Weihnachtslieder Laute Nacht

Lady Gaga, Michael Bublé, Michel Legrand: Wer im Popgeschäft etwas auf sich hält - und auch gerne viele Platten verkauft - der bringt eine Weihnachtsplatte heraus.

Universal Music

Man traut seinen Augen kaum: Auf dem Cover ihrer neuen EP "A Very Gaga Holiday" zeigt sich Lady Gaga nur dezent in einen Pelz (vermutlich aus Polyester) gehüllt und schlägt demütig die Augen nieder. Noch überraschender ist ihre musikalische Darbietung, denn da schnurrt Lady Gaga tatsächlich wie Barbra Streisand zu Barjazz-Klängen eine samtene Version von Bing-Crosbys-Weihnachts-Oldie "White Christmas". Unglaublich aber wahr: Pünktlich zu Weihnachten wird selbst Lady Gaga handzahm.

Aber das passt schon, denn letztlich ist auch das schrille Showpony Lady Gaga eine Traditionalistin. Und zu den althergebrachten Traditionen im Pop-Zirkus gehören nun mal Weihnachtslieder. Auch wenn zuverlässig jeden Winter strenge Kulturwächter gegen künstlerische Bankrotterklärungen und bösen Kommerz protestieren. Aber der Kanadier Michael Bublé, dessen Weihnachtsalbum "Christmas" derzeit weit und breit in den Charts punktet, hat schon recht, wenn er im KulturSPIEGEL daran erinnert, dass Weihnachten trotz aller Einkaufsschlachten eben auch ein großer Spaß ist - und zu dem gehören nun mal Weihnachtslieder.

Dass die Freude an dieser Poptradition sich durch alle Genres und Generationen zieht, belegt die Galerie der Künstler, die schon Weihnachtslieder zum Besten gaben: Sie reicht von Bob Dylan zu Motörhead, Madonna, Saint Etienne, Neil Young, den Beatles, R.E.M., Pet Shop Boys, Iggy Pop, David Bowie, James Brown, Keith Richards, Paul McCartney, Bruce Springsteen und vielen anderen. Überraschend ist aber, dass sich nur wenige Musiker an eigene, frische Festtagslieder wagen. Denn letztlich wird immer dasselbe Dutzend bewährter Klassiker recycelt: "White Christmas", "Jingle Bells", "Christmas Song", "Winter Wonderland" etc. Was aber auch daran liegt, dass die meisten Menschen tatsächlich immer nur dieselben Songs hören wollen und deshalb alle Radiostationen nichts anderes spielen.

Das erfuhr auch Michael Bublé von seiner Plattenfirma, als er ein neues Weihnachtslied als Single veröffentlichen wollte. So beschränkt er sich auf seinem Album "Christmas" auch überwiegend auf Dauerbrenner wie "Silent Night" oder "Santa Claus Is Coming To Town", das aber mit so lässigem Charme, dass es funktioniert.

Auch junge Alternativ-Barden zelebrieren Weihnachtssongs

Ähnlich old-fashionend klingt "A Very She And Him Christmas", das die US-amerikanische Schauspielerin Zooey Deschanel und ihr Partner der Indie-Barde M. Ward zu dieser Festtags-Saison beisteuern. Zu Wards beschwingt echoenden Gitarrenklängen gurrt die Hollywood-Elfe Deschanel charmant frostige Klassiker wie "Have Yourself A Merry Little Christmas" oder Brian Wilsons "Little Saint Nick", und dass sie nicht wirklich singen kann, bemäkeln nur Menschen mit gefrorenen Herzen.

Sehr viel extravaganter kommt der französische Hollywood-Soundtrack-Oscar-Veteran Michel Legrand ("Windmills of Your Mind"!) daher, der auf dem Album "Noel! Noel !! Noel !!!" Dauerbrenner wie "Silent Night", "The Little Drummer Boy" und Co. mit opulenten Arrangements und exquisiten Gastsängern wie Iggy Pop, Carla Bruni, Rufus Wainwright und Jamie Cullum aufplustert.

Aber auch junge Alternativ-Barden zelebrieren Weihnachtssongs: Auf dem vergnüglichen Sampler "About Christmas Songs" glänzen versponnene und verspielte Talente wie Sufjan Stevens, Low oder The Wombats ("Is This Christmas?") mit Feiertags-Hits.

Herrlich bizarre Unterhaltung bietet auch das britische Duo Smith & Burrows, das auf dem Cover ihres Albums "Funny Looking Angels" mit angeklebten Engels-Flügeln posiert. Dahinter stecken überraschenderweise Tom Smith, Sänger der Düster-New-Wave-Gang The Editors, und sein Kumpel, der Ex-Razorlight-Schlagzeuger Andy Burrows. Was sich wie ein schlechter Scherz liest, funktioniert faszinierend gut: Neben skurrilen, getragenen Coverversionen von Yazoo ("Only You") und Black ("Wonderful Life") gelingen den beiden Brit-Rockern sogar würdevolle eigene Weihnachtslieder wie "As the Snowflakes Fall". Da passt auch, dass die beiden zum Finale noch erfolgreich mit Agnes Obel Mel Tormés "The Christmas Song" aufwärmen, das angeblich meist gecoverte Weihnachtslied aller Zeiten.

Merry Christmas!


Lady Gaga: A Very Gaga Holiday. Universal; nur online erhältlich;
Michael Bublé: Christmas. Warner;
She & Him: A Very She And Him Christmas. Domino Recording;
Michel Legrand: Noel! Noel !! Noel !!! Universal;
Diverse: About Christmas Songs. Devil Duck Records;
Smith & Burrows: Funny Looking Angels. Pias Recordings.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
guhock 16.12.2011
1. WeihnachtsZorn
Aber auch das: John Zorn: A Dreamer's Christmas. Tzadik mit den üblichen Verdächtigen. Ribot, Baron ua. Auch Mike Patton ist dabei. Der von Faith No More, Mr. Bungle oder Fantômas.
Consul 16.12.2011
2.
Zitat von sysopLady Gaga, Michael Bublé, Michel Legrand: Wer im Popgeschäft etwas auf sich hält - und auch gerne viele Platten verkauft - der bringt eine Weihnachtsplatte heraus. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,803915,00.html
Zu 90 Prozent verlogene Kretins mit DD-Dollarzeichen in den Augen("und auch gerne viele Platten verkauft"; genaus so isses nämlich), das. Keinen rostigen Schekel sehen die von mir!
coolcalmcollected 16.12.2011
3. Meine Empfehlung:
Die CD "While Mortals Sleep" von Kate Rusby. Leider kann ich sie dieses Jahr nicht live sehen (keine Zeit), jedenfalls ist die CD wirklich ein Genuss.
Consul 16.12.2011
4.
Zitat von coolcalmcollectedDie CD "While Mortals Sleep" von Kate Rusby. Leider kann ich sie dieses Jahr nicht live sehen (keine Zeit), jedenfalls ist die CD wirklich ein Genuss.
Die garantiert zu den 10 % glorreiche Ausnahmen zuzählt (keine Ironie). Ebenso wie die Kellys, die ja nun, etwas dezimiert in der Anzahl, auf Christmas-Tour gehen. Das sind Leute, die authentisch wirken. Ob es nun den eigenen Musikgeschmack trifft, oder nicht.
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