Songtitel-Analyse "Fuck" klingt gut

"We" kommt so häufig vor wie "Fuck": Der Datenanalytiker David Taylor hat die Häufigkeit einzelner Wörter in Songtiteln seit 1890 ausgewertet - und die typischen Begriffe jedes Jahrzehnts ausgemacht.

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Zur Person
  • David Taylor
    David Taylor, 44, arbeitet als wissenschaftlicher Datenanalytiker in Montreal. In seiner Freizeit wertete er unter anderem schon aus, wie häufig Eddie Murphy in seinem Stand-Up-Programm "Delirious" das Wort "Fuck" sagte (teilweise über sechzigmal pro Minute) und beschäftigte sich mit der Beliebtheit des Vornamens Britney in den USA (verläuft in etwa parallel zu Britney Spears' Karriere).
SPIEGEL ONLINE: Herr Taylor, Sie haben untersucht, welche Wörter in Popsongs besonders häufig auftauchen. Warum?

Taylor: Mir fiel beim Musikhören im Auto auf, dass besonders viele Lieder aus den Vierzigerjahren auf meinem MP3-Player mit "In" anfangen. Das ist per se nicht spannend. Aber danach wollte ich mehr wissen. Und ich bin ein bisschen nerdig. Mir macht es Spaß, große Datenmengen auszuwerten. Die Ergebnisse liefern häufig einen Aha-Moment.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Datenquelle stützen Sie Ihre Analyse?

Taylor: Vom Billboard Magazine, das die offiziellen US-Charts erhebt, habe ich keine Informationen gefunden. Deshalb nutze ich Bullfrogs Pond, ein Archiv, das in den Neunzigerjahren durch Crowdsourcing entstanden ist und die Billboard-Charts auswertet. Man findet weit mehr Informationen, als einen einzelnen Menschen interessieren würden. Das ist ein Zeichen dafür, dass es vollständig und vertrauenswürdig ist.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am meisten überrascht?

Taylor: Ich war ziemlich baff, dass die Aufzeichnungen über populäre Musik bis ins 19. Jahrhundert reichen. Das waren natürlich viel weniger Titel pro Jahrzehnt als später, damals wurde Musik ja noch auf Wachswalzen abgespielt. Nur wenige Künstler hatten die Möglichkeit, überhaupt etwas aufzunehmen. Um die Jahrhundertwende taucht das Wort "Uncle" häufig auf, das lag daran, dass ein einzelner Künstler eine Reihe von Liederzählungen herausgebraucht hatte, in denen es immer darum ging, dass ein Onkel namens Josh irgendetwas tut.

SPIEGEL ONLINE: Heute geht es weniger darum, Familienmitglieder zu besingen. "Die" und "Hell" gehören derzeit zu den häufigsten Wörtern. Haben wir Grund zur Beunruhigung?

Taylor: Mit dem Schluss auf ein gesellschaftliches Klima muss man vorsichtig sein, eine Kausalität habe ich ja nicht untersucht. Dass die Wörter eine bestimme Stimmung reflektieren, würde ich aber schon sagen. Ich habe mich zum Beispiel sofort gefragt, ob es etwas mit dem 11. September zu tun hat, dass das Wort "Love" heute nicht mehr vorkommt. Oder, warum "Woman" plötzlich in den Siebzigern auftaucht. Ist das ein Zeichen dafür, dass Frauen nach der Emanzipation in den Sechzigern mehr anerkannt wurden? Oder ist das Besingen ein Beleg dafür, dass sie als Objekte betrachtet wurden?

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Auswertung kommt das Wort Disco in den Siebzigern häufiger vor - Disco gewinnt gegen Rock!

Taylor: Disco hat Rock aber nicht verdrängt. Es hatte sogar weniger Ausdauer: In den Achtzigern ist Rock noch unter den häufigsten Wörtern, Disco ist verschwunden. An diese Beobachtung schließt sich ein anderer Trend an: Die Künstler haben immer mehr aufgehört, ihr Genre zu benennen. Früher wollte man scheinbar im Songtitel sagen: "Das ist übrigens Disco, falls du es nicht gecheckt hast." Gleiches gilt etwa für Blues in den Zwanzigern, Boogie in den Vierzigern und Mambo in den Fünfzigern.

