Vocal-Jazz Raspeln statt Reinheit

Immer mehr Jazzsängerinnen und -sänger drängen mit ihren Werken auf den Markt. Die einen mögen es klassisch, die anderen modern. Hier finden Sie die besten Neuerscheinungen.

Jazzsängerin McLorin Salvant: Erstaunlich reifer Mainstream-Jazz
AFP

Jazzsängerin McLorin Salvant: Erstaunlich reifer Mainstream-Jazz


Können Sie den Klang einer Posaune von dem einer Trompete unterscheiden? Viele Menschen können es jedenfalls nicht. Stimmen hingegen sind sehr gut zu unterscheiden, und vielleicht ist das ein Grund dafür, warum Menschen lieber Stimmen zuhören als Instrumenten.

Das könnte auch erklären, weshalb es im Pop praktisch keine Instrumentalstücke gibt und im Jazz immer mehr Gesangsplatten aufgenommen werden. Seit es die Sängerinnen Diana Krall und Norah Jones mit ihren Jazz-afinen Alben in die Pop-Charts schafften, kommen immer mehr vokale Grenzgängerinnen auf den Markt.

Zu den vielen Skandinavierinnen unter ihnen zählt Caecile Norby. Die inzwischen 51-jährige Grand Dame des dänischen Jazz lässt sich auf ihrer neuen CD nur von Lars Danielsson begleiten. Der Spitzen-Bassist spielt auf dieser Platte auch Cello und Gitarre. "Eine Stimme ist für mich das ultimative Instrument für die Arbeit im Duo", sagt Danielsson. "Just The Two Of Us" wurde ein virtuoses akustisches Album.

Jazzduo Danielsson und Norby (r.): Virtuoses, akustisches Album
ACT/ Gregor Hohenberg

Jazzduo Danielsson und Norby (r.): Virtuoses, akustisches Album

Sound von Saxofonen in einer Bigband

Während Saxofonisten oder Posaunisten den Ton der menschlichen Stimme nachahmten, wollten Jazzvokalisten früher wie ein Instrument klingen. "I don't feel like I'm singing, I feel like I'm playing the horn", sagte die 1959 verstorbene Jazzdiva Billie Holyday. Diese traditionelle Auffassung von Jazzgesang pflegt ein junges Quartet aus zwei amerikanischen Sängerinnen und zwei Sängern. Die "Royal Bopsters" erzeugen a cappella den Sound des Saxofonsatzes einer Bigband. Ihre Debüt-CD - mit Veteranen wie Mark Murphy und Jon Hendricks als Gästen - ist die vielleicht aufregendste unter den Vocal-Jazz-Neuerscheinungen der kommenden Woche.

Den Jazzwurzeln verbunden fühlt sich auch die Singer/Songwriterin Cecile McLorin Salvant. Die Afroamerikanerin franko-karibischer Herkunft überraschte 2014 die US-Szene. Inzwischen gastierte die 25-Jährige beim Newport Jazz Festival und in Europa unter anderem beim Hamburger Elbjazz. Da wurde sie vom gleichen Piano-Bass-Drums-Trio begleitet, das auf ihrem neuen Album "For One To Love" dabei ist. Erstaunlich reif vorgetragener, solider, moderner Mainstream-Jazz!

Sängerin Wright: Breites Publikum
Corbis

Sängerin Wright: Breites Publikum

McLorin Salvants Kollegin Lizz Wrigt (38) findet seit über zehn Jahren mit ihren von Gospel und Blues beeinflussten Songs ein relativ breites Publikum. Auf ihrer vom Grammy-Gewinner Larry Klein produzierten CD "Freedom And Surrender" sind Gregory Porters Stimme und Till Brönners Trompete zu hören.

Köder für die Techno-Fans

Maria Joao, Portugals bekannteste Jazzvocalistin, spielte ihre neue CD mit der Band "Ogre" ein. Statt auf akustische Instrumente setzt das Quartett auf Synthesizer, Laptops und Electronics. Da bildet dann Maria Joaos warme Stimme einen reizvollen Kontrast zu Ogres Hybrid aus Jazz und elektronischer Musik. Ob das die Techno-Generation mögen wird?

Maria Joao: Warme Stimme und Synthesizer
Alexandre Cabrita

Maria Joao: Warme Stimme und Synthesizer

Eher traditionell treibt es der Brasilianer Vinicius Cantuaria. Der Sänger und Gitarrist bringt auf seiner neuen Platte ausschließlich Stücke von Antonio Carlos Jobim. Die Ohrwürmer des 1994 Verstorbenen - darunter das "Girl From Ipanema" - hat Cantaruia neu arrangiert; bei einigen Titeln des in Rio de Janeiro und Tokio eingespielten Albums unterstützen ihn Gäste: Bill Frisell (Gitarre), Ryuichi Sakamoto (Piano) und die Sängerin Melody Gardot.

Lieder aus dem "Great American Song Book" haben die dänische Sängerin Sinne Eeg und der Bassist Thomas Fonbaeck aufgenommen. Vocal/Bass-Duos scheinen "in" zu sein. Die 38-jährige Eeg findet sich mühelos ohne die Akkordstütze eines Pianos oder einer Gitarre zurecht und scattet wie die großen Vorbilder aus der Vergangenheit.

Duo Fonnesbaek und Eeg (r.): Scatten wie die großen Vorbilder
Stephen Freiheit

Duo Fonnesbaek und Eeg (r.): Scatten wie die großen Vorbilder

Für die waren europäische Klangvorstellungen wie Reinheit der Stimme und Tonumfang unerheblich, lehren die Jazzbücher - und erwähnen Louis Armstrongs Raspelstimme aber auch Billie Holyday. Die Jazzsängerinnen und -sänger von heute sind durchweg besser ausgebildet als die beiden und verfügen oft über klassisch schöne Stimmen. Aber das sagt noch nichts über ihre Ausdrucksstärke.


CDs:

Caecile Norby & Lars Danielsson: "Just The Two Of Us" (ACT) ab 4. 9.

London, Meader, Pramuk & Ross: "The Royal Bobsters Project" (Motema) ab 4. 9.

Cecile McLorin Salvant: "For One To Love" (Mack Avenue Records) ab 4. 9.

Lizz Wright: "Freedom & Surrender" (Concord) ab 4. 9.

Maria Joao & Ogre: "Plastico" (O-Tone Music) ab 4. 9.

Vinicius Cantuaria: "Vinicius canta Antonio Carlos Jobim" (Sunnyside Records)

Sinne Eeg & Thomas Fonnesbaeck: "Eeg - Fonnesbaeck" (Stunt Records)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
yxos 30.08.2015
1. Die Grandiose
Maria João kann man sich eigentlich immer anhören, kenne nichts wirklich schlechtes von ihr. Aber als Acapella-Fan muss ich die big Band Imitatoren auf jeden Fall auch mal antesten
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