gebracht, aber ist doch eigentlich eher dafür bekannt hübsch auszusehen. Auf Lady Gaga trifft weder das eine noch das andere zu. Warten wir doch erstmal ab ob die in drei Jahren immernoch Musik macht, bevor wie sie zum Star erklären (ich hoffs ja nicht aber man kann nie wissen...)
2. Null Provokation
bisjetzt 13.03.2010
Ich bin beim Ansehen des Clips gerade beinahe eingeschlafen.
3.
m-pesch 13.03.2010
Zitat von MeckermannÖhm... findet ihr nicht, dass ihr hier ein bisschen dick auftragt? Beyonce hat ja imemrhin schon den ein oder anderen ganz netten Song gebracht, aber ist doch eigentlich eher dafür bekannt hübsch auszusehen. Auf Lady Gaga trifft weder das eine noch das andere zu. Warten wir doch erstmal ab ob die in drei Jahren immernoch Musik macht, bevor wie sie zum Star erklären (ich hoffs ja nicht aber man kann nie wissen...)
Im Gegensatz zu den meisten "Stars" die zur Zeit so auf dem markt sind kann das Mädel wirklich was. Hier mal eine Aufnahme von 2005 von der NYU http://www.youtube.com/watch?v=NM51qOpwcIM Da hat die schon mit 17 studiert.
4. Lady Gaga
ollux 13.03.2010
Die Lady ist einfach großartig, was man von dem sehr dünnen und dazu oberflächlichen Artikel Von Andreas Borcholte kaum sagen kann. Seinen Bemühungen zum Trotz sieht weder Lady Gaga selbst noch andere, wie ich auch selbst, eine besondere Nähe zu Madonna. Von " treuester Epigonin " zu sprechen zeugt vielmehr von der Ahnungslosigkeit des Autors, der sich deutlich mehr mit der interessanten Vita der Künstlerin befassen sollte.
5. Das Mädel kann was
dererkenner 13.03.2010
Zitat von m-peschIm Gegensatz zu den meisten "Stars" die zur Zeit so auf dem markt sind kann das Mädel wirklich was. Hier mal eine Aufnahme von 2005 von der NYU http://www.youtube.com/watch?v=NM51qOpwcIM Da hat die schon mit 17 studiert.
Das hier ist noch besser http://www.youtube.com/watch?v=l3R3KqrJAI4 und wird hoffentlich auch notorische Nörgler wie Herrn Meckermann endlich zum Schweigen bringen.
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