Wainwright singt Garland "Der schwulste Moment meines Lebens"

Judy Garlands Konzert von 1961 in der Carnegie Hall wird von Fans als epochaler Showbiz-Moment bezeichnet. Der offen homosexuelle Sänger Rufus Wainwright trat gestern Abend in New York mit dem legendären Programm der Schwulen-Ikone auf.

Von Arndt Breitfeld


New York - Etwas mollig und blass, einfache, schwarze Hosen und ein unprätentiöser Haarschnitt. Noch etwas angegriffen von einer schweren Hepatitis trat Judy Garland am Abend des 23. Aprils 1961 vor ihr Publikum. Der MGM-Musical-Star ("The Wizard of Oz") präsentierte eine One-Woman-Show. 155 Minuten lang sang die 38-Jährige ihre Songs, aus vollem Herzen, mit ganzer Kraft - ein legendärer Abend. Das daraus entstandene Live-Album "Judy At Carnegie Hall" wurde ihre bestverkaufte Platte und brachte ihr zwei Grammys, einer davon für das "Album des Jahres".

Sänger Wainwright:  Offene Homosexualität
AP

Sänger Wainwright:  Offene Homosexualität

45 Jahre später steht der kanadische Sänger und Songschreiber Rufus Wainwright auf der gleichen Bühne in der New Yorker Carnegie Hall. Wainwright singt an zwei Abenden - gestern und heute - dieselben Songs, hinter ihm - wie bei Garland - ein 36-Mann-Orchester.

Gute Voraussetzungen, aber trotzdem ein schwieriges Unterfangen, an ein Konzert anzuknüpfen, das als epochal bezeichnet wird. Judy Garland war nun mal ein wirklicher Hollywood-Star und gilt wegen ihres gebrochenen Glamour-Faktors als Schwulen-Ikone. Eine große Diva, an der man sich nicht so leichtfertig versuchen sollte: Wainwright stellte sich der Herausforderung wohl gerade deshalb, weil er sich als offen homosexueller Interpret prädestiniert und frei von Zwängen fühlte, ohne Angst vor dem Klischee des schwulen Sängers, der sein Idol nachahmt. "How To Be A Male Diva" schlagzeilte das New Yorker Stadtmagazin "TimeOut" und nahm den Kanadier für seine aktuelle Ausgabe auf den Titel.

Der 32-Jährige Wainwright ("Across the Universe"), dessen Musik bisweilen als "Popera", also Pop-Oper, bezeichnet wird, sagte halb ernst, halb mokant dem Magazin: "Durch dieses Konzert versuche ich mich als eine der Stimmen des 21. Jahrhunderts zu etablieren". Vielleicht als Reaktion auf die Skeptiker, die ihn vor diesem Projekt gewarnt hatten. "Nur das Publikum wird entscheiden, wie seine zwei Shows - mutig auf jeden Fall, mit ernsthaftem Risiko einer Bruchlandung und anschließendem Verbrennen - zu beurteilen sind", weissagte "TimeOut".

"Als Kind wollte ich Dorothy sein"

Rufus Wainwright zeigte keine Angst. Was ihn zu Garland hinziehe, sei "ihre Verletzlichkeit und ihre emotionale Versklavung an die Musik" sagte er "TimeOut". Der Sänger setzte sich im Konzert selbstironisch mit der Ikone auseinander. Selbstbewusst sagte er bei den Proben: "Wenn ich dort oben 'The Trolley Song' singe, wird das der schwulste Augenblick meines Lebens sein. Für jeden im Publikum wohl auch, und das ist wunderbar."

Laut "New York Times" bestand das Publikum in der Carnegie Hall gestern Abend tatsächlich zum größten Teil aus Schwulen über 30. Die Musik-Arrangements einige Töne tiefer gesetzt, um zu seiner kräftigen, bisweilen nasalen und manchmal leicht undeutlichen Stimme zu passen, interpretierte Wainwright rund zwei Dutzend Lieder. Darunter "When You're Smiling", "Puttin' on the Ritz", "How Long Has This Been Going On", "Just You, Just Me", "That's Entertainment", "Chicago" und, natürlich, "Over The Rainbow", den vielleicht bekanntesten Garland-Song aus dem "Zauberer von Oz". In Anspielung darauf gleich zu Beginn Wainwrights Feststellung: "Wir sind nicht mehr in Kansas, wir sind in New York!" - abgewandelt von Garlands Filmzitat "Ich glaube, wir sind nicht mehr in Kansas!", als sie als kleine Dorothy aus ihrem Haus tritt, das von einem Tornado in das Phantasieland Oz geschleudert wurde.

Hollywood-Ikone Garland: Neu interpretiert von Rufus Wainwright
AP

Hollywood-Ikone Garland: Neu interpretiert von Rufus Wainwright

Stürmischer Applaus auch für sein lockeres Führen durch die Show, mal im cremefarbenen Anzug mit Sternenhemd, dann im schwarzen Anzug und Zylinder: "Ich werde jetzt reden, weil Judy an dieser Stelle auf dem Album spricht", sagte er, oder, wenn ein Licht nicht anging: "Das ist beim Original nicht passiert." Gelächter, Begeisterung, auch für kleine Geständnisse zwischendurch: "Als ich ein Kind war, wollte ich Dorothy sein. An guten Tagen. An schlechten war ich die böse Hexe des Westens." Die hatte er schon mal bei einem Konzert in San Francisco gegeben, als er einen Song mit dunklem Mantel und schwarzem, spitzen Hexenhut beendete und zu Boden sank, wie die schmelzende Hexe des Westens am Ende von "Oz".

Sarah Jessica Parker statt Rock Hudson

Der Abend von 1961 war glamourös: Rock Hudson, Richard Burton, Julie Andrews und Henry Fonda saßen in den ersten Reihen, als Judy Garland ihr Comeback feierte. Wainwright verfügte über nicht minder illustres Publikum: Sarah Jessica Parker ("Sex And The City"), Regisseur John Waters ("Hairspray") und Judy Garlands Tochter Lorna Luft, mit der Wainwright das Duett "After You've Gone" sang. Lufts Halbschwester Liza Minnelli ("Cabaret"), Garlands zweite Tochter, kam nicht.

Das Konzert war komplett ausverkauft, genau wie die heutige zweite Show. Auf Wainwrights Website versuchen sich kartenlose New Yorker Fans zu trösten: "Wir könnten uns ja an der Tankstelle am Leicester Forest East treffen, Fackeln schwenken und die Judy-Garland-CD hören, während wir in unseren rubinroten Schuhen gemeinsam in unser 7up weinen", schlägt eine Cath vor.

Die rubinroten Schuhe aus "Oz", die Dorothy wieder nach Kansas brachten, spielten bei der Show allerdings keine Rolle. Wainwright erntete heute Morgen viele positive Zeitungskritiken für seinen Auftritt und sah seinen Mut belohnt: "Ich habe eine wirkliche Verbindung zu Judy Garland gefühlt, ich habe mit ihr kommuniziert" zitierte ihn die "New York Times". Übermütig wurde er trotzdem nicht: Er hatte schon vor dem Konzert überlegt, zum Ende des Auftritts mit all den berühmten Songs von George Gershwin und Harold Arlen ein eigenes, selbst geschriebenes Lied als Zugabe zu geben. Er entschied sich dagegen, weil sie "bessere Songwriter als ich waren" sagte er "TimeOut" - um dann mit einem nur halb ironischen Lachen hinzuzufügen: "Aber keiner von ihnen hatte meine Augenbrauen."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.