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Ian Bostridge und Thomas Adès: Das große Schubert-Erlebnis

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Corbis

Tenor Ian Bostride: Bewegte "Winterreise"

Franz Schuberts Zyklus "Winterreise" kann wehtun und rührt an Grenzen. Diese lotete der britische Tenor Ian Bostridge mit allen Mitteln aus. Mit ihm wurde der Liederabend zu einer Performance, die vermutlich sogar den Komponisten verstört hätte.

Dieser "Lindenbaum" steht nicht festverwurzelt "am Brunnen vor dem Tore"! Zumindest an diesem Abend nicht, denn im Kammermusiksaal der Hamburger Laeiszhalle betritt mit Ian Bostridge ein Extrem-Interpret die Bühne. Und er will alles, nur nicht eine übliche, technisch perfekte, dezent intellektuelle Darbietung von Franz Schuberts "Winterreise" abliefern. Bostridge streichelt kurz den Flügel, nickt seinem Begleiter Thomas Adès kurz zu, stürzt sich dann beim Opener "Gute Nacht" fast Richtung Bühnenrand und ins Publikum, packt es mit fester Hand - und lässt es 80 Minuten lang nicht mehr los. Eine "Winterreise", die eisige Kälte und heiße Wut, tiefe Depression und Todessehnsucht immer wieder mit aufblitzendem Wahn und schreckensbleicher Paranoia verknüpft. Kein leichter Spaß, dieser Trip - aber ein verwirrendes Erlebnis.

Extrem und körperlich

Dass er die traurigen, wütenden, todessehnsüchtigen Texte vom durchaus gesellschaftskritischen Biedermeier-Poeten Wilhelm Müller in genauer Artikulation samt der Musik von Schubert draufhat, bewies Bostridge (1964 in London geboren) schon in Studio-Aufnahmen mit Leif Ove Andsnes und Julius Drake. Im Konzert ist das eine ganz andere Sache, denn die teils extrem gestische, exaltiert körperliche, dann wieder hauchzart differenzierende Darstellung der "Winterreise" fordert vom Publikum hohe Aufmerksamkeit und Zuwendung. Keine Frage, dieser Schubert wirkt extrem, ist gewöhnungsbedürftig. Aber nach einer Viertelstunde, bei der wohlbekannten, kaum verhüllten Suizid-Fantasie vom "Lindenbaum", hat Ian Bostridge das Auditorium gefangen. Alle folgen ihm wie hypnotisiert, immer tiefer in das zerrissene Bewusstsein des Winterwanderers.

Einen wichtigen Anteil an dieser Inszenierung hat natürlich der Mann am Klavier, Thomas Adès. Der ist zwar ausgebildeter und stets aktiver Konzertpianist, zuallererst jedoch ein ebenso fleißiger wie erfolgreicher Avantgarde-Komponist. Er schreibt neben Großwerken wie der opulenten Shakespeare-Oper "The Tempest" auch höchst attraktive Konzertstücke ("These Premises Are Alarmed", "Asyla"), dazu viel Kammermusik. Darüber hinaus dirigiert er auch Top-Orchester in London, Amsterdam und Los Angeles: ein Allroundmusiker, der nicht nur das britische Publikum mit seinen raffinierten und vielgestaltigen Werken begeistert.

Psychokampf mit harten Ausbrüchen

Wohltuend wenig Pedal, viel non legato hingetupfte, harte Noten, explosive Ausbrüche, die manchmal den Sänger bedrängen: Thomas Adès und sein mitunter sprödes Klavier spielen eine wichtige Rolle in diesem Psychokampf namens "Winterreise", den er und Bostridge mal miteinander, mal gegeneinander ausfechten. Die Befürchtung "Bin ich zu laut?", die der große Fischer-Dieskau-Begleiter Gerald Moore im Titel seiner Autobiografie äußerte, tut der Schärfe und Akzentfreude in Adès' Spiel zu keiner Sekunde Abbruch - er explodiert, wenn er es ernst meint, und Bostridge muss dagegenhalten.

Dieser Austausch jedoch ist kalkuliert, er treibt Ian Bostridge zu Höchstleistungen an. Als Tenor ist er in diesem eigentlich für Baritonstimme geschriebenen Zyklus ohnehin besonders gefordert, doch die Extreme ("Die Krähe", "Im Dorfe") nimmt er mit perfekter Atemtechnik, Wagemut und Drahtseilmentalität. "Do or die!" - mach es oder stirb - zu welcher Musik würde dieses Motto besser passen! Dabei quetscht Bostridge förmlich die Blue Notes, unerhörte heimliche Zwischentöne, aus Schuberts Partitur und schleudert heftig laute Eruptionen ebenso wie Adès ins Auditorium.

Auf der Suche nach Schuberts Blue Notes

Hat man sich einmal an diese Wechselbäder und das ständige Herumwandern des Solisten auf der Bühne gewöhnt, gerät diese im Wortsinne bewegte "Winterreise" aus den zwei letzten Lebensjahren Schuberts zu einem epischen Erlebnis. Vom unendlich vielfältigen und filigranen "Frühlingstraum" über die Friedhofsstarre vom "Wirtshaus" zur finalen Todesbotschaft des "Leiermanns" fächert er alle Tiefen und Untiefen des Werkes aus - und findet locker ein paar neue. Das Publikum jedenfalls folgte dem Reiseführer Bostridge an diesem Abend rückhaltlos und entließ ihn und seinen kongenialen Partner mit tosendem Beifall.

Wer Bostridge und Adès noch einmal gemeinsam erleben will, muss ins europäische Ausland reisen: am 5. Januar 2015 nach Mailand oder am 12. Januar nach London. Ansonsten ist Ian Bostridge mit anderen Programmen am 8. Januar in Hannover und am 9. Januar in Wilhelmshaven zu Gast.

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