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Wir sind Helden: Der Soundtrack zur Bewegung

Von Thomas Winkler

Wie klingt das linksalternative Milieu? Im besten Fall wie Wir sind Helden. Mit ihrer neuen Platte "Soundso" bewähren sich Judith Holofernes und ihre Band erneut als Sprachrohr der hippen kritischen Intelligenz.

Bringen wir es also hinter uns: Ja, Judith Holofernes ist Mutter. Ja, der Vater nennt sich Pola Roy und ist der charmant schielende, überaus bärtige Trommler ihrer Band Wir sind Helden. Ja, der Kleine ist immer dabei und wird während des Interviews vom Papa durch die Flure der Plattenfirma getragen. Nein, denn das wollte bisher noch jeder von ihr wissen, Judith Holofernes wird kein bisschen nervös, wenn es draußen zu krähen beginnt.

Popband Wir sind Helden: "Soundtrack zu Bewegungen"

Popband Wir sind Helden: "Soundtrack zu Bewegungen"

Schön, dass wir das geklärt haben. Kommen wir nun zum interessanteren Teil: Wir sind Helden haben es tatsächlich geschafft – Schwangerschaft und Erwartungshaltungen zum Trotz - ihr bislang bestes Album aufzunehmen.

Denn musikalisch ist "Soundso" tatsächlich ein großer Schritt nach vorn. Die dem Berlin-Hamburger Quartett immer noch gern unterstellten Anleihen bei der Neuen deutschen Welle sind aufs Minimale zurück gefahren, das Quäkende und Eckige, das zu ihrem Markenzeichen geriet, fügt sich in den Gesamteindruck von einer Band, die sich weiter entwickeln will.

Auffälligste Neuerung auf diesem dritten Werk nach "Die Reklamation" und "Von hier an blind": Holofernes hat ihr "Herz für alte Northern-Soul-Sachen" wiederentdeckt. Die Folge sind Bläser, die zwar aus dem Sample-Computer stammen, aber trotzdem gut der Hälfte der zwölf Stücke einen ungewohnten Vorwärtsdrang verschaffen.

Spiel (fast) ohne Grenzen

"Wir hatten Lust, uns weniger an Genre-Grenzen zu halten", erzählt Gitarrist Jean-Michel Tourette, "ohne den Wir-sind-Helden-Kosmos zu verlassen." Entstanden sind auf diese Weise Hochgeschwindigkeits-Pop, ansatzweise verkitschte Balladen oder einfach nur zurückgelehnter Mainstream-Rock.

"Diesmal sind wir vor nichts mehr zurückgeschreckt", ergänzt Holofernes. Auch ihr Gesang ist lange nicht mehr so überschnappend wie gewohnt, die von Schlagzeuger Pola Roy und Bassist Mark Tavassol gelegten Rhythmen rollen entschieden runder.

Vor allem aber ist ein Großteil der Billig-Synthies verschwunden, die früher den Sound dominierten, und mit ihnen auch weitgehend die manchmal zur Hysterie neigende Zappeligkeit.

So ist "Soundso" eine schöne, runde Popplatte geworden. Das Erfolgsgeheimnis von Wir sind Helden allerdings liegt vor allem begründet in der Fähigkeit von Judith Holofernes, ihre Fans, und das sind einige, intellektuell nicht zu überfordern. "Labyrinth" ist ein hübsch getextetes Liebeslied, "Der Krieg kommt schneller zurück als Du denkst" ist – Überraschung – ein Lied gegen den Krieg, "Kaputt" kostenlose drei Minuten bei der Kummerkastentante.

Intelligente Sorgentante

So ist sie, die Holofernes: Man möchte ihr gern die Sorgen anvertrauen, bei ihr wären sie gut aufgehoben. Im schlimmsten Fall macht sie ein Lied draus, aber garantiert ein nettes. Zugegeben, mancher Text entwickelt auch einmal eine Meta-Ebene, mitunter wird auch mal angedeutet, kryptisch geblieben, eine Zeile zur Interpretation frei gegeben. Aber meist – sonst wären die Helden ja auch nicht mehr die Helden – ist das Verhältnis, das Holofernes zu ihren Hörern aufbaut, ein überaus direktes. Abgründe, seelische oder moralische, sind nicht das Geschäft dieser Frau.

Dafür aber gelingt ihr wieder mal ein überzeugender Agitprop-Song. Was vor viereinhalb Jahren der erste große Hit "Guten Tag" war, das ist heute "Die Konkurrenz". Damals war Konsumkritik der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich ihr Millionenpublikum einigen konnte, dieses Mal könnte es die Kritik an der Ellenbogengesellschaft werden. Vor allem auch, weil nicht nur die Thematik, sondern auch das unglaublich zackige Bläser-Riff an einen Billy Bragg in Höchstform erinnert.

Tatsächlich sind Wir sind Helden mit "Soundso" zurückgekehrt zur leicht verdaulichen Gesellschaftskritik ihres Debütalbums, zu dem auch Holofernes "wieder eine stärkere innere Verwandtschaft" fühlt. Das zweite Album wirkte noch streckenweise wie der verzweifelte, mit möglichst vielen kryptischen Reimen betriebene Versuch der Band, der ihr vom Feuilleton zugewiesenen Rolle als "Stimme einer neuen Generation" ("taz") zu entkommen.

Gipfel-Stürmer des Pop

Nun ist eine neue Lockerheit im Umgang mit dieser Verantwortung eingetreten, die sogar einen aktuellen Song wie "(Ode) An die Arbeit" möglich macht, in dem Holofernes, wie sie selbst sagt, "auf eine leicht bescheuerte, hörspielhafte Weise" einen Beitrag zur Diskussion ums Grundeinkommen leistet.

Natürlich scheut die Band immer noch die Kategorisierung als Polit-Band, aber immerhin gibt Holofernes zu, dass ihre Texte wieder "eindeutiger" geworden sind: "Nebenwirkung ist dann, dass es politischer wird". Und Gitarrist Tourette glaubt, "dass Musik immer Soundtrack war zu Bewegungen, immer die Funktion hatte, Menschen Kraft zu geben für politisches Engagement." Welchen Bewegungen sie Kraft geben wollen, das ist ja eh klar: Natürlich spielen sie bei den Gegenveranstaltungen zum G-8-Gipfel. Es ist ihnen "eine Herzensangelegenheit", sagt die 30-jährige Sängerin.

Der Unterschied zu ihrem Publikum liegt nicht in diesen Haltungen, sondern in der Fähigkeit, diese noch zu vertreten anstatt in Sarkasmus zu versinken. "Wir geben uns Mühe, keinen Scheiß zu erzählen", sagt die in alternativen Kinderläden erzogene Holofernes; auf dem neuen Album singt sie voller Überzeugung und mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Naivität Zeilen wie "Was ist so lustig an Liebe und Frieden?".

Wir sind Helden, das ist immer noch das vertonte gute Gewissen des linksalternativen Mainstreams. Und der ist bekanntlich gerade ja auch dabei, die Geburtsstatistiken dieses Landes aufzupolieren.


Das neue Album "Soundso" erscheint am 25. Mai bei Labels

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