WM-Songs Mit der Verhymnungsbrechstange

Kleine Pathosglitscher, handfeste Grobmomente: Die diesjährigen WM-Songs bieten die schönste Wirr-Parade seit dem ESC. Und das liegt nicht nur an Jérôme Boateng.

Jack Whitehall/ YouTube

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Fanta 4 mit Clueso: Zusammen

"Wir sind zusammen groß/Wir sind zusammen eins", beginnt der offizielle ARD-WM-Song - rein zahlensymbolisch wäre es natürlich hübscher, wenn "wir" zusammen elf wären. Egal, erfreulich ist bei diesem Titel jedenfalls, dass jegliche kraftmeierische Wir-sind-die-besten-wir-werden-siegen-Brüllochsigkeit fehlt, die Fußballhymnen oft so unangenehm macht - was freilich vor allem daran liegt, dass das Lied gar nicht als Fußballhymne gedacht war. Wie das aber leider so ist bei nachträglich für Eventzwecke shanghaiten Titeln: Oft sind sie assoziationstechnisch schon anderweitig besetzt. Wer das lustige Video zum Lied (mit seinen Rampenwauzi-Rangeleien zwischen Michi Beck und Clueso) kennt, wird sich schwer tun, das Lied tatsächlich als echte Hymne auf herzige Eintracht zu sehen.

Sir Rosevelt: The Bravest

Bon Jovi hat angerufen und möchte seine Schmalzvokabeln zurück: Time is short, we only got one shot, gotta give all, mountains I keep climbin', you can be a champion - dieser liedgewordene Kuss auf den eigenen Bizeps kann, wenn er als offizielles ZDF-Turnierliedchen ausgedient hat, problemlos beim Zirkeltraining oder zur Aufpeitschung vor eher aussichtslosen Ehescheidungsverhandlungen verwendet werden. Extradröge: die generischen Oh-oh-oh-Chöre, die Verhymnungsbrechstange kleiner Textergeister.

Nicky Jam, Era Istrefi und Will Smith: Live it up

Der Deibel Globalisierung in seiner fieströtigsten Manifestation: Die WM findet in Russland statt? Uns doch wurscht! Der Bostoner Reggaeton-Sängers Nicky Jam, die kosovarische Popsängerin Era Istrefi und der Gelegenheitsrapper Will Smith haben im offiziellen Auftrag der FIFA zusammen mit Diplo einen ausgesprochen nervtötenden Dancehall-Plärrer geschaffen. Der Refrain bietet extradeepe Carpe-Diem-Lyrics: "One life, live it up, cause we got one life. One life, live it up, cause you don't get it twice" - das K.O.-System, aber als Lied. Das wird uns allen noch so dermaßen auf die Nerven gehen, dass wir zur Linderung stundenlang den Check24-Werbespot anhören werden. Everybody dance now!

Jason Derulo: Colors

Im Dienste der Sponsorenbrause stellt R&B-Bursche Derulo dem dialektikschwachen Fußballfan im Coca-Cola-WM-Beitrag eine echte Zwickmühlen-Kniffelaufgabe: Er soll seine Fahne schwenken, seine Farben tragen - aber bitteschön gleichzeitig bedenken, dass wir alle Menschen sind, alle gleich geschaffen, allesamt gleich gut. Ein schönes Konzept, dass sich spätestens beim Elfmeterschießen nicht aufrecht halten lassen wird.

Jack Whitehall und Jérôme Boateng: Mannschaft

Nach all den Fahnen und heroischen Siegeraspirationen brauchen wir dringend ein kleines bisschen Schmuddel. Der britische Komiker Jack Whitehall liebt Die Mannschaft - nämlich vor allem, weil "manshaft" natürlich auch ein lustiger Penisname ist. Stellenweise ist sein Text etwas rumpelhumorig, doch das machen die köstlichen Rapeinlagen von Jérôme Boateng alias The Notorious JB wieder wett. Amüsant ist das Making-of des dazugehörigen Videos, das Whitehall in seiner Fußballer-Besuchsserie Training Days präsentiert. Das Video selbst gewinnt neben Boatengs tiefenlässigem Auftritt auch durch einen deutschen Schäferhundwelpen und eine Kraftwerk-Anspielung. Und den Verdacht, dass Whitehalls Worldcup-Kostüm in Wahrheit eine notdürftig umgeschneiderte Penisverkleidung ist.

