Violin-Virtuosin Jansen Unspielbar? Unfassbar!

Klassiker sind unvermeidlich, wenn man im Virtuosengeschäft was werden will. Geigen-Star Janine Jansen hat schon beeindruckende CDs von Bach bis Bruch vorgelegt, nun präsentiert sie ihr Meisterstück.

Felix Broede / Universal Music

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Eine rasant gespielte Violine, gerade eine Stradivari, kann klingen wie Heavy Metal: hart, laut, offensiv - sogar bei Johann Sebastian Bach, dessen Kompositionen alles an Hingabe und Kraft fordern. Komponisten späterer Jahrhunderte dehnten die geigerische Kraftgrenze technisch sogar noch aus. Und so wurden Solisten zu Noten-Bezwingern, vergleichbar wagemutigen Bergsteigern.

Die holländische Geigenvirtuosin Janine Jansen, stolze Spielerin einer Stradivari von 1727, hat Power im Gepäck - und die braucht sie auch, um das ebenso exzentrische wie farbenreiche Violinkonzert op. 15 von Benjamin Britten (1913-1976) zu meistern. Dennoch klingt das, was sie jetzt gemeinsam mit dem Dirigenten Paavo Järvi als neue CD (Decca) vorlegt, wie eine frische Morgenbrise: ein Sonnenaufgang auf dem Mount Britten.

Irgendwann in ihrem jungen Künstlerleben wird auch Janine Jansen der Satz begegnet sein, dass der Geigenhexer Jascha Heifetz dieses Britten-Konzert für unspielbar hielt. Wahrscheinlich war das Ansporn und Herausforderung für die Virtuosin: Ihr Spiel auf dem neuen Album mit eben jenem op. 15 vibriert lebendig und souverän. Keine Spur mehr von ihrer sehr dezenten, vornehmen Interpretation etwa des Mendelssohn-Konzertes, die 2006 erschien und ein wenig nach Heldenverehrung und devoter Kulthandlung klang.

Ochsentour für junge Stars

Eine mögliche Entschuldigung: Damals lag ihr internationales Debüt in London erst vier Jahre zurück. Starthilfe leistete der Dirigent Vladimir Ashkenazy, nachdem Janine Jansen in ihrer niederländischen Heimat seit dem ersten Amsterdamer Auftritt 1997 schon jede Menge lokalen Ruhm eingeheimst hatte. Aber um sich in Konkurrenz zu hochrangigen Kollegen zu behaupten, muss eben internationaler Erfolg her, und die Ochsentour aller Jungstars begann - mit dem unvermeidlichen CD-Gang durchs klassische Pflichtrepertoire. Ob es wirklich nötig ist, den Dutzenden von Top-Aufnahmen des Max-Bruch-Konzertes oder Vivaldis "Vier Jahreszeiten" noch eine weitere hinzuzufügen, beantworten die Marketing-Experten der Industrie stets gleich mit einem flammenden "Ja!". Naja, ihre Pflicht hat Janine Jansen inzwischen erfüllt: Prüfung bestanden.

Auch das Pflichtstück aus dem Hause Beethoven - das Violinkonzert op. 61 - ist auf der neuen CD enthalten, und es passt gar nicht mal schlecht in dieser Konstellation. Der Dirigent Paavo Järvi, der hier die Kammerphilharmonie Bremen dirigiert, hat mit seinem Orchester alle Beethoven-Symphonien sehr individuell und gelungen eingespielt. Er ist also im Thema Beethoven drin, hat eine eigene Lesart auf einem Terrain bewiesen, das als abgegrast gilt.

Bravour mit kontrollierter Kraft

Für die Kür wechselten Järvi und Jansen zum London Symphony Orchestra, eine sichere Adresse in Sachen Britten. Wie gut alles passte, zeigt am besten der wirbelnde zweite Satz des Konzertes, der am eindrücklichsten die spanischen Impressionen Brittens reflektiert, dessen Werk auf einen Barcelona-Aufenthalt 1936 zurückgeht. Hier lernte er den spanischen Violinisten Antonio Brosa (1894-1979) kennen, der Britten bei dem Werk beriet und dem er es später widmete. So fand das Violinkonzert 1940 in New York mit Brosa auch einen kompetenten Interpreten bei der Uraufführung in der Carnegie Hall.

Benjamin Britten, der sich zwar bei zeitgenössischen Strömungen stilistisch bediente, aber keiner gängigen Schule angehören wollte, wirkt heute musikalisch frisch und modern, fast zeitlos. Seine wagemutigen, keineswegs nur im atonalen Bereich angesiedelten Dur/Moll-Sprünge, die üppigen Melodien und überraschenden Rhythmen fügen sich gerade im Violinkonzert spannend zusammen. Diese Attraktionen könnte man solistisch auftrumpfend betonen, doch die kluge Künstlerin Jansen spielt einfach nur ihre Stärken und ihren Sinn für Proportionen und Klang aus - die wahre Stärke liegt in der kontrollierten Kraft. Was für Brittens Bravourstück genau die richtige Attitüde ist.


