Oper über Walter Benjamin Wenn die Philosophie singt

Das Leben eines Philosophen als Oper? Klingt gewagt. Peter Ruzicka dampft die Weltrevolution des Walter Benjamin auf der Opernbühne ein und transformiert sie ins Private. Großartig!

Bernd Uhlig

Von


Klassik-Tausendsassa Peter Ruzicka verliert keine Zeit: Gleich zu Beginn seiner Oper "Benjamin" überschüttet er das Publikum mit einer Fülle von Schall-Emotionen; ein opulent besetztes Orchester mit Extra-Ensemble, ein Dirigent in separatem Raum, mehrere Chören und ein dichtes, grell-effizientes Klanggewebe. Das lässt niemanden bei der Uraufführung in der Hamburgischen Staatoper kalt.

Sieben assoziativ verbundene Lebensstationen von Walter Benjamin (1892-1940) dampfen das Bild des unkonventionellen und streitbaren Denkers, Publizisten und Kulturgranden auf griffige Momente, Konfrontationen und Reflektionen ein. Sie grundieren das ehrgeizige Unternehmen, einen Philosophen musikalisch und szenisch greifbar zu gestalten. Erleuchtung und Verzweiflung bündelt der Komponist Ruzicka zur lustvollen und vor allem nachvollziehbaren Erfahrung für den Zuschauer. Chapeau!

Düsterkomische Meta-Oper

Benjamins populärstes Werk, "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" (1936), scheint auf diese Oper förmlich gewartet zu haben, denn das Spiel mit künstlerischer Aura, kreativer Unmittelbarkeit und Alltag gelingt sowohl in der düsterkomischen Inszenierung wie auch in Ruzickas mosaikartig komponierten Musik, die aus vielen Quellen schöpft, aber stets daraus eigene Wirkungen destilliert. Eine Meta-Oper, wenn man so will.

Dazu klopfen alle üblichen Verdächtigen mal an: Hannah Arendt mit ihrer Vision der "Banalität des Bösen", Bertolt Brecht und sein Gegenpart, der Kabbala-Forscher Gershom Scholem, dazu Benjamins Geliebte Asja Lacis, eine Schauspielerin als Katalysator seiner künstlerischen Fragmentierung, prägen die sieben Stationen, an denen sich die Regisseurin und Autorin Yona Kim bildkräftig abarbeitet. Denn chronologisch läuft hier gar nichts ab.

Fotostrecke

4  Bilder
Fotostrecke: Düster-komische Philosophen-Oper

Und das ist auch gut so. Die Konzentration auf die Darstellung essenzieller Bewusstseinsprozesse und harter Konkretisierung in historischen Situationen erzeugt einen fast magischen Sog in der imaginären Handlung, die den Spannungsbogen des Benjamin-Lebens zwischen Emigration, künstlerischen Projekten mit Kindertheater und drohender Kriegskatastrophe in Europa stets auf den visuellen und musikalischen Punkt bringt.

Brillante Stimmen

Der Bariton Dietrich Henschel trifft in Spiel und stimmlich makelloser Führung die Person Benjamins glaubwürdig und direkt, zu jeder Sekunde der dichten Inszenierung hält seine Bühnenpräsenz sowohl depressive Leere wie überbordende Fülle auf der Szenerie zusammen: ein Glücksfall für die Produktion.

Umso mehr, da fast alle Rollen ähnlich glücklich besetzt worden sind. Als Benjamins Geliebte Asja brilliert die chinesische Sopranistin Lini Gong, die in zahlreichen Inkarnationen sowohl kraftvolle Höhen als auch betörendes Sentiment hören lässt. Dazu strahlt die Tenorfülle Andreas Conrads mit einer für Bertolt Brecht beinahe zu grellen Helligkeit, was die Eitelkeit des Dichters umso mehr leuchten lässt.

Tigran Martirossian scheint die Partie des Kabbala-Forschers Sholem auf den stimmlichen und schauspielerischen Leib komponiert, so wohlfühlig und ausdrucksstark kann er die Szene dominieren. Dorottya Láng als Hannah Arendt und Marta Swiderska als Dora können mit der Fülle an kraftvollen Stimmen mühelos mithalten.

Mit Sturmhelm bewehrte Kindersoldaten

Eberhard Friedrich führt den gewohnt souveränen Opernchor durch die Stationen. Die jungen Künstler der inzwischen ebenso berühmten "Alsterspatzen" liefern gesanglich wie darstellerisch wieder mal ein Meisterstück ab: Auch als mit Sturmhelm bewehrte Kindersoldaten singen sie ebenso anrührend wie genau. Weit mehr als "nur" ein talentierter Kinderchor.

Die zahlreichen Bewegungen durch die zerklüftete Bühnenwelt einer kriegsverwüsteten Stadt organisiert die vielseitige, in Südkorea geborene Regisseurin und Librettistin Yona Kim übersichtlich mit Gespür für suggestive Bilder und menschliche Momente. Man kann den Blick nicht vom Geschehen wenden, obwohl das Licht (Reinhard Traub) nur sehr sparsame Akzente setzt. Volle Punktzahl auch für die perfekte Bühne mit den variablen Plätzen für den Chor, erdacht von Heike Scheele.

Chor-Perfektion als Höhepunkt

Peter Ruzicka, der natürlich an diesem Abend selbst am Dirigentenpult steht, hat für diese seine dritte Oper einen Part aus seinem Dichter-Werk "Celan" in Gestalt einer Chorfantasie übernommen. Ein Höhepunkt der Inszenierung, so klassisch harmonisch, wie man es nach den künstlerischen und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts nur komponieren kann.

Mit dem "Benjamin" und zwei vorher mit der sanften Horror-Oper "Frankenstein" des Hamburger Komponisten Jan Dvorak gelingt der Hamburgischen Staatsoper nach durchwachsener Spielzeit ein überaus erfolgreiches Saisonfinale. Intendant Georges Delnon darf, trotz seines seltsam vergrützten "Fidelio", zufrieden sein.


"Benjamin", nächste Aufführung: 6., 10., 13. und 16.6.2018, jeweils 19.30 Uhr, Staatsoper Hamburg

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rainer82 05.06.2018
1. Kontroverse Kritiken
So unterschiedlich fallen also die Kritiken dieser Oper aus. SPON lobt und rühmt, und andere Rezensenten benutzen Begriffe wie "abgehoben, "verkopft", "langatmig", " mit lähmenden Durchhängern". Ruzicka polarisiert also mal wieder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.