Adel Tawil: Flutlicht

Momenterle, werden die Spiele in Russland jetzt etwa nachts, im finsteren, unter Flutlichtspots also, ausgetragen? Dann müsste man schnell nochmal umdisponieren, was die spielbegleitenden Grillierereien angeht. Notfalls gibt es halt Chips mit schön schlickiger Cheddarsoße, käsig genug ist diese WM-Komposition allemal. Die Fahnen wehen schon wieder, die Fußballhelden schweben auf den flammendherzigen Ritualgesängen ihrer Fans ins Stadion, singt Tawil und knüllt sich dazu im Video ergriffen ein Deutschlandtrikot als Herz, als wäre es das Grabtuch des Herrn Jesus. "Wir spürn das Feuer, das uns mit euch verbindet", "wir werden zu Helden, sind stark in Einigkeit", im Begleitfilmchen tollen die armen Kinder in Afrika mit einem Ball herum, als Ergriffenheitsmaximierer. Und plötzlich erscheint einem "An Tagen wie diesem" wie eine behördlich abgefasste Sachzustandsbeschreibung.

Benjamin Scholz feat. Die WMannschaft: Wir werden wieder Meister

Wer denkt, dass die Schaurigkeiten mit den offiziellen und semi-offiziellen-Liedern nur absehbaren Schaden anrichtet, ist ein glücklicher Mensch, der sich nie auf der Suche nach einem simplen Schrundensalbentutorial auf YouTube verlor. Hier versammelt sich die musikalische Amateurliga zu kernigem Aufpeitschgesang, in jedem zweiten Song geiert ein tendenziell kehlig röhrender Sänger dem fünften Stern hinterher, als sei er Matthias Mangiapane bei der Dschungelprüfung.

Eine Ausnahme bietet das vergleichsweise hübsche "Wir werden wieder Meister", das zur Melodie von Billy Joels "We didn't start the fire" Spielernamen in Reihe reimt und kleine Pathosglitscher mit handfesten Grobmomenten abfängt: "Geile Stimmung, Fan-Gesang, Schminke im Gesicht entlang/Jubelsturm, Bier im Bild, Jogi, der am Sack rumspielt." Wer das vulgär findet, kann sich gerne stattdessen den diesjährigen Beitrag von Micaela Schäfer ansehen - mit der herrlich unbestimmt-dümmlichen Zeile: "Es ist Russlands große Seele, die uns irgendwie bewegt."

In einer früheren Version hatten wir geschrieben, der Text des Fanta-4-Songs "Zusammen" laute: "Wir sind zusammen groß/Wir sind zusammen alt". Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 15 Beiträge
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dasfred 31.05.2018
1. Tolles Frühstücks-Rützel
Besser kann man den Tag nicht beginnen. Außer vielleicht, the manshaft huldigen und Jogis Hobby übernehmen. Wenn Deutschland mindestens halb so gut mit dem Ball spielt, wie Frau Rützel mit Worten, können die Fussball Fans die beschriebene akustische Folter leicht ertragen.
Jor_El 31.05.2018
2. Ich habe jetzt schon Angst...
Vor dem nächsten Deutschpopterror, der einem mindestens gefühlte 30 Wochen täglich 30 mal als „Hymne“um die Ohren gehauen wird. Das wird bitter.
.patou 31.05.2018
3.
Meine douze points gehen eindeutig an Jack Whitehall. :-) Außerdem fehlt mir die Phantasie zu glauben, dass Fanta 4 ihren Song geschrieben haben, ohne an eine potentielle WM-Verwertung zu denken. Der Rest kommt akustischer Folter in der Tat sehr nahe. Die offizielle FIFA-Hymne ist in etwa so grauenhaft wie der Muse-Song zu den olympischen Sommerspielen von London. Und bei dem klebrigen Stück von Adel Tawil windet man sich einfach nur.
tomkey 31.05.2018
4. ManShaft
Warte auf TV-Kommentare der Moderatoren wie " .. nicht hängen lassen ... rutscht einer durch .. Foul im Strafraum ... ". Der Artikel ist genial, die Musik grottenschlecht. Fußball ist für mich Punkrock \m/
christian simons 31.05.2018
5.
Zitat von Jor_ElVor dem nächsten Deutschpopterror, der einem mindestens gefühlte 30 Wochen täglich 30 mal als „Hymne“um die Ohren gehauen wird. Das wird bitter.
Ich habe hauptsächlich Angst vor diesen öligen Moritaten, die wie eine Motivationssuada von Detlef D. Soost klingen. Naidoo hat da seinerzeit mit seinem "steinig, schweren Weg" die Büchse der Pandora geöffnet.
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