CD Janine Jansen: "Beethoven & Britten - Violin Concertos" (Decca). Erscheint am 9. Oktober.



insgesamt 3 Beiträge
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chribo, 30.09.2009
1. Noch nicht erhältlich- wieso dann Rezension?
BITTE veröffentlicht doch Rezensionen erst wenn die CD (das Buch etc.) im Handel erhältich ist! Es ist mir schon bewusst, dass die Marketing- aus unerfindlichen Gründen CDs und Bücher promoten bevor sie erhältlich sind. Das heisst ja noch nicht, dass kritische (?) Journalisten diesen Unsinn mitmachen müssen. Für den Leser ist es höchst mühsam. Er merkt sich die CD oder das Buch, geht in den Laden und will sie gleich kaufen. Im Voraus bestellen? Bei Anbietern die mich vera... - sicher nicht! - chribo PS: Danke, dass sie das Veröffentlichungsdatum wenigstens angegeben haben, das mit mich vor einem unnötigen Gang in den CD-Shop bewahrt. Vermutlich werde ich die CD in den nächsten 5 Jahren irgend wann mal erstehen, wenn mir nach Britten zu Mute ist.
avollmer 30.09.2009
2. Wo bleiben die Zeitgenossen?
Nicht nur, dass die Marketingabteilungen die Künstler auf alte und eingängige Klassiker festlegen wollen, sondern dabei auch die zeitgenössischen Komponisten weitgehend ignorieren und ihnen die Chance nehmen zum Mainstream zu werden. Wer wird in 200 Jahren geblieben sein? Hans Zimmer? Stockhausen? Ralph Siegel??? Bohlen????? Was müssen unsere Ururenkel von uns denken. Klassische Musik heisst nicht, dass der Komponist schon tot sein muss oder mindestens im Rentenalter. Die jungen Zeitgenossen werden zwar nicht ganz totgeschwiegen, aber vorrangig promotet und in der breiten Öffentlichkeit beworben werden sie nicht. Damit wird eine ganze Kulturkategorie der gesamtgesellschaftlichen Diskussion entzogen, verkümmert zur intellektuellen Randerscheinung und ob es in den nächsten Generationen dann noch namhafte Komponisten klassischer Musik geben wird, wird immer fraglicher. Statt komplexer Werke von Stundenlänge gibt es jetzt schon mehrheitliche kurzminütige Popmusik, die ebenfalls vom sekundenlangen Klingeljingle im Markt bedrängt wird. Selbst Spartensender wie Eins-Festival streichen die klassische Musik aus dem festen Sendeschema. Soll die zeitgenössische Kultur der kommenden Jahrzehnte aus Klingeltonmusik, Schokoriegel-Beilagebildern und Superhero-Plastkeramikskulpturen im 10"-Format bestehen? Reicht es zu sagen, für die komplexen Kulturformen gibt es die "alten" Meister?
Emil Peisker 30.09.2009
3. Interpretation eines schwierigen Werkes.
Zitat von avollmerNicht nur, dass die Marketingabteilungen die Künstler auf alte und eingängige Klassiker festlegen wollen, sondern dabei auch die zeitgenössischen Komponisten weitgehend ignorieren und ihnen die Chance nehmen zum Mainstream zu werden. Wer wird in 200 Jahren geblieben sein? Hans Zimmer? Stockhausen? Ralph Siegel??? Bohlen????? Was müssen unsere Ururenkel von uns denken. Klassische Musik heisst nicht, dass der Komponist schon tot sein muss oder mindestens im Rentenalter. Die jungen Zeitgenossen werden zwar nicht ganz totgeschwiegen, aber vorrangig promotet und in der breiten Öffentlichkeit beworben werden sie nicht. Damit wird eine ganze Kulturkategorie der gesamtgesellschaftlichen Diskussion entzogen, verkümmert zur intellektuellen Randerscheinung und ob es in den nächsten Generationen dann noch namhafte Komponisten klassischer Musik geben wird, wird immer fraglicher. Statt komplexer Werke von Stundenlänge gibt es jetzt schon mehrheitliche kurzminütige Popmusik, die ebenfalls vom sekundenlangen Klingeljingle im Markt bedrängt wird. Selbst Spartensender wie Eins-Festival streichen die klassische Musik aus dem festen Sendeschema. Soll die zeitgenössische Kultur der kommenden Jahrzehnte aus Klingeltonmusik, Schokoriegel-Beilagebildern und Superhero-Plastkeramikskulpturen im 10"-Format bestehen? Reicht es zu sagen, für die komplexen Kulturformen gibt es die "alten" Meister?
Liebe/r avollmer Ihre Kritik an Marketing in Ehren, aber hier ging es um Britten. Der ist eigentlich der zeitgenössischen Musik zuzuordnen, auch wenn er schon tot ist.:-) Und der entscheidende Faktor von Theurichs Beitrag ist doch die Künstlerin und ihre, als außergewöhnlich beschriebene Interpretation dieses schwierigen Werkes. Ich werde es mir zumindest anhören, wenn es veröffentlicht wird. Gruß Emil
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