Weißrusslands ESC-Hoffnung Trällern für den Tyrannen

Von Gott auserkoren, vom Despoten für würdig befunden und mit Plastik-Sex-Appeal gesegnet: Die Sängerin Anastasia Winnikowa will mit patriotischem Wummer-Pop die Zuschauer des Eurovision Song Contest für Weißrussland begeistern - und Diktator Lukaschenko einen Herzenswunsch erfüllen.

Von , Moskau


Neulich ist es Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko mal schlecht geworden, vor lauter "Übelkeit erregender Demokratie", die er in seinem Land ausmachte. Kurz zuvor hatte der Despot, der im Dezember Demonstranten zusammenknüppeln und Oppositionelle inhaftieren ließ, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als "Ziegenbock", und überhaupt alle Europäer als "Ochsen" beschimpft. "Wir sind für die Europäer ideologische Gegner", sagte Lukaschenko. "Europa kämpft gegen uns, weil wir eine andere Lebensweise haben." Überhaupt die Lebensweise: Den deutschen Außenminister Guido Westerwelle ließ er wissen, er habe nicht viel übrig für "Täubchen und Taubenhäuser" - eine wenig charmante Anspielung auf Westerwelles Homosexualität.

Es gibt nur eine europäische Institution, die sich in Minsk noch höchster Wertschätzung erfreut: der Eurovision Song Contest. Der gilt nicht nur der internationalen Schwulen- und Lesben-Community als Highlight, sondern auch dem Despoten von Minsk. Lukaschenko sagt von sich selbst, er verpasse ihn nie.

Als im vergangenen Jahr der Kinderableger "Junior Eurovision Song Contest" in Minsk gastierte, stattete der Staatschef den Sängern persönlich einen Besuch ab und ließ sich ein Ständchen singen. Den Junioren-Wettkampf hat Weißrussland schon 2005 und 2007 gewonnen und damit öfter als jedes andere Land. "Das ist nicht nur irgendein Wettbewerb, das ist ein echtes Ereignis für Weißrussland", hat Lukaschenko einmal wissen lassen. "Davon lebt das ganze Land." Der Präsident, das darf man vermuten, würde es gern sehen, wenn Minsk auch einmal den "erwachsenen Eurovision" gewinnen würde, wie er den ESC nennt.

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Anastasia Winnikowa: Lukaschenkos Lena
2009 scheiterte der weißrussische Interpret schon im Halbfinale. Sein Ausscheiden löste eine mittlere Staatskrise aus. Der Sänger beschuldigte Produzenten und Team der Korruption, Ermittlungen wurden aufgenommen, und Lukaschenko versprach "alles zu ändern."

2010 dann präsentierte die Combo 3+2 einen passablen Schmachtfetzen namens "Butterflies" (Schmetterlinge). Im Finale aber sorgte die Band für den Lacher des Abends, als die Sängerinnen auf der Bühne plötzlich selbst schimmernde Flügel entfalteten. 3+2 landeten auf einem schmachvollen vorletzten Platz, nur die Briten waren noch schlechter. Doch in Düsseldorf soll es nun besser laufen, auch dank göttlichem Beistand.

Vor 20 Jahren, so will es die von weißrussischen Medien kolportierte Legende, wurde einem sowjetischen Oberst ein Mädchen namens Anastasia geboren. Die Sowjetunion war in jenem April 1991 noch nicht untergegangen, und noch herrschte offiziell verordneter Atheismus in der weißrussischen Sowjetrepublik. Der Oberst brachte sein Kind deshalb heimlich zu einem Priester. Der Geistliche taufte das Kind und sprach: "Nastja, du wirst eine Sängerin werden."

Zwei Jahrzehnte später scheint sich die Prophezeiung des Priesters zu erfüllen. Anastasia "Nastja" Winnikowa tritt in Düsseldorf für Weißrussland an. Mit wummerndem Pop und Plastik-Sex-Appeal soll sie die Herzen der europäischen Zuschauer erobern. Beim staatlichen Fernsehsender ONT, von Präsident Lukaschenko mit dem Casting für den Song Contest betraut, vergleichen sie Nastja schon mit einer ominösen Vorjahressiegerin "Jelena Meyer", gemeint ist die gleichaltrige Titelverteidigerin Lena Meyer-Landrut.

Nastja ist Studentin an der Minsker Linguistischen Universität. Sie pendelt jeden Tag in die weißrussische Hauptstadt, denn die 20-Jährige wohnt noch bei ihren Eltern in Dserschinsk, einem Städtchen, benannt nach Felix Dserschinskij, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei.

Ihren ersten großen Auftritt hatte Nastja im vergangenen Jahr bei einem Empfang mit Staatschef Lukaschenko. Der Präsident habe sie "bemerkt und sogar gelobt", notierte die Boulevardzeitung "Komsomolskaja prawda". Der nationale Vorentscheid für den Grand Prix war da wohl nur noch Formsache.

Die Melodie, mit der Nastja in Düsseldorf punkten soll, stand schnell fest: Es ist ein Pop-Stampfer, wie man ihn in den vergangenen Jahren immer mal wieder aus Osteuropa gehört hat. Verwirrung gab es dagegen wegen der patriotischen Botschaft, die Nastja Europa überbringen soll.

