Wacken Das lauteste Familientreffen der Welt

Erst spielt die Feuerwehr-Kapelle, dann die Death-Metal-Kombo: Das Dorf Wacken in Schleswig-Holstein war an diesem Wochenende wieder mal die Heavy-Metal-Hauptstadt der Welt, 75.000 Fans trafen sich zum Open Air. Christoph Ruf war einer von ihnen - und wollte am liebsten gar nicht mehr weg.


Das Feuerwehrorchester stimmt das "Schleswig-Holstein-Lied" an - und hunderte Langhaarige lassen die Mähnen kreisen. Beim "Wacken Open Air" mitten in Schleswig-Holstein ist das so normal wie anderswo Rentner, die ihre Hunde ausführen. Wacken ist der deutsche Heavy-Metal-Mythos. Spätestens seit die koreanische Regisseurin Cho Sung-hyung Dorf und Festival 2006 mit dem Film "Full Metal Village" ein Denkmal gesetzt hat, kennen viele Deutsche Wacken. Und jeder Heavy-Fan sowieso - ein größeres Metal-Festival gibt es nirgendwo auf der Welt.

Für ein paar Tage Anfang August besetzt ein ganzes Volk von 75.000 Fans die Wiesen vor dem Dörfchen. Gut 1800 Menschen leben hier ansonsten - auf jeden Bewohner kommen also etwa 42 Gäste. Abschotten ginge gar nicht - die Wackener machen einfach mit bei der Sache.

Die Dorfjugend verkauft Cola in Bechern, ein paar Rentner haben ein Zelt in den Garten gestellt und schenken Kaffee und Kuchen aus, beim Nachbarn kann man für einen Euro und 50 Cent duschen. Statt mit "Moin, Moin" grüßen sich heute alle mit dem Metaller-Gruß: die Hand zur Faust ballen, kleinen Finger und Zeigefinger abspreizen. Das funktioniert in jeder Sprache.

Warmschütteln für Iron Maiden

Das Dorf-Feuerwehr-Orchester heißt fürs Festival einfach "Wacken Fire Fighters", das klingt schon fast wie eine Rock-Kapelle. Sie treten am frühen Abend auf, im Biergarten - die Metal-Gemeinde schüttelt sich schon mal warm für den großen Showdown am Abend: Iron Maiden werden auftreten.

Iron Maiden - diese Band ist für jeden Metal-Fan das, was Nirvana für die Grunge-Jugend war oder die Ramones für den Punkrock. Und wären die Herren aus Großbritannien anders gekleidet und sprächen dazu etwas besser deutsch, könnten auch die Bandmitglieder selbst hier in einem holsteinischen Vorgarten Streuselkuchen und Kaffee ausschenken. Sie sind etwa der gleiche Jahrgang.

Den Fans ist es egal: Generationenübergreifend schreien sie die Refrains von Songs wie "The Number of the Beast" oder "The Trooper" mit - Songs, die zum Teil Jahre vor ihrer Geburt geschrieben wurden. Aber warum auch nicht? Schließlich wirft man auch kein Gemälde weg, nur weil es ein paar Jahre alt ist.

Zwei Stunden rocken Iron Maiden am Donnerstag über die Bühne, geschätzte 74.800 der 75.000 Wacken-Besucher sind dabei. "Maiden" spielen die Songs, die ihnen Heldenstatus verliehen haben: von ihrer ersten Platte aus dem Jahr 1980 bis zu Songs von "Fear of the dark", dem Album aus dem Jahr 1992. Der Titelsong "Fear of the dark" ist übrigens auch der jüngste Song des Sets. Man muss keine böse Zunge haben, um zu behaupten, das sie seither auch keine besseren Lieder mehr geschrieben haben.

Immerhin - es gibt Hoffnung: Am Donnerstag Abend trat in Wacken eine junge Dame namens Lauren Harris auf, sie ist die Tochter des Iron Maiden-Masterminds Steve Harris - sicher kein Nachteil für ihre Karriere, auch wenn die Songs noch ein wenig beliebig klingen.

Iron Maiden leben heute von ihrem eigenen Mythos: In Wacken wird ein etwas aufwendiger gestaltetes T-Shirt von ihnen verkauft, das 100 Euro kosten soll. Es verkauft sich "super", sagt zumindest der Merchandiser.

"Schwarz war leider ausverkauft"

Überhaupt sind T-Shirts in der Metal-Szene ein wichtiges Kommunikationsmittel: Ein Mittdreißiger trägt ein pinkes Hemd mit dem Aufdruck "Schwarz war leider ausverkauft". Sein Kollege hält mit "untätowierte Minderheit" dagegen. Ein Festivalbesucher, der das Shirt der aufgelösten amerikanischen Thrash-Band "Sacred Reich" trägt, wird mehrfach zu seinem exquisiten Geschmack beglückwünscht.

Was auf den Bühnen so passiert ist? Auf der einen Seite gab es eine Reihe von Bands, die bestätigt haben, dass der Grad zwischen Melodik und purem Kitsch im Heavy Metal ein sehr schmaler ist. Die heißen dann "Sonata Arctica", "Kamelot" oder "Nightwish" und überschreiten diesen Grad ungeniert mit Siebenmeilenstiefeln.

Glücklicherweise gab es aber auch richtig guten Metal in Wacken 2008: "Children of Bodom" und "Ensiferum" aus Finnland, die tiefgängigen "Opeth", "At the Gates", "Cynic", "Carcass", "As I lay dying", oder die tragisch unterbewerteten "Enemy of the Sun". So unterschiedlich sie stilistisch sein mögen - technisch sind sie über alle Zweifel erhaben. Metal-Jugendliche waren eben schon immer die, die im Unterricht auch nach der dritten Ermahnung durch den Gitarrenlehrer noch geblieben sind. Die anderen haben fürderhin Punk gemacht.

Musik wie Tütensuppe

Am Sonntagmorgen verstopfen Zigtausende Fahrzeuge die A23 südwärts und die umliegenden Landstraßen gleich mit. Nach über 80 Stunden voll kreischender Gitarren, treibender Bassläufe und Double-Bass-Teppichen... dröhnt aus den meisten Fahrzeugen im Stau immer noch der gewohnte Metal-Sound.

Im Radio spricht ein Pfarrer, der Stimme nach zu urteilen, ein protestantischer, mit todtrauriger Grundierung über die Hoffnung. Eine Welle weiter spielt ein Oldie-Sender Lieder, die in den Achtzigern schon schlecht waren. Alle gefühlt 127 konkurrierenden Stationen behaupten von sich, "das Beste von heute" zu spielen. Man kann nur hoffen, dass das nicht stimmt. Wohin man auch dreht - Musik wie Tütensuppe.

Panik macht sich breit. Die Hand tastet nach den CDs auf dem Beifahrersitz. Die Erlösung: Gitarren summen, ein Schlagzeugsolo - endlich wieder Musik. Nur noch 364 Tage bis zum nächsten Familientreffen.

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