Von Benjamin Bidder, Moskau
Neulich ist es Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko mal schlecht geworden, vor lauter "Übelkeit erregender Demokratie", die er in seinem Land ausmachte. Kurz zuvor hatte der Despot, der im Dezember Demonstranten zusammenknüppeln und Oppositionelle inhaftieren ließ, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als "Ziegenbock", und überhaupt alle Europäer als "Ochsen" beschimpft. "Wir sind für die Europäer ideologische Gegner", sagte Lukaschenko. "Europa kämpft gegen uns, weil wir eine andere Lebensweise haben." Überhaupt die Lebensweise: Den deutschen Außenminister Guido Westerwelle ließ er wissen, er habe nicht viel übrig für "Täubchen und Taubenhäuser" - eine wenig charmante Anspielung auf Westerwelles Homosexualität.
Es gibt nur eine europäische Institution, die sich in Minsk noch höchster Wertschätzung erfreut: der Eurovision Song Contest. Der gilt nicht nur der internationalen Schwulen- und Lesben-Community als Highlight, sondern auch dem Despoten von Minsk. Lukaschenko sagt von sich selbst, er verpasse ihn nie.
Als im vergangenen Jahr der Kinderableger "Junior Eurovision Song Contest" in Minsk gastierte, stattete der Staatschef den Sängern persönlich einen Besuch ab und ließ sich ein Ständchen singen. Den Junioren-Wettkampf hat Weißrussland schon 2005 und 2007 gewonnen und damit öfter als jedes andere Land. "Das ist nicht nur irgendein Wettbewerb, das ist ein echtes Ereignis für Weißrussland", hat Lukaschenko einmal wissen lassen. "Davon lebt das ganze Land." Der Präsident, das darf man vermuten, würde es gern sehen, wenn Minsk auch einmal den "erwachsenen Eurovision" gewinnen würde, wie er den ESC nennt.
2010 dann präsentierte die Combo 3+2 einen passablen Schmachtfetzen namens "Butterflies" (Schmetterlinge). Im Finale aber sorgte die Band für den Lacher des Abends, als die Sängerinnen auf der Bühne plötzlich selbst schimmernde Flügel entfalteten. 3+2 landeten auf einem schmachvollen vorletzten Platz, nur die Briten waren noch schlechter. Doch in Düsseldorf soll es nun besser laufen, auch dank göttlichem Beistand.
Vor 20 Jahren, so will es die von weißrussischen Medien kolportierte Legende, wurde einem sowjetischen Oberst ein Mädchen namens Anastasia geboren. Die Sowjetunion war in jenem April 1991 noch nicht untergegangen, und noch herrschte offiziell verordneter Atheismus in der weißrussischen Sowjetrepublik. Der Oberst brachte sein Kind deshalb heimlich zu einem Priester. Der Geistliche taufte das Kind und sprach: "Nastja, du wirst eine Sängerin werden."
Zwei Jahrzehnte später scheint sich die Prophezeiung des Priesters zu erfüllen. Anastasia "Nastja" Winnikowa tritt in Düsseldorf für Weißrussland an. Mit wummerndem Pop und Plastik-Sex-Appeal soll sie die Herzen der europäischen Zuschauer erobern. Beim staatlichen Fernsehsender ONT, von Präsident Lukaschenko mit dem Casting für den Song Contest betraut, vergleichen sie Nastja schon mit einer ominösen Vorjahressiegerin "Jelena Meyer", gemeint ist die gleichaltrige Titelverteidigerin Lena Meyer-Landrut.
Nastja ist Studentin an der Minsker Linguistischen Universität. Sie pendelt jeden Tag in die weißrussische Hauptstadt, denn die 20-Jährige wohnt noch bei ihren Eltern in Dserschinsk, einem Städtchen, benannt nach Felix Dserschinskij, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei.
Ihren ersten großen Auftritt hatte Nastja im vergangenen Jahr bei einem Empfang mit Staatschef Lukaschenko. Der Präsident habe sie "bemerkt und sogar gelobt", notierte die Boulevardzeitung "Komsomolskaja prawda". Der nationale Vorentscheid für den Grand Prix war da wohl nur noch Formsache.
Die Melodie, mit der Nastja in Düsseldorf punkten soll, stand schnell fest: Es ist ein Pop-Stampfer, wie man ihn in den vergangenen Jahren immer mal wieder aus Osteuropa gehört hat. Verwirrung gab es dagegen wegen der patriotischen Botschaft, die Nastja Europa überbringen soll.
Sang sie in der ersten Textversion noch "born in Belarus, USSR time, crazy and fine" ("Geboren in Weißrussland, zur Zeit der Sowjetunion, verrückt und schön"), erwogen ihre Songwriter zwischenzeitlich den Refrain "ja ja jump, hop, all around Europe, here we go". Antreten wird Nastja in Düsseldorf nun jedoch mit "I Love Belarus", einer Liebeserklärung an ihre Heimat; auf Englisch gesungen, wohlgemerkt. Weißrussland ist trotz allem Patriotismus noch nie mit einem Song in der Landessprache beim ESC angetreten.
"Mein Auftritt wird den Menschen einen Schauer den Rücken hinunterlaufen lassen", verspricht die Sängerin. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. "I Love Belarus" wurde von den Grand-Prix-Beobachtern Lukas Heinser und Stefan Niggemeier ( duslog.tv) bereits zum verstörendsten Auftritt gekürt.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Eurovision Song Contest | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH