Wu-Tang Clan Wenn der Rap-Klinsmann ruft

Mit rumpelnden Beats und ruppigen Reimen revolutionierte der Wu-Tang Clan in den neunziger Jahren das HipHop-Genre. Jetzt hat Gruppen-Chef RZA die Meute aus Rappern wieder zusammengetrommelt - für ein furioses Comeback.

Von Uh-Young Kim


Zunächst sah es nicht gerade nach einer gelungenen Familienzusammenführung aus. Mit einer Tour im Sommer kündigte der Wu-Tang Clan nach sechs Jahren sein Comeback an. Doch die acht Rapper aus New York lümmelten auf der Bühne herum und spielten nur die alten Hits. Das mag für Sting und andere Rockdinosaurier gut funktionieren. Aber in einer hart umkämpften und vom Reiz des Neuen besessenen Jugendkultur steht man allein mit seinen Klassikern schnell auf dem Abstellgleis. Zwar erschütterte ihr rohes und düsteres Debüt von 1993 den damals frisch im Mainstream eingetroffenen HipHop nachhaltig. Doch seit den Nullerjahren hat das Kollektiv dem lukrativen R&B und Gangsta Rap wenig entgegenzusetzen.



Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert der 37-jährige Robert Diggs, der als RZA den Clan gründete und anführt, die mangelnde Wertschätzung seitens der jüngeren Generation: "Im Gegensatz zu Rock 'n' Roll, Jazz oder Blues ist HipHop die einzige Musik, in der das Alter gegen dich spricht. Der Grund, warum ein Paul McCartney noch heute Stadien füllt, ist, dass er das lebende Beispiel seiner Kultur ist. Die Kids von heute haben HipHop im Fernsehen oder auf CD kennengelernt. Wir aber verkörpern seine Ursprünge in den Straßen von New York."

Dabei stand der Wu-Tang Clan mit am Anfang der Verwandlung der Straßenkultur in eine gigantische Unterhaltungsindustrie. So stammt die im Rap weit verbreitete Idee der Familie als Geschäftsmodell aus Staten Island. Die dort ansässige Gruppe organisierte sich nach Mafiavorbild als erweiterte Gang um Ehre und Loyalität. Geschäftlich expandierte sie als Dachorganisation in alle großen Plattenfirmen und darüber hinaus.


"Wir kommen aus großen Familien und armen Verhältnissen. Da lernst du schnell zusammenzuarbeiten", erinnert sich RZA an die Anfänge. Mit seinem Cousin Gary Grice alias GZA trimmte er das Rapsyndikat zur globalen Marke mit angeschlossenen Solokarrieren, einem Modelabel, Comics, Videospielen und weiteren Devotionalien, wie sie mittlerweile zur Altersabsicherung eines jeden HipHop-Stars gehören.

Genialer Mythen-Mischmasch

Seine kulturelle Anziehungskraft bezog der Clan aus einer urbanen Mythologie aus Ghettofabeln, Superheldentum, Shaolin-Mystik und Schachstrategien. Zwischen Fantasie und Realität dramatisierten die Rapper die afroamerikanischen Verhältnisse nach der Reagan-Ära und der Crack-Epidemie. Dem Klima aus Verfall, Paranoia und Kriegstreiben stellte RZA ein dichtes Paralleluniversum aus Popkulturzitaten, Straßenweisheiten und unbesiegbaren Figuren mit Namen wie Masta Killa oder Method Man gegenüber.

Im Zuge ihrer Popularisierung hob Raekwon zwar die heute dominante Spielart Cocaine Rap aus der Taufe. RZA trieb an der Seite des kongenialen Quentin Tarantino die Liaison von Hollywood und HipHop voran, die dieses Jahr mit dem Blockbuster "American Gangster" und ihm in einer Nebenrolle in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist. Und von ihren melodramatischen Soul-Samples wurde nicht nur Rap-Superstar Kanye West inspiriert. Doch mit wuchernden Nebenprojekten und halbgaren Veröffentlichungen ging die Kompromisslosigkeit und der Zusammenhalt verloren, für die die grimmige Meute einst gefürchtet war.

