Zum Tode von William Röttger Die Triebkraft des Techno

Er liebte irre Künstler, weil er eigentlich selbst einer war: William Röttger entdeckte Westbam, prägte die Love Parade und die Techno-Ära. Jetzt ist der Gründer von Low Spirit und Mayday gestorben. Er wurde 66 Jahre alt.

I-Motion

Ein Nachruf von Rainer Schmidt


Für William Röttger gab es nichts Schlimmeres als die angeblich gute Musik oder Idee von gestern. Immer weiter, lautete seine Devise, nie anhalten, weiter suchen, offen sein, nur nicht bequem werden.

Das war der Geist, mit dem er bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch das beschauliche Münster wirbelte. Erst als auffälligster Hippie auf den höchsten Plateauschuhen, später mit dem avantgardistischsten Musikgeschmack. Er holte die Einstürzenden Neubauten zum ersten Gig außerhalb Berlins in die katholische Universitätsstadt, als Konzertveranstalter ließ er Killing Joke, Gang of Four, DAF und andere dort antreten.

In dem jungen Münsteraner Maximilian Lenz sah er bereits den Star, der er später als DJ Westbam tatsächlich werden würde. William Röttger war wohl der erste Mann Deutschlands, der für einen DJ-Auftritt seines Schützlings mehr als 100 Mark Gage verlangte - und bekam. Das schien unerhört, aber das war ihm egal.

Der DJ als eigenständiger Künstler und nicht mehr als dienstleistender Plattenaufleger, kaum jemand hat dieses Verständnis so eingefordert und gefördert wie er. Da lag für ihn das Neue, das Aufregende. "No more fucking Rock'n'Roll" hieß die unsentimentale Parole des früheren Hippies.

Der Sound noch fetter, die Lightshow noch irrer

Mit Maximilian Lenz und dessen Bruder Fabian gründete er 1987 die kleine Plattenfirma Low Spirit, die schnell zum erfolgreichsten Elektro-Label Deutschlands wurde und die mit ihren Künstlern die Neunzigerjahre prägte, nicht nur national.

Röttger war der Pionier mit der schier unerschöpflichen Energie, der Inspirator und Motivator, der einfach alle mitzog, weil seine Visionen so zwingend schienen. Er organisierte bereits Touren für seine DJs durch Osteuropa, als der Eiserne Vorhang noch schwer über allem hing, er besorgte Marusha nach dem Mauerfall eine Radiosendung bei DT64 und schuf damit die erste ostdeutsche Techno-Sendung.

William Röttger war einer der Gründungsväter der Mayday, der alljährlichen Techno-Leistungsschau in Dortmund, auf der die Weltelite der Plattenaufleger Schlange stand. Nichts konnte ihm dort wahnsinnig genug sein, immer ging der Sound noch fetter, die Lightshow noch irrer - war ihm doch egal, wenn das praktisch allen Gewinn auffressen sollte.

Fröhlich sah man ihn durch die Dortmunder Westfalenhalle auf seinen Inlineskates rasen, alles für die Kunst. Wenn die Hymnen der Members of Mayday erklangen, ein Höhepunkt des Events, sprang er oft als erster und am wildesten auf der Bühne herum, inmitten der glücklichen Massen, das war auch sein Glück.

Alle Raver hoch auf die Sonnenpyramide!

Als Gesellschafter der Berliner Loveparade prägte er den "Friede, Freude, Eierkuchen"-Umzug bis zum Verkauf. Für viele in der zersplitterten Szene war die Techno-Losung "We are one Family" bloß ein Spruch - nicht für Röttger. Der stellte schon mal Leute ein, einfach weil die so nett waren und vielleicht Geld brauchten. Die Geschichten über seine Hilfsbereitschaft sind Legion.

Legendär auch sein Kunstinteresse, dem niemand entkam. Als die Loveparade einmal in Mexiko-Stadt abgehalten wurde, durfte nicht nur gefeiert werden, er jagte die ganze Berliner Ravertruppe einmal die Sonnenpyramide der Ruinenstadt Teotihuacán hoch, auch den Autor dieser Zeilen.

Der Kunst blieb er treu. Nach dem Ende seiner Musikaktivitäten eröffnete er in Charlottenburg eine eigene Galerie, die Eclectic Window Gallery. Denn es musste ja immer weiter gehen, nach vorne, irgendwie. Und zwar beeindruckend unsentimental.

In seiner jetzt erscheinenden Autobiografie "Die Macht der Nacht" beschreibt sein Ziehsohn Westbam, wie Low Spirit kurz vor dem 20-jährigen Firmenjubiläum noch einmal Sondierungsgespräche mit einem Manager der Plattenfirma BMG hat. Die Lage ist schwierig, die Stimmung gedämpft, es geht um alles.

William Röttger, der Miteigentümer, kommt in die Küche, wo die Verhandlungen stattfinden, um den Müll zu holen. Er stutzt kurz. "Musikgeschäft? Das sei doch wirklich was von vorgestern, das ist doch nur noch was für Penner, sagte er und ging den Müll runtertragen." Das Motto der Mayday von 1992 hieß "Forward ever, backward never". Es war die Devise seines Lebens.

William Röttger starb im Alter von 66 Jahren in der Nacht zu Sonntag nach längerer schwerer Krankheit in seiner alten Heimat Münster im Kreise der Familie.


Rainer Schmidt ist Journalist und Schriftsteller und hat über seine Raver-Zeit den Roman "Liebestänze" geschrieben. Er kannte William Röttger seit den Neunzigern. Sie waren zuletzt in Berlin Nachbarn.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
spassmagnet 02.03.2015
1.
eigentlich immer recht witzig, wenn sich Autoren dieser Art über mangelnde Intelligenz von Mitmenschen erregen & dabei wohl mehr über sich selbst aussagen als über die kritisierten Mitmenschen.
gurkenhändler 02.03.2015
2.
Das kann auch nur einer schreiben der sich nur sehr einseitig mit populärer Musik beschäftigt. Schlafen Sie ruhig weiter.
fahrzumstrand 02.03.2015
3.
Von noch viel weniger Intelligenz zeugt es allerdings, solche Kommentare zu posten. Anstatt die kulturellen Leistungen dieses Mannes, die vielen tausenden Menschen Freude bereitet haben, zu würdigen, wird besserwisserisch rumgemeckert. Wenn ihnen keine guten seiten einfallen, sollten sie vielleicht einfach mal etwas nachdenken, bevor Sie die netzwelt mit ihrer uninteressanten Troll-meinung nerven. Bewegung, wie z.b. Tanzen, soll die Durchblutung fördern und Ihnen evtl. dabei helfen.
Uzala 02.03.2015
4.
Wenn es nach Leuten wie Ihnen geht, ist Techno schon seit den 90ern tot. Zum Glück schert sich Techno genausowenig um ihre Ansichten wie Sie es um Techno tun. Wie Sie vom Musikgeschmack eines Menschen auf seine Intelligenz schließen wollen, bleibt wohl auch Ihr Geheimnis. Um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen, verbleibe ich in stiller Trauer ob dieses Verlustes.
Hubatz 02.03.2015
5. Rest in Peace
Danke für die unvergesslichen Nächte in Dortmund - eine Kur für die Seele, fernab des pikierten Mainstreams voller hässlicher Gedanken wie die des ersten Beitrags. Danke!
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