Die häufigsten Wörter in Popsongs

1960er 1970er 1980er 1990er 2000er 2010er
Baby Woman Love U U We
Twist Disco Fire You Like Yeah
Little Rock Don't Up Breathe Hell
Twistin' Music Rock Get It F**k
Lonely Dancing' On Ya Die
SPIEGEL ONLINE: In den Fünfzigerjahren klingeln die Titel weihnachtlich, "red-nosed" und "Christmas" sind unter den häufigsten Wörtern.

Taylor: Es gibt ja die Theorie, dass die Menschen der Babyboomer-Generation der Fünfzigerjahre bis heute die Weihnachtsmusik dominieren, weil sie in Radio- und Fernsehunternehmen in den wichtigen Positionen sitzen. Wobei das ja nicht erklärt, warum Weihnachten in den Songs der Fünfziger so populär ist.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht war nach dem Horror des Zweiten Weltkriegs das Bedürfnis nach Festtagsharmonie besonders groß. In Deutschland gab es zu der Zeit etwa einen Heimatfilm-Boom, um das Trauma im eigenen Land unter viel Kitsch zu begraben.

Taylor: Klingt plausibel. Vielleicht waren die Weihnachtssongs aus den Fünfzigern aber auch einfach nur extrem gut.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus den aktuellen Songtiteln mit?

Taylor: Ich fand interessant, dass neben "Hell" und "Fuck" heute auch "We" zu den häufigsten Worten gehört. In den Neunzigern und Nullerjahren war das Personalpronomen "You" und die Abkürzung "U" noch sehr beliebt. Vielleicht bedeutet der Aufstieg des "We", dass wir andere heute mehr einbeziehen als früher. Wir schimpfen vielleicht mehr. Aber wir tun es nicht allein.

Das Interview führte Eva Thöne

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insgesamt 4 Beiträge
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JaIchBinEs 19.12.2014
1. Worte und Gefühle
Mit Worten - insbesondere in Liedern - drückt der Mensch unabhängig vom Thema seine Gefühle aus, die positiv oder negativ sein können, Bewunderung und Freude aber auch Verachtung, Ärger und Angst signalisieren können. Diese halte ich für wichtiger in der Stimmungslage eines Jahrzehnts, als die bloße Bedeutung des einzelnen Begriffs. Mit „we“, auf deutsch „wir“ kann man beliebig viele nichtssagende Sätze anfangen, und „Fuck“ hat mehrere Bedeutungen für unterschiedliche Sprachstile bzw. Situationen, die zuweilen beim non native english speaker Missverständnisse verursachen kann. „Who the fuck is Alice“ klingt auf deutsch (“Wo zum Teufel ist Alice”) z.B. nicht vulgär.
zapp-zarapp 19.12.2014
2.
... müsste demnach momentan ein echter Bestseller-Songtitel sein. Er will, darf diese Idee gerne künstlerisch aufgreifen, Lyrics posten und 5% der Gewinne an mich abführen.
zapp-zarapp 19.12.2014
3. Überschrift wurde gelöscht
Da mein Beitrag gerade eben (aus mir nicht bekannten Gründen) ohne Überschrift veröffentlicht wurde (und so gekürzt keinerlei Sinn macht) reiche ich sie hiermit nach: Als potentieller Megaseller-Songtitel der 2010er Jahre empfehle ich: "We f**k like hell till we die, yeah!"
cadaquesien 20.12.2014
4. Wenn Herr Taylor
sich einmal das kölsche Liedgut vornehmen würde, käme er zu ungleich erstaunlicheren Ergebnissen: Denn hier schafft es eine ganze Musikszene, bestehend aus Bläck Fööss, Höhnern etc., aus den immer gleichen 20 Wörtern ständig neue Songs zu kreieren, sehr gern übrigens mit Melodien irischer Volkslieder. Und das seit 40 Jahren! Immer dasselbe, und viele Menschen finden das toll. Herr Taylor wäre beeindruckt.
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