Xavier Naidoo beim ESC Dieser Weg wird kein leichter sein

Der NDR hat Xavier Naidoo zum deutschen Vertreter beim Eurovision Song Contest 2016 bestimmt. Das ist keine gute Idee - nicht nur, weil Naidoo politisch Fragwürdiges geäußert hat.

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Schon vor bald 15 Jahren hat Xavier Naidoo dem "Mannheimer Morgen" gesagt, er "hätte schon Bock", mal für Deutschland beim Eurovision Song Contest anzutreten. Seitdem hat es immer wieder Stimmen gegeben, die das auch für eine gute Idee hielten, von Udo Jürgens (schon 2001) bis zum ESC-Kommentator Peter Urban.

Am 14. Mai 2016 soll es tatsächlich so kommen, der NDR hat angekündigt, Xavier Naidoo für Deutschland antreten zu lassen - einen Vorentscheid soll es nur über den besten Song und die beste Bühneninszenierung geben. Naidoo selbst äußert sich fast wie damals - nur eben in etwas gereifter Wortwahl: "Ich hab richtig Lust auf den ESC!" Der NDR hat also einen Überzeugungstäter gefunden.

Doch seine politischen Überzeugungen (hier pointiert zusammengefasst von SPIEGEL-Autor Georg Diez) sind es, die dafür sorgen, dass die Entscheidung in den sozialen Medien mit Staunen, Spott und Protest kommentiert wird. Xavier Naidoo hat in Songtexten Zeilen gesungen, die als antisemitisch und als homophob zu verstehen waren. Er hat sich in Interviews zu den Thesen von Verschwörungstheoretikern zum 11. September 2001 bekannt und ist bei einer Veranstaltung der rechtspopulistischen Reichsbürger aufgetreten. Im Oktober dieses Jahres wurde ihm (in Abwesenheit) der "Goldene Aluhut" verliehen.

Wegen solcher Positionen distanzierte sich der Mannheimer Bürgermeister von Naidoo, der doch die Quadratestadt einst als "neues Jerusalem" bezeichnet hatte. Und nun soll er bei so einer Veranstaltung für Deutschland antreten, die zwar eine Unterhaltungsshow ist, bei der aber immer so ein repräsentatives, fast staatstragendes Element mitschwingt?

Neuerfindung im Namen von "Frieden, Toleranz, Liebe"

Der NDR ist sich der Problematik natürlich bewusst. Nicht umsonst zitiert der Sender einen halben Absatz lang all das segensreiche gesellschaftliche Engagement, dem sich Naidoo widme - für benachteiligte Kinder und für Flüchtlinge, gegen Diskriminierung und Fremdenhass. Auch für die deutsch-israelische Freundschaft setze sich Xavier Naidoo ein, sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der Sänger stehe "für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe".

Das alles klingt nach der im Pop so beliebten Strategie des Remodeling: In das Messianische, in die christlichen Botschaften, die der Popstar Naidoo lange vor sich hertrug, hatten sich zu viele Misstöne gemischt. Nun betont Xavier Naidoo selbst in einem NDR-Interview: "Dass die Deutschen einen dunkelhäutigen Deutschen schicken" zeige die Weltoffenheit des Landes und sei "ein schönes Signal". "Diese bunte Republik" empfinde er als sein Zuhause.

Wahr ist jedenfalls, dass seine fragwürdigen Thesen zwar sicher in der internationalen ESC-Szene zu Diskussionen führen werden, insbesondere zum Thema Homophobie. Doch ob die breite Fernsehöffentlichkeit davon etwas mitbekommen wird, hängt daran, ob die jeweiligen nationalen Kommentatoren etwas dazu sagen werden oder nicht. Dass Naidoo dunkelhäutig ist, ist hingegen evident - aber wirklich schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Man denke zum Beispiel an Dave Benton, den estnischen Gewinner von 2001.

Ums Auffallen wird es aber gehen müssen beim Eurovisions-Wettbewerb in Stockholm. "Ich trete an, um das Ding nach Hause zu holen", sagt Xavier Naidoo. Und das wird schwierig genug werden.

Ein Castingshow-Juror gegen die Castingshow-Sieger

Nachdem es die Newcomer aus den sogenannten Klubkonzerten, mit denen Deutschland in den vergangenen beiden Jahren angetreten war, auf hinteren Plätzen gelandet waren, tat der NDR, was er schon vor Lena getan hatte: Er schaute sich um, was bei den Privaten mit Musik im Fernsehen gerade funktioniert - damals fand man Stefan Raabs Talentsuche, nun das Lagerfeuersingen "Sing meinen Song" mit Gastgeber Naidoo.

Doch ein freundlicher, gefühliger, aufs Authentische achtender Umgang mit anderen Musikern, wie er dort gepflegt wird, macht vielleicht Hoffnung darauf, dass die Songauswahlshow am 18. Februar 2016 recht unterhaltsames Fernsehen werden könnte - anders als 2011, als in einem zähen Prozess das Titelverteidigungslied für Lena Meyer-Landrut gesucht wurde.

Für den großen Auftritt in Stockholm nützen diese kommunikativen Fähigkeiten allerdings gar nichts. Da muss man darauf setzen, dass Xavier Naidoo unumstritten eine eindrucksvolle Soulstimme und eine starke Bühnenpräsenz hat.

Allerdings wird er dort auch ganz schön alt aussehen. Während andere Länder häufig Sieger der lokalen Ausgaben von "The Voice" schicken, tritt Deutschland mit einem ehemaligen "The Voice of Germany"-Juror an. Der Trainer kickt noch mal mit, sozusagen.

Xavier Naidoo, Jahrgang 1971, wird nicht so dynamisch über die Bühne flitzen wie der Vorjahressieger Måns Zelmerlöw. Männer über 40 siegten zuletzt 2000 mit den dänischen Olsen Brüdern, für einen männlichen Solisten mittleren Alters muss man zurückgehen zu Toto Cutugno - das war 1990.



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insgesamt 218 Beiträge
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Seite 1
aschu0959 19.11.2015
1. Nun ja.....
Nicht das mich jucken würde wer da rumträllert - aber besser als irgendeine Minderheitenfigur wie den o. die "Wurst" ist er wohl allemal.
noodles64 19.11.2015
2. tja
Das gibt es dann wohl wieder 0 Punkte für Deutschland. Schade um die verschwendeten Gebühren
Olaf 19.11.2015
3.
Die Kulturpolizei braucht wohl ein neues Feindbild, nachdem ihnen Heino irgendwie abhanden gekommen ist.
peter0pf9 19.11.2015
4. Kluger Schachzug
So laufen wir jedenfalls nicht Gefahr den Wettbewerb in 2017 austragen zu müssen.
pb-sonntag 19.11.2015
5. Peinlich
Ach, da zerreißen sich die Empörten das Maul und kamen in der Mottenkiste. Da werden sogar Textzeilen aus dem Kontext gerissen. Es ist beschämend. Vielleicht hat die Republik doch nur einen Raab oder Horn verdient.
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