Sang sie in der ersten Textversion noch "born in Belarus, USSR time, crazy and fine" ("Geboren in Weißrussland, zur Zeit der Sowjetunion, verrückt und schön"), erwogen ihre Songwriter zwischenzeitlich den Refrain "ja ja jump, hop, all around Europe, here we go". Antreten wird Nastja in Düsseldorf nun jedoch mit "I Love Belarus", einer Liebeserklärung an ihre Heimat; auf Englisch gesungen, wohlgemerkt. Weißrussland ist trotz allem Patriotismus noch nie mit einem Song in der Landessprache beim ESC angetreten.

"Mein Auftritt wird den Menschen einen Schauer den Rücken hinunterlaufen lassen", verspricht die Sängerin. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. "I Love Belarus" wurde von den Grand-Prix-Beobachtern Lukas Heinser und Stefan Niggemeier ( duslog.tv) bereits zum verstörendsten Auftritt gekürt.

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insgesamt 38 Beiträge
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marvinw 11.05.2011
1. Diktator Lukaschenko, böse, böse...
Selbst wenn er ein Diktator ist, so ist er einer bei sich im Land und nicht auf der ganzen Welt wie Bush/Obama und Konsorten.
sven17 11.05.2011
2. no titel
Zitat von marvinwSelbst wenn er ein Diktator ist, so ist er einer bei sich im Land und nicht auf der ganzen Welt wie Bush/Obama und Konsorten.
Gibt es eigentlich irgendein Thema, das manche Leute nicht dazu benutzen um über die USA herzuziehen?
charlie1111 11.05.2011
3. xxx
Zitat von marvinwSelbst wenn er ein Diktator ist, so ist er einer bei sich im Land und nicht auf der ganzen Welt wie Bush/Obama und Konsorten.
kannst du ja mal mit den zahlreichen politischen Gefangenen in Belarus diskutieren (solange sie noch leben).
Xircusmaximus 11.05.2011
4. Klingt auch nicht anders als
Zitat von sysopVon Gott auserkoren, vom Despoten für*würdig*befunden und mit Plastik-Sex-Appeal gesegnet:*Die Sängerin*Anastasia Vinnikova will mit patriotischem Wummer-Pop*die Zuschauer des Eurovision Song Contest für*Weißrussland*begeistern - und*Diktator Lukaschenko einen*Herzenswunsch erfüllen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,761533,00.html
die deutsche Lena. Lukaschenku erfreut sich im Übrigen einer zustimmung im Land, von der die EU Diktatoren nicht einmal zu träumen wagen.
Zero Thrust 11.05.2011
5. re
"Tyrann".. "Despot".. "Diktator".. ging's nicht noch 'ne Nummer bombastischer, oder war der Eintrag im Synonym-Wörterbuch dann doch mal abgegrast? Man muss Lukaschenko nun wirklich nicht mögen und etwas von all dem (da oben) ist er ganz sicher, ja doch. Aber der ganze Artikel verharrt, offenbar festgepefropft in seinem Sumpf der Tendenziösität, nicht nur jenseits jedwiger Originalität, sondern ist in puncto Charakterisierung Lukaschenkos auch so was von dick aufgetragen, dass man sich ernstlich um das Überleben der letzten Superlative sorgt. Wer weiß, vielleicht brauchen wir sie noch mal? Für ihr Heimatland kann Anastasia Vinnikova übrigens nicht mehr, als jeder andere Mensch, der in dieser Hinsicht vielleicht einfach nur mehr Glück hatte. Und: ---Zitat--- "I love Belarus" wurde von den Grand-Prix-Beobachtern Lukas Heinser und Stefan Niggemeier ( duslog.tv) bereits zum verstörendsten Auftritt gekürt. ---Zitatende--- Auch das noch?! Man kann nur hoffen, dass das Unvermeidbare bei den Herren Heinser und Niggermeier (wer auch immer das ist) keine bleibenden Schäden hinterlässt? Ich wünsche ihnen jedenfalls alles Gute und ganz viel Beistand! Ist halt blöd, wenn man nicht in der Lage ist, wenigstens so ein klein bisschen zu differenzieren und das erst recht, wenn's eigentlich um den ESC (Show, Kasperle-Theater, Entertainment, Spaß, ...) geht und nicht wirklich um Politik. Weshalb ist es dieser jungen Damen nicht erlaubt, ihre Heimat zu mögen und eben dies auch kund zu tun? (Man sollte hierbei vielleicht auch bedenken, dass die Wendung "ich mag X" (auch bereits um Zuneigung, Innigkeit oder Präferenz anzuzeigen) im Russischen, wie auch im Weißrussischen, prinzipiell mit einem Verb ausgedrückt wird, welches wir im Deutschen und nicht anders im Englischen, i. d. R. direkt mit "Ich liebe..", respektive "I love.." übersetzen würden. Da der Originaltext möglicherweise auf Weißrussisch od. Russisch verfasst wurde - so verstehe ich es auch - könnte sich eine etwas hochtrabend wirkende Phrase auch damit erklären. Das aber reine Spekulation.)
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