Zum Album von 2001 kamen die Mitglieder nicht einmal mehr im Studio zusammen. Einzig der glänzende Geschichtenerzähler Ghostface Killah konnte sich seither solo etablieren. 2004 verstarb auch noch Russell Jones, der als Ol’ Dirty Bastard und enfant terrible unerlässlich für die Gruppenchemie war, an einer Überdosis. Und wie egomanisch Rapper sein können, zeigten zuletzt Raekwon und Ghostface Killah, als sie ihrem Unmut über den Sound und Veröffentlichungstermin des neuen Clan-Albums öffentlich Luft machten.

Filmreife Arrangements

Unter diesen Umständen ist es umso überraschender, dass "8 Diagrams" nun doch der große Wurf geworden ist, den sich Fans erhofft haben. Gleich einem Jürgen Klinsmann des Straßenrap ist es RZA gelungen, den in alle Winde verstreuten Haufen als Team aufzustellen und im Wettstreit der MCs Höchstleistungen aus ihnen herauszukitzeln. Bereits im Eingangstück "Campfire" kommt man in den Genuss von Raekwons unterschwellig bedrohlichem Biss, dem samtenen Flow des rundum erneuerten Method Man, GZAs cleveren Wortspielen und dem Ghetto-Expressionismus von Ghostface Killah.

Sie alle finden in RZAs Klanglandschaften den idealen Nährboden für ihre Rapkunst. Früher erschloss der Produzent erstmals Soulballaden aus den frühen siebziger Jahren als Samplequellen des HipHop. Die bittersüßen Gesangsfragmente und üppigen Streicherpassagen ergänzten die aggressiven Raps. Dabei bildeten sie grobkörnige Spuren in eine Ära, als die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung noch Anlass zur Hoffnung auf Gleichstellung gaben und das Blaxploitationkino mit Hong-Kong-Filmen minoritäre Helden sichtbar machten.

Nach seinen Lehrjahren in Hollywood hat RZA auf "8 Diagrams" die summenden Basslinien, Orchesterspuren und gespenstischen Chöre größtenteils selbst produziert. Dabei sind seine Breitwandarrangements und raffinierten Klangmanipulationen stets durch scharf geschnittene Breakbeats geerdet. Es steht dem Clan gut, dass er diesmal auf Radiohits verzichtet, wie sie seinen Niedergang einläuteten.

Doch ganz nonchalant schreiben sie sich auch mit dem Beatles-Remake "The Heart Gently Weeps" an der Seite von George Harrisons Sohn Dhani und Soulsängerin Erykah Badu in die Ruhmeshalle des großen Pop ein - der heute eben HipHop heißt. Ansonsten gibt sich der Männerverein betont wortgewandt und hartgesotten, als ob er nie die Gosse verlassen hätte.

Sound zum kapitalistischen Drama

Die musikalische Zeitreise führt dabei nicht mehr in die vergangene Soul-Epoche. Vielmehr bildet die eigene Gründungszeit den Bezugsrahmen, gegenüber dem die aktuellen Verhältnisse abgeglichen werden. In den frühen neunziger Jahren klang HipHop mit dem Wu-Tang Clan noch außerirdisch fremd. Mythologisch aufgeladen tat sich zwischen rumpelnden Beats und ruppigen Reimen die Möglichkeit einer anderen, verborgenen Welt auf. Heute sind HipHops materialistische Allmachtsphantasien zum allgemeinen Soundtrack des Ellbogendramas im Spätkapitalismus geworden.

Den grellen Luftblasen von und für Minderjährige setzen RZA und seine Gefährten schwermütige, psychedelische und mitunter bizarre Brocken lyrischer Reflexionen entgegen, die das Kollektiv wieder über den Einzelnen, die Kunstform über Marktzwänge stellt: "Nichts gegen Party, aber ich kann mir doch nicht andauernd reinziehen, wie geil es im Club ist und wie heiß ein Rapper sich findet" erklärt RZA. "Wenn ich im Auto sitze, über das Leben nachdenke oder mit meiner Familie zusammen bin, möchte ich etwas hören, das mich inspiriert. Dafür ist der Wu-Tang Clan zurückgekommen."


Wu-Tang Clan: "8 Diagrams" erscheint am 7. Dezember bei Bodogmusic/edel



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