Whitney-Houston-Gedenken bei Grammys The show must go on

Wie feiert und trauert man zugleich? Einen Tag nach Whitney Houstons Tod stellte sich das Problem bei der Verleihung der Grammys in Los Angeles. Der Spagat zwischen Pietät und Pop misslang den meisten Stars - mit zwei fulminanten Ausnahmen.

Von , New York

REUTERS

Beinahe drei Stunden müssen die Zuschauer warten. Die zähe Show ist fast zu Ende, als die Lichter ausgehen und Jennifer Hudson in einem einsamen Spotlight auf der Bühne erscheint.

Die Grammy- und Oscar-Preisträgerin gilt seit langem als Erbin von Whitney Houston. Jetzt liegt es an ihr, diesen Anspruch erstmals zu rechtfertigen - unter schwersten Umständen.

Fotostrecke

9  Bilder
Grammy Awards 2012: Preise für Adele, Gedenken an Whitney Houston
Es ist ein makaberer Balanceakt. Tags zuvor ist die Pop-Ikone Houston tot in der Badewanne ihrer Hotelsuite aufgefunden worden, nur wenige Kilometer entfernt vom Staples Center in Downtown Los Angeles, wo Hudson nun steht, sichtlich nervös. A capella stimmt sie "I Will Always Love You" an, Houstons größten Hit. Ihre Stirn legt sich in angestrengte Falten.

Es ist der Moment, dessentwegen Abermillionen überhaupt vor dem Fernseher sitzen für diese sonst weitgehend spannungslose Show. Der Moment, der seit 24 Stunden dräut - seit der Todesnachricht. Dabei wollte sich die Musikbranche an diesem Wochenende selbst zelebrieren. Absagen ging nicht mehr.

Also feiern und trauern zugleich: Konnte den Grammy Awards dieser Spagat gelingen?

Houstons Tod offenbart die Schattenseite der Glitzerwelt

Von diesem Problem abgesehen ist die Verleihung des wichtigsten Musikpreises der Welt eingespielte Routine: Stars präsentieren sich mit schrillen Live-Gigs, die Werbeindustrie verdient prächtig, und zwischendurch werden ein paar Grammys verliehen. Doch diesmal hat Houstons Tod, über den selbst während der Show noch neue Details ans Licht kommen, das glatte Konzept vermasselt und die Schattenseite der Glitzerwelt offenbart. Denn Houston war deren Produkt - und Opfer.

Die Aufgabe, diesen krassen Konflikt vergessen zu machen, lastet in erster Linie auf der 30-jährigen Jennifer Hudson, die für ihren Auftritt fünf Minuten Zeit hat. Ihr Gedenken an Houston ist schnell noch ins Programm hineingeschrieben worden. Tatsächlich hat Hudson eine der seltenen R&B-Stimmen, die sich heutzutage noch an Whitney Houston messen lassen können.

Vor allem kann Hudson unter dem Druck der Tragik größte Leistungen vollbringen. Das zeigte sie fast auf den Tag genau vor drei Jahren, als sie an selber Stelle stand und die Durchhalte-Ballade "You Pulled Me Through" sang - kurz nachdem ihre Mutter, ihr Bruder und ihr siebenjähriger Neffe von Kriminellen erschossen worden waren.

Jetzt hat das Schicksal eine andere Familie getroffen. Hudson hat trotzdem feuchte Augen. 36 Kilogramm hat sie abgenommen seit ihrem Oscar als stimmgewaltiges Pummelchen in "Dreamgirls". Das schwarze Kleid betont ihre neuen Kurven, als Trauerflor und Product Placement zugleich: Hudson hat nämlich einen tollen Werbevertrag mit dem Diätkonzern Weight Watchers.

Doch in diesen Minuten wirbt sie für ihre eigene Branche und deren Gabe, Horror und Hoffnung musikalisch zu verbrämen. Dafür passt "I Will Always Love You" bestens, jene Schnulze von Trennung und ewiger Liebe, die 1992 in fast jedem Land der Welt auf Platz 1 landete.

"Whitney, we love you"

Houstons Version war unverkennbar. Doch Hudson macht sich den Song couragiert zu eigen - und verwandelt ihn zur Ode an die Tote, die von den Ihren zuletzt ziemlich im Stich gelassen worden war. "Whitney", wispert sie zum Schluss ins Mikrofon, "we love you."

