Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Weihnachtspop: Sünde im Winterwunderland

Von

Potzblitz, was hat der Meister denn da verbrochen? Der alte Provokateur Bob Dylan irritiert seine Fans mit vergnügten Weihnachtsliedern - und reiht sich damit in eine große Pop-Tradition ein.

Weihnachtspop: Sünde im Winterwunderland Fotos
Getty Images

Wahrscheinlich hat es Bob Dylan einfach gelangweilt, nur noch supertoll gefunden zu werden, niemanden mehr zu irritieren. Denn einfach alles, was er in den letzten Jahren so anging (Platten, Memoiren, Radiosendungen), sorgte zuverlässig für ehrfürchtige Euphorie. Ja, sogar für den Literaturnobelpreis wird "His Bobness" immer wieder gehandelt. Das passte nicht zu dem gewitzten Provokateur, und vielleicht dachte er sich, dass er da mal reinhauen muss.

Das ist ihm nun gelungen, sein neues Album finden nicht alle toll. Beim Internethändler Amazon ließen sich Fans zu erstaunlichen Kommentaren hinreißen: "Habe noch nichts so Fürchterliches gehört", "Vor Grauen geschüttelt", "Tiefer geht es nicht", "Voll in die Kloschüssel gegriffen", "Tickt der noch ganz richtig?", "Folter", "Verhöhnt alles, was Dylan mal ausmachte".

Potzblitz, was hat der Meister denn da verbrochen? Ein Duett mit George W. Bush? Loblieder auf Kinderpornografie? Ein Techno-Remix-Album? Nein. Nein. Nein. Bob Dylan hat nur ein Album mit Weihnachtsliedern aufgenommen. "Christmas in the Heart" heißt das polarisierende Werk, und es hält, was es verspricht: 15 verschneite Klassiker wie "Little Drummer Boy", "I'll be Home for Christmas", "Winter Wonderland" oder "Have Yourself a Merry Little Christmas", dargeboten von einem vergnügt grummelnden Dylan mit beschwingt aufspielender Band. Das ist für Menschen, die immer noch sauer sind, dass Dylan zur elektrischen Gitarre griff, zwar ein weiterer Schicksalsschlag, für den Rest der Menschheit aber ein irrwitziges Vergnügen.

Es stellt sich trotzdem die Frage, was in aller Herrgottsnamen so teuflisch an Weihnachtsliedern sein soll? Die empörten Fans versöhnt ja nicht einmal, dass der alte Meister seine kompletten Einnahmen aus dem Verkauf einem wohltätigen Zweck zuführt. Wo also liegt das Problem?

Reich wie Dagobert Duck

Der lustige und in diesem Zusammenhang durchaus regelmäßig geäußerte Vorwurf "Ausverkauf" ist Quatsch! Worin sollte der bestehen? Dylan ist so reich wie Dagobert Duck, er kann tun und lassen, was er will, und das waren in diesem Fall eben Weihnachtslieder. Natürlich kann man das als verqueren Scherz abtun oder als Ironie und Zynismus.

Aber Dylan hat sich längst als Weihnachtsfan geoutet, als er dem Thema eine seiner tollen Radio-Shows widmete. Außerdem ist er bekennender Traditionalist, und populäre Musiker, die Weihnachtslieder aufnehmen, haben eben eine große Tradition: Elvis, Sinatra, Johnny Cash, James Brown sind im Club. Selbst die Beatles haben ihren Fanclub einst mit Weihnachts-Schallfolien beglückt. Und auch nachgewachsene Helden führen die Tradition fort, so wie The Ramones, Sonic Youth, Beck, Aimee Mann, R.E.M., Eels, Flaming Lips, Rufus Wainwright, Saint Etienne oder Death Cab For Cutie. Alles keine Künstler, die für Kompromisse berühmt sind, sondern sich für Lieder von erhabener Freude und sanfter Schwermut begeistern.

Diese Weihnachten reihen sich noch Strokes-Sänger Julian Casablancas ("I wish it was Christmas Today"), Tori Amos ("Midwinter Graces"), A Fine Frenzy ("O, blue Christmas"), Jason Lytle ("Merry Xmas 2009"), Doobie-Bruder Michael McDonald ("This Christmas") und die Pet Shop Boys ("Christmas") ein. Besonders herrlich ist "In the Christmas Groove", eine Zusammenstellung alter Soul- und Funk-Schneemannslieder.

Eine aberwitzige Weihnachtsplatte, die auch Bob Dylan gefallen dürfte.


CD-Angaben:
Bob Dylan: "Christmas in the Heart" (Sony).
Tori Amos: "Midwinter Graces" (Universal);
Julian Casablancas: "I wish it was Christmas Today" (Sony);
Diverse: "In the Christmas Groove" (Strut);
Michael McDonald: "This Christmas" (Proper);
A Fine Frenzy: "O, blue Christmas" (EMI);
Jason Lytle: "Merry Xmas 2009" ( kostenloser Download);
Pet Shop Boys: "Christmas" (EMI).

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Alter Hut
BlueCougar 11.12.2009
Mal abgesehen, das das Album nun schon einige Monate auf dem Markt ist: Ein gelungener Kommentar. His Bobness hat offentsichtlich Spaß gehabt und ich hatte ihn auch. Obwohl ich kein so großer Weihnachtsfan bin.
2. +#+
lemming51 11.12.2009
Weihnachts-Pop ?? Völlig überflüssig !!
3. Charity
fred2007 11.12.2009
---Zitat von http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,666141,00.html--- Die empörten Fans versöhnt ja nicht einmal, dass der alte Meister seine kompletten Einnahmen aus dem Verkauf einem wohltätigen Zweck zuführt. Wo also liegt das Problem? ---Zitatende--- Das Problem:Was hat hilf- und einfallslose Charity mit dem künstlerischen Gehalt zu tun?
4. Grausamer Kitsch
doppelstopper 11.12.2009
Bei dem Artikel handelt es sich ob der schwachen Argumente um den hilflosen Versuch, Dylans Weihnachtsplatte schönzureden. Ich bin weder ausgeprägter Dylan-Fan noch ein Weihnachts-Hasser. Und bevor ich in die CD hineingehört habe, hatte ich die Hoffnung, dass Herr Zimmermann die Klassiker der Weihnachtsliedliteratur auf seine Weise ansprechend interpretiert. Bis auf wenige Ausnahmen ist dabei der pure grausamste Kitsch herausgekommen. Das erinnert mich an schwülstige Arrangements aus den 40er-Jahren, alles sehr amerikanisch und dick aufgetragen. Niemand muss ihm vorwerfen, Weihnachtslieder aufgenommen zu haben. Auf die Art und Weise kommt es an. Und da ist es einfach lob- und preisenswert, wenn die schönen Melodien allem Schwulst entkleidet werden. Dylan betreibt das Gegenteil.
5. Lustig
Wolfgang Jung 11.12.2009
Also, ich finde Dylans Weihnachtsplatte nett. http://www.youtube.com/watch?v=qVs6X9yIM_k
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: