X-Ray-Spex-Sängerin Punk-Ikone Poly Styrene ist tot

Ihre Band X-Ray Spex veröffentlichte nur ein einziges Album, aber dank des Schlachtrufs "Oh Bondage, Up Yours!" wurde sie zur feministischen  Ikone der Punk-Revolte. Erst vor wenigen Tagen erschien ihr letztes Soloalbum. Nun ist die Britin gestorben, sie wurde 53 Jahre alt.

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Mit ein paar gesprochenen Worten hat Poly Styrene Musikgeschichte gemacht. Es war 1977, es war das Intro der ersten Single ihrer Band X-Ray Spex. "Some people think that little girls should be seen and not heard", sagte die Sängerin im Kleinmädchentonfall - und schrie hinterher: "Oh bondage, up yours!" Nur gesehen und nicht gehört zu werden, einer solchen Beschränkung rief sie ein "Ihr könnt mich mal!" entgegen.

Nur ein Album veröffentlichten X-Ray Spex, "Germ Free Adolescents" erschien 1978 und wurde ein Punk-Klassiker mit Statements wie "I'm a cliché" oder "I'm a poseur and I don't care" nahm Poly Styrene die herkömmlichen Rollenmodelle des Rock aufs Korn. Sie trat bei "Top Of The Pops" mit riesigen Zahnspangen auf und sagte dem Musikmagazin "NME": "Ich bin kein Sexsymbol, und wenn irgendwer versuchen sollte, mich zu einem zu machen, rasiere ich mir am nächsten Tag die Haare ab."

Poly Styrene wurde 1957 als Marianne Joan Elliott-Said in Bromley (Grafschaft Kent) geboren. Dem "Guardian" erzählte sie, sie habe schon als Fünfjährige Protestsongs geschrieben, wenn sie Fleisch zu Essen bekommen sollte. Die Inspiration, tatsächlich Sängerin zu werden, gab ihr allerdings ein schlecht besuchtes Konzert der Sex Pistols im englischen Seebad Hastings. Nach einer Reggae-Solosingle gründete sie X-Ray Spex (etwa: "Röntgen-Brille") und ging in der Londoner Punkszene auf, aus der sie als Frau und mit dunkler Hautfarbe allerdings deutlich herausstach.

"Punk bedeutete mir nichts, aber X-Ray Spex und Poly Styrene gaben mir das Selbstvertrauen, ich selbst zu sein", sagte kürzlich Beth Ditto von der Band The Gossip; auch Musikerinnen wie Kathleen Hanna von Le Tigre oder Karen O von den Yeah Yeah Yeahs benannten Poly Styrene in jüngerer Zeit als Vorbild.

Nach einem Soloalbum ("Transluscence", 1980) ging sie für fünf Jahre mit ihrer Tochter Celeste in einen Krischna-Tempel, den sie aber verließ, als sie verheiratet werden sollte.

Mehrmals gab es seit den Neunzigern kurzfristige Wiedervereinigungen von X-Ray Spex, doch zuletzt veröffentlichte Poly Styrene ein optimistisches und kämpferisches Soloalbum namens "Generation Indigo", produziert von dem Killing-Joke-Musiker und Star-Produzenten Youth, das sehr gute Kritiken bekam. Kurz nach Beendigung der Aufnahmen Ende 2010 wurde bei Poly Styrene eine Brustkrebs-Erkrankung festgestellt, die bereits auf andere Organe übergegriffen hatte.

Trotzdem gab sie vom Krankenbett aus Interviews zur Werbung für ihr Album. Darin hatte sie nichts von ihrer Wut auf die sexualisierte Darstellung von Frauen in der Gesellschaft verloren: "Ich habe eine Fernsehsendung gesehen, in der eine Klassiksängerin ihr Album vorstellte. Es ging die ganze Zeit nur um ihr Aussehen. Als sei es die Aufgabe männlicher Musiker, uns mit ihrer Musik zu erfreuen, und die von Frauen, mit ihrer Schönheit zu beglücken."

Am Montagabend starb Poly Styrene mit 53 Jahren, wie auf ihrer offiziellen Website bestätigt wurde.

Mit Material von AP



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Seite 1
dirk.1966 26.04.2011
1. Rest in Peace, Poly.
Als kleine Ergänzung zum Beitrag nur noch, dass der Titel "Oh Bondage Up Yours" nicht auf dem genannten einzigen Album enthalten war. Wolfgang Büld hat eine frühe, authentische Proberaumversion davon gedreht, die ich mir als Erinnerung hier einzustellen erlaube: http://www.youtube.com/watch?v=ogypBUCb7DA
christian.darc 26.04.2011
2. R.I.P. Poly
vergessen wir nicht "identity", auch ein wichtiger song. x-ray spex hatten damals einen ungewöhnlichen sound, eine ungewöhnliche sängerin. 53 ist einfach zu früh....
angela_merkel 26.04.2011
3. nie gehört von der Gruppe ...
.. und der hier erwähnten Dame.
katzikatzikatzikatzi, 26.04.2011
4. Sehr hübsch
Zitat von angela_merkel.. und der hier erwähnten Dame.
Immer wieder ist hier im Forum zu lesen, dass jemand offen dazu steht, eine Person, über die ein Artikel verfasst wurde, nicht zu kennen. Die einzige Frage, die sich hier zwangsläufig stellt, ist: was will uns der Dichter damit sagen? Dass er (bzw. sie, "angela_merkel") bestimmte kulturelle Strömungen nicht kennt? Oder gar, dass er/sie diese ihm/ihr unbekannten kulturellen Strömungen oder Personen als zu unbedeutend erachtet, dass man sich überhaupt darum kümmern sollte? Oder ist es doch nur Koketterie mit dem Unwissen? Oder ist es ganz einfach nur der Drang, laut loszutröten, auch wenn man keinen Text hat? Ich weiß es nicht, fürchte auch, dass ich auf diese Frage keine Antwort bekomme. Und freue mich schon auf den nächsten Kommentar in einem der vielen Forenbeiträge zu einem der vielen anderen Artikel, wenn es wieder heisst: "… nie gehört von der/dem."
steuerzahler24 26.04.2011
5. subjektive Geschichte
Als Jahrgang 62 und Dank BBC zeitgenössischer Punk Rock Fan teile ich ausnahmsweise die Meinung von Angela_Merkel: Nie gehört davon und was soll das? Da war jemand mit Pickeln auf seinem ersten Live Konzert das deswegen 30 Jahre später zum kulturhistorischen Höhepunkt Deutschlands wurde??? Die Artikel dieser Rubrik sind tlw. so peinlich wie die Ariel Werbung mit Clementine!
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