Es ist ein Schwur, der oft zu hören ist im Staples Center, wo im Juli 2009 fast die identische Belegschaft versammelt war, um von Michael Jackson Abschied zu nehmen. Leider misslingt der Spagat zwischen Pietät und Pop, den Hudson so beherrscht, den meisten anderen.

Die Unbehaglichkeit der Gäste offenbart sich schon draußen, auf dem roten Teppich. Da wirbt Paris Hilton für ihr neues "Album" ("Das ist so toll!") - und nennt Houstons Tod im gleichen Atemzug "herzzerreißend und schrecklich". Worauf ihr Giuliana Rancic, die tiefgebräunte Moderatorin des Entertainment-Senders E!, zuruft: "Viel Spaß drinnen!"

Dort drinnen fehlen wahre Gefühle ebenfalls völlig. Moderator und Rapper LL Cool J, im schwarzen Smoking, beginnt mit einem platten Gebet für Houston, das er unbeholfen vom Zettel liest: "Oh Vater im Himmel, wir danken dir, dass du unsere Schwester Whitney mit uns geteilt hast." Irgendwo ruft eine Frau: "Amen!"

"Und damit", fährt LL Cool J fort und strahlt nun in die Kamera, "willkommen bei den 54. Grammy Awards! Dies ist die größte Nacht, in der die Musikszene feiert und gedenkt!" Ein Videoclip von Houstons Grammy-Auftritt 1992 rundet die befremdliche Gedenkminute ab, und dann geht's fröhlich los: The show must go on.

"Im Musikgeschäft", twittert der Medienkritiker Jeff Jarvis, "dauert Trauer sechs Sekunden."

Beklagenswerter Zustand der heutigen Szene

Was folgt, ist der übliche Mix aus Altstars und Newcomern, Country und HipHop. Alicia Keys singt mit Bonnie Raitt, Rihanna singt mit Coldplay, Paul McCartney singt alleine, die greisen Beach Boys trällern, R&B-Prügelknabe Chris Brown darf nach drei Jahren Verbannung wieder herumspringen und Adele, genesen vom Stimmbandleiden, wird mit sechs Grammys zur neuen Pop-Königin gekrönt, völlig erwartungsgemäß.

Trotzdem ist alles viel saftloser als im vorigen Jahr, als Lady Gaga hier über die Bühne wetzte. Die ist zwar da, in Fischnetzmaske, bleibt aber steif in der ersten Reihe sitzen, geht leer aus und überlässt die Rolle des Enfants Terrible der neuen Provokantin Nicki Minaj, die ganz am Ende mit der lauten Exorzisten-Nummer "Roman Holiday" bemüht auf Skandal macht.

Können und Kunst bleiben rar - als zeige Houstons Abwesenheit den beklagenswerten Zustand der heutigen Szene erst recht. Selbst Pop-Göre Katy Perry, sonst wenigstens energetisch, verpufft. Anfangs gibt es noch einzelne "Shout-outs" an die tote Diva, etwa von Bruno Mars ("Heute feiern wir Miss Whitney Houston!") oder Stevie Wonder ("Ich will Whitney oben im Himmel nur sagen: Wir alle lieben dich!"). Doch die verstummen spätestens nach einer Stunde.

Zeitgleich jagt der Tabloid-Dienst TMZ die neuesten Meldungen zum Fall Houston durchs Internet. Sie sei in der Badewanne ertrunken. Ihre Tochter Bobbi Kristina sei wegen Selbstmordgefahr ins Krankenhaus eingeliefert worden. Houstons Obduktion sei abgeschlossen, Details würden aber bis zum Ergebnis der toxikologischen Untersuchung geheim gehalten.

Die Zuschauer im Saal lassen sich immer wieder von den Kameras erwischen, wie sie die Show ignorieren und mit ihren Blackberrys und iPhones spielen. Lesen sie TMZ? Nur zweimal sind alle im Bann des Bühnengeschehens: bei Adeles sensationellem "Rolling in the Deep", ihrer Top-Ballade für alle Verlassenen und Betrogenen - und bei Hudsons Houston-Gedenken.

Nur diese beiden Ladys erweisen sich hier als würdige Nachfolger Whitney Houstons. Es ist bezeichnend: Tragik schreibt die besten Songs.

Grammy Awards 2012 - ausgewählte Gewinner

Kategorie Sieger Künstler
Album of the Year 21 Adele
Record of the Year Rolling in the Deep Adele
Song of the Year Rolling in the Deep Adele
Pop Solo Performance Someone Like You Adele
Pop Vocal Album 21 Adele
Best Short Form Music Video Rolling in the Deep Adele
Pop Performance by a Duo or Group Body and Soul Tony Bennett & Amy Winehouse
Alternative Album Bon Iver Bon Iver
Rock Song Walk Foo Fighters
Rock Album Wasting Light Foo Fighters
Rock Performance Walk Foo Fighters
Hard Rock/Metal Performance White Limo Foo Fighters
R&B Album F.A.M.E. Chris Brown
R&B Song Fool For You Cee Lo Green, Melanie Hallim & Jack Splash
R&B Performance Is This Love Corrine Bailey Rae
Traditional R&B Vocal Performance Fool For You Cee Lo Green & Melanie Fiona
Rap Album My Beautiful Dark Twisted Fantasy Kanye West
Rap Performance Otis Jay-Z & Kanye West
Rap Song All of the Lights Jeff Bhasker, Stacy Ferguson, Malik Jones, Warren Trotter & Kanye West



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jeze 13.02.2012
1. Heuchelei
Zitat von sysopREUTERSWie feiert und trauert man zugleich? Einen Tag nach Whitney Houstons Tod stellte sich das Problem bei der Verleihung der Grammys in Los Angeles. Der Spagat zwischen Pietät und Pop misslang den meisten Stars - mit zwei fulminanten Ausnahmen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,814865,00.html
Warum macht man nicht einfach weiter wie zuvor, da hat man W. Houston auch nicht mehr beachtet, bzw. sie höchstens mit Hohn und Spott bedacht? Richtig, weil das ganze Gejammere überhaupt nichts mit der Verstorbenen zu tun hat, sondern weil es selbst hier ausschließlich um uns geht. Warum hat denn vor zwei Wochen niemand an das Lebenswerk der Frau Houston gedacht? Warum hat da niemand ihre Platten gekauft? Ist es nicht eine kranke Welt, in der die sicherste Methode Platten zu verkaufen der eigene Tod ist? Hier eine der Schlagzeilen des SPON der letzten Jahre: Whitney Houston: "And I will always … krächz" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,697910,00.html)
sokrates1950 13.02.2012
2. Twitter ist wie...
Zitat von sysopREUTERSWie feiert und trauert man zugleich? Einen Tag nach Whitney Houstons Tod stellte sich das Problem bei der Verleihung der Grammys in Los Angeles. Der Spagat zwischen Pietät und Pop misslang den meisten Stars - mit zwei fulminanten Ausnahmen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,814865,00.html
Twitter ist wie die Geschichte mit den Affen. Lasst hunderte Affen unendlich lange auf Schreibmaschinen tippen, und irgendwann kommt ein Werk von William Shakespeare heraus...
greeneye 13.02.2012
3. wie zu erwarten war
Man konnte auch kaum damit rechnen, daß die "Stars" sich ihre große Feier nehmen lassen. Wie könnte man auch über eine großartige Sängerin mehr Trauer zeigen als ein paar dumme Worte von sich zu geben. Denn dann würde man jemand anderen wichtiger nehmen als sich selbst. Das geht bei diesen Übermenschen ja gar nicht. Und das Volk steht draussen und jubelt ihnen auch noch zu. Nicht zu verstehen....
nic 13.02.2012
4.
ob Oscar, Grammy, Cesar oderwieauchimmer. Wenn Stars sich selbst feiern: -oh warst du toll in deiner letzten Rolle und ich danke meiner Mutter -Du warst auch toll in deiner letzten Rolle und ich danke auch meiner Mutter Schrecklich! Tote stehlen da nur die Zeit.
hapemetzold 13.02.2012
5. Video vom letzten Auftritt Houstons "Jesus loves me"
Zitat von sysopREUTERSWie feiert und trauert man zugleich? Einen Tag nach Whitney Houstons Tod stellte sich das Problem bei der Verleihung der Grammys in Los Angeles. Der Spagat zwischen Pietät und Pop misslang den meisten Stars - mit zwei fulminanten Ausnahmen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,814865,00.html
Wenn Whitney Houston bei ihrem letzten Auftritt Stunden vor ihrem Auftritt "Jesus loves me" singt, vielleicht wusste sie, dass es bald ums Ganze geht und sie Jesus braucht Bei Gott ist alles möglich!: LL Cool J Gebet für Whitney Houston & Whitney Houston Video kurz vor ihrem Tod (http://bei-gott-ist-alles-moeglich.blogspot.com/2012/02/ll-cool-j-gebet-fur-whitney-houston.html)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.