Violinkonzerte Schumanns spätes Sorgenkind

Für die Violine gibt es beliebtere Konzerte als das von Robert Schumann. Carolin Widmann nahm sich das als spröde verschriene Werk vor. Bei ihr klingt es ganz anders als bei der Kollegin Kopatchinskaja.

Lennard Rühle

Von


Sorgenkind ist gar kein Ausdruck: Erst 1937 wurde Robert Schumanns spätes Violinkonzert in d-moll uraufgeführt, und viel Liebe erwarb sich das spröde und seinerzeit etwas seltsam anmutende Stück anschließend auch nicht. Dazu trübte die Tatsache, dass die Weltpremiere als propagandistisches Kulturevent der Nazis dienen sollte, den Blick auf das Werk.

Nach dem Uraufführungs-Geiger Georg Kulenkampff stellte immerhin Yehudi Menuhin das Werk in den USA vor, doch Sympathie für die Ideen des späten, vermeintlich umnachteten Schumann wollte sich auch danach zunächst nicht einstellen. Es brauchte einige Zeit und immer wieder Anläufe von Solisten, die die Qualitäten erkannten und es entweder im Konzertsaal spielten oder für Tonträger aufnahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachen dann bessere Zeiten für das Konzert an. Seither gehört das ungewöhnliche Werk zum Repertoire der Virtuosen.

Dass die Violinistin Carolin Widmann das Konzert zusammen mit dem fetzigen Opus von Felix Mendelssohn Bartholdy präsentiert, passt gut, denn Mendelssohn war ein Freund der Familie Schumann. Er spielte Klavier beim denkwürdigen Auftritt, als 1843 Clara Schumann und das 12-jährige Wunderkind Joseph Joachim gemeinsam musizierten. Es war das öffentliche Debüt von Joachim, dem Robert Schumann später sein Violinkonzert widmete. Dieses Konzert entstand erst 1853, drei Jahre vor Schumanns Tod, als der Meister nach und nach nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen und kreativen Schaffenskraft war.

So jedenfalls urteilte Schumanns Umfeld und lange auch die musikalische Welt, was dazu führte, dass das d-moll-Konzert zunächst gar nicht aufgeführt wurde und dann ein Schattendasein führte. Vorurteile können tief sitzen und lange leben.

Rein musikalisch liefert die Kombination von Mendelssohns beschwingtem Virtuosenfutter und Schumanns sanft-romantischer Delikatesse interessante Reibungen. Gegensätze, die sich anziehen und die zur prüfenden Ausarbeitung reizen: perfekt für Carolin Widmann, die sich sich während ihrer bisherigen Karriere stets als Meisterin des Ungewöhnlichen profilierte, schließlich kümmert sie sich engagiert um zeitgenössische Musik und präsentiert häufig Erstaufführungen. Nicht umsonst widmen ihr Komponisten neue Werke. Musik und Innovation liegen in der Familie, denn der Komponist, Klarinettist und Dirigent Jörg Widmann ist ihr Bruder.

Von der Klassik bis zu Morton Feldman

Ihr Studium absolvierte die Münchnerin in Köln, Boston und London und unterrichtet seit 2006 selbst an der Musikhochschule in Leipzig. Mit einem Repertoire, das vom klassisch-romantischen Pflichtprogramm bis zu Klangexkursen mit Morton Feldman reicht, wurde sie schnell zu einer vielbeschäftigen Virtuosin zwischen Europa und Amerika.

Ihr schlanker, biegsamer Ton (sie spielt eine Guadagnini-Violine von 1782) fügt sich bei der neuen Aufnahme einschmeichelnd süß mit dem Chamber Orchestra of Europe zusammen, das in seiner jungen Geschichte (gegründet 1981 und in London ansässig) schon bald zu einem der angesehensten Kammerensembles wurde. "Kammer" ist hier relativ: Das flexible Orchester hat zeitweilig über 50 Mitglieder. Im dritten Satz des Mendelssohns-Konzertes verbreiten alle zusammen beinahe spritzige Champagnerlaune, eleganten Swing und Klangkultur in bester Einheit.

Ganz anders springt die temperamentvolle und stets pointierende Kollegin Patricia Kopatchinskaja mit dem Schumann-Stück um. Die muss sich allerdings auch gegen das mächtige WDR Sinfonieorchester behaupten, das Heinz Holliger sehr stringent dirigiert. Man sieht Patricia Kopatchinskaja förmlich die Polonaise des dritten Satzes tanzen, weiß man doch aus ihren Konzerten, dass sie gerne mal den angestammten Solistenplatz verlässt und über die Bühne wandelt.

Ihrem ausdrucksstarken und triumphierenden Spiel tut das Wilde natürlich keinen Abbruch, außerdem kann sie sich auf das sichere Geflecht der WDR-Truppe verlassen. Kopatchinskajas druckvoller Ansatz bekommt dem nun gar nicht so spröden Konzert ebenso ausgezeichnet wie Widmanns ganz andere Akzente. Klar ist auf jeden Fall: Schumanns lange geschmähtes Sorgenkind ist aller Sorgen ledig, wenn es in den richtigen Händen liegt.

Anzeige
  • Carolin Widmann:
    Felix Mendelssohn Bartholdy/Robert Schumann

    Chamber Orchestra of Europe

    Ecm Records (Universal Music); 17,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
Anzeige
  • Patricia Kopatchinskaja:
    Robert Schumann

    Complete Symphonic Works Vol.4

    Audite Musikproduktion (Edel); 17,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.