Wagners "Walküre" in Hamburg Einen doppelten Wotan, bitte!

Ganz schön blass, die Dame. Claus Guths neue Hamburger "Walküre" litt an technischen Pannen, schwachen Regie-Einfällen und einem überambitionierten Orchester. Ein Krankheitsfall entpuppte sich dann aber als Glücksfall.

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Von Walhalla in die Sozialwohnung: Claus Guths Neuinszenierung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" an der Hamburger Staatsoper schrumpft nach dem "Rheingold"-Auftakt zunächst zu dem intimen Kammerspiel der "Walküre" zusammen. Wo sich in Hundings Hütte (in Hamburg eine kahle Kammer mit kaltem Schleiflack) die Helden-Geschwister Siegmund und Sieglinde zur fatalen Inzest-Liebe finden, findet auch das ambitionierte Spiel von Weltenlenker und Walhalla-Erbauer Wotan seine kleinteilige Fortsetzung.

Struckmann als Wotan und Piland als Fricka: Boulevard-Theater mit Gesang
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Struckmann als Wotan und Piland als Fricka: Boulevard-Theater mit Gesang

Zu Anfang stehen beide Protagonisten wie Playmobilfiguren in einer Puppenstube da, bevor der Gott sie im Vorbeigehen per Fingerschnippen anschaltet. Wir sind wieder in Regisseur Guths Modellbahnwelt aus dem "Rheingold" - ganz ohne Kenntnis der letzten Inszenierung wäre dieser Einstieg kryptisch.

Doch relativ schnell entwickelt diese "Walküre" ein Eigenleben - denn Guths griffige Bilder erschließen sich meist umweglos.

Siegmund und Sieglinde inmitten verschiebbarer Wände (Perspektivwechsel!), eine sehr plakative Personenregie: Das geht. Aber das geht nicht gut. Auch wenn keine Fragen offen bleiben - zu viel Geradlinigkeit kann auch enttäuschen.

Diese offensive Deutlichkeit zieht sich weiter durch den Abend. Der Wotan hat kräftig Karriere gemacht: Im zweiten Aufzug kann das Publikum seine neue Wohnstatt bewundern, in der er als Stararchitekt residiert, gewandet in feinem grauen Tuch. Seine Lieblingswalküre Brünnhilde flattert wie ein freches Vögelchen durch Wotans überdimensionales Panoramafenster herein. Brünnhilde schwingt keck den Speer: Der Autoritätskonflikt mit Chef Wotan deutet sich sofort an. Götter-Gattin Fricka ihrerseits zickt los über Wotans Pläne, den Ehebruch Sieglindes zu tolerieren.

Diese Geschichte ist so bekannt und durch zahllose "Ring"-Inszenierungen ausgedeutet, dass Claus Guth offenbar resigniert hat und dem Götterpaar eine Regiebehandlung nach Schema F zukommen ließ: Boulevard-Theater mit Gesang.

Bewegend gestaltet sich hingegen das Zusammentreffen von Brünnhilde und Siegmund, in dem der Regisseur die Verschränkung der Handlungsebenen von Göttern und Menschen mit einfachen aber effizienten Mitteln hinbekommt - das Ballett der toten Helden, die von den Walküren für Walhalla von den Schlachtfeldern der Erde heimgeholt werden, lässt einem für einen Moment den Atem stocken. Brünnhildes Entscheidung, gegen Wotans Befehl dem netten Siegmund im Kampf gegen den eifersüchtigen Hunding zu helfen, wird sinnlich erfahrbar. Es ist der beste Moment der Inszenierung.

Die Elite-Streiterinnen Wotans wirken dagegen eher wie ein Haufen Kung-Fu-begeisterter Teenies, die in einem tristen Heim für schwer erziehbare Walküren dahinvegetieren. Offenbar ist das als Allegorie auf den nonkonformistischen, straffälligen Geist ihrer Leiterin gedacht; ein gekacheltes Grauen, ein passender Ort für Brünnhildes Ungehorsamsstrafe. Zwischen Trümmern und fleckigen Wänden muss sie im Feuerkreis schmoren und auf ihre Errettung warten. Leider geht beim bildkräftig konzipierten Schluss der lodernde Feuerring immer wieder aus - verzeihliche Schwäche einer Premiere.

Eine vermeintliche andere Schwäche wurde dagegen zum Aktivposten: Kurz vor Vorstellungsbeginn musste Star-Wotan Falk Struckmann wegen akuter Infektion und Stimmverlust passen. Ein doppelter Wotan wurde also gesucht - und gefunden.

Struckmann mimte seine Rolle, während ein wunderbarer Einspringer vom Pult links neben der Bühne sang: Thomas J. Mayer, seit 2007 Mitglied des Hamburger Opernensembles, lieferte buchstäblich aus dem Stand einen Wotan ab, der begeisterte. Volltönend, ausgeformt, dramatisch und kraftvoll. Man glaubt gern, dass Mayer in München, Mailand und anderen illustren Opernorten bereits überzeugt hat. "A star is born" - nun auch in Hamburg.

Oberwalküre ohne Amazonenfeuer

Der Rest der Sängertruppe agierte dagegen eher durchwachsen. Wunderbar klar und stark Yvonne Naefs strahlende Sieglinde, ebenso der grundsolide und putzig-bärige Siegmund von Stuart Skelton, der als dezenter Kraftprotz seiner Rolle persönliches Flair verlieh.

Kein Wunder, dass Brünnhilde für ihn den Chef verriet - wobei allerdings Deborah Polaski als Oberwalküre nur mehr routiniert und verlässlich agierte, ohne das Amazonenfeuer entfachen zu können, das ihrem Part die Würze verliehen hätte. Jeanne Pilands Frick blieb blass, zumal sie Artikulationsprobleme hatte und streckenweise nur schwer zu verstehen war.

Schwer machte es hier und da auch Orchesterchefin Simone Young ihrer Umgebung. Sie startete mit dermaßen schnellen Tempi, dass man förmlich spürte, wie der zugige Wind durch Hundings Behausung Pfiff. Gottlob hatte jemand schnell die Tür geschlossen, die Dirigentin trat bald auf die Bremse.

Dafür deckte sie ihre Sänger immer wieder mit enormer Lautstärke ein, so dass manche Vokalpassage unterging. Überhaupt drückte sie bei den Klangfarben und Tuttistellen mächtig auf die Tube, nicht immer schlüssig entwickelt.

Am Ende gab's freundlichem Beifall für das Ensemble, sowie ein paar Buhs für das Orchester und für ein Regieteam, das durchaus mehr hätte wagen können.

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