Neuer 3sat-Talk "Weltbühne": Zwei Schlurfis trumpfen auf

Von Arno Frank

3sat-Talk "Weltbühne": Brummbärenalarm am Müggelsee Fotos
ZDF

Für die erste Folge seiner 3sat-Sendung "Weltbühne" hat die Hamburger Popkultur-Größe Tino Hanekamp die Berliner Popkultur-Größe Sven Regener getroffen. Ein hübsches Duell und ein starkes Stückchen Fernsehen. Nicht sehr journalistisch, aber sehr menschlich. Und sehr gut.

Es steht das Schlimmste zu befürchten, wenn ein Sender einen Moderator mit den Worten anpreist, er sei "ein junger Dandy, versiert in Popkultur, Nachtleben, Politik und Hedonismus". Tatsächlich ist Tino Hanekamp, 33, nicht nur Clubbesitzer ("Uebel & Gefährlich"), Popliterat ("Sowas von da") und Kolumnist ("Spex"). Er ist in der neuen 3sat-Interviewreihe "Weltbühne", benannt nach seinem eigenen früheren Lokal, auch ein erfreulich sanftmütiger Gesprächsführer.

Hanekamp, der Hamburger Kiezkultur-Netzwerker, und sein Premieren-Gast Sven Regener treffen sich morgens auf einer Barkasse in Berlin. Im kalten Fahrtwind auf der Spree zündet sich Hanekamp eine Zigarette an und kommentiert aus dem Off: "Naja, jedoch. Früher hätte der Regener jetzt eine mitgeraucht." Heute steht der Regener nur daneben und setzt sich eine schwarze Wollmütze auf, in die hinten tatsächlich knallgelb "Herr Lehmann" eingestickt ist.

Die Stimmung ist hanseatisch. Regener findet Listen "kunstfeindlich" und sagt: "Wofür die Leute sich interessieren, das interessiert mich überhaupt nicht, das kannste dir gleich mal merken" - "Das schreib ich mir gleich auf!" - "Nee, das kann man sich auch so merken". Hanekamp fragt: "Schreibst du an einem Buch?", Regener antwortet: "Jo." Seit einer Weile schreibt er an seinem neuen Buch, immer "morgens eine Stunde von halb sechs bis halb sieben". Weil er dann "tagsüber nicht so schlechte Laune" hat, weil er wieder nicht zum Schreiben gekommen ist. Dann sitzen beide wieder einfach nur da und schauen stimmungsvoll ins Leere. Hanekamp mit seinem klaren James-Dean-Blick, Regener durch seine dicke Intellektuellenbrille. Dazu läuft "Weißes Papier", der größte Wurf von Regeners Band Element of Crime, und alles ist gut. Muss gar nicht geredet werden.

Was soll der Kram?

Erzählt wird auch in einer Rückblende, wie die beiden sich ein paar Monate zuvor schon begegneten, im Kiez von Regener, der darüber regelrecht aufgebracht ist und zeternd vor der Kamera davonrauscht: "Wir haben doch vereinbart, dass hier, wo ich wohne, nicht gefilmt wird! Welchen Teil von 'Hör auf damit' hast du denn nicht verstanden?"

Danach geht's im Polo an den Müggelsee. Kaum auf die B1 abgebogen, wird Bob Dylan gehört, "und zwar ab jetzt sozusagen die ganze Platte durch, 'Highway 61 Revisited'", gestikuliert Regener: "Und in Friedrichshagen läuft dann 'Desolation Row', und dann wissen wir, dass wir da sind". Hanekamp sagt: "Das ist die Platte, mit der ich den verstanden habe". Regener: "Das ist die Platte, mit der jeder den verstanden hat". Dann sitzen sie da im Auto, der Dicke und der Dünne, und nicken gemeinsam mit dem Kopf zu "Ballad Of A Thin Man".

Regener, räumt Hanekamp irgendwann ein, kann "schlecht gelaunt sein, also richtig, richtig richtig schlecht gelaunt", und dann kann man etwas über Metaphern lernen: Das 3Sat-Team begleitet Regener an den Müggelsee, weil der dort mit Leander Haußmann den Film "Hai-Alarm am Müggelsee" dreht.

Ob das Filmteam wie eine Familie sei, will Hanekamp wissen. Regener: "Das ist wie bei 'ner Band, weißte, 'ne Band ist 'ne Band. Wenn manche Bands sagen: Wir sind wie eine Familie, das ergibt keinen Sinn, weil: Es ist ja'ne Band. Hier ist niemand wie meine Mutter, also was soll der Quatsch?" Es sei die "Denkfaulheit", die dahinter stecke, die ihn "krank" macht. Hanekamp: "Wann hast du denn angefangen, dir richtig Gedanken zu machen über den ganzen Kram?" Regener: "Was soll der ganze Kram sein? Was ist das denn wieder für eine unpräzise Frage?"

So frotzelt der Held lässig vor sich hin, während Hanekamp zuhört und einsteckt. Einmal erklärt er aus dem Off, beim Mittagessen endlich "zur Attacke" auf Regeners Privatleben blasen zu wollen … zieht sich aber nach zwei kleinlauten Fragen, als Regener gerade etwas preisgeben möchte, schnell wieder zurück: "Mehr frag' ich da nicht …"

Mit seiner stoischen Duldsamkeit lockt Hanekamp diesen unwirschen Regener weiter aus der Deckung, als jeder zudringliche oder nachhakende Interviewer das könnte. Hanekamp möchte Regener nicht auf die Schliche kommen, er möchte gemocht werden. Das ist nicht sehr journalistisch, aber sehr menschlich. Und es funktioniert. Dann sagt Regener irgendwann wie von selbst Wesentliches: "Was die Leute von dir erwarten, das ist für'n Arsch. Ich muss nichts machen, was Leute interessiert. Ich muss nur machen, was ich für richtig halte. Und wenn man es nicht wenigstens bis zu diesem Punkt an Autonomie im Leben bringt, dann hat man echt verschissen".

Und das hat irgendwie auch, wer dieses bezaubernde Stückchen Fernsehen verpassen sollte.


"Weltbühne: Tino Hanekamp trifft Sven Regener ", Donnerstag, 14.03.13, 00:55 Uhr, 3sat

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Zum Glück ...
eichekontakt 13.03.2013
... mal ne Sendung, die nach Mitternacht läuft.
2. Was bitte...
artusdanielhoerfeld 13.03.2013
...ist eine "Popkultur-Größe"? Dieser Begriff ist der reine Schwachsinn!
3. Klarheit und Wahrheit
hammill18 13.03.2013
Regener ist klar im Kopf, so wie Karl Lagerfeld. Die sülzen eben nicht herum, nur um "gemocht zu werden". Kann ich von mir leider nicht sagen.
4. och regener....
mrdude 14.03.2013
schlurft durch die gegend und gibt sich als obercooler Neuberliner und faselt davon niemals einen "Berlin-Roman" schreiben zu können, da eine Stadt keine Persönlichkeit sei...toll, toll...was ist denn dann Herr Lehmann - nix anderes: nen Roman wie man Ende der Achtziger in Berlin von einer Kneipe zur andern kommt....
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