Kultur

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Xavier Naidoo und Antisemitismus

Man muss das Gift benennen

Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl einige seiner Liedtexte antisemitische Klischees bedienen. Das lässt viel Spielraum für alle, die mit Hass und Ressentiments zündeln wollen.

Ein Kommentar von

DPA

Pop-Sänger Naidoo

Dienstag, 17.07.2018   21:25 Uhr

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Xavier Naidoo ist kein Antisemit. Zumindest kann es ihm nicht nachgewiesen werden. Das Landgericht Regensburg gab am Dienstag der Klage des Mannheimer Popsängers gegen eine Referentin der Amadeu Antonio Stiftung statt, die im Sommer 2017 am Rande eines Vortrags gesagt hatte: "Er ist Antisemit (…...), das ist strukturell nachweisbar."

Ist es nicht, befand die zuständige Richterin und bewertete das Persönlichkeitsrecht Naidoos in diesem Fall höher als die Meinungsfreiheit. Denn allein die augenscheinliche Nähe zu den Verschwörungstheoretikern der Reichsbürger-Bewegung (von der sich Naidoo distanziert hat) sowie zwei Textpassagen aus den Liedern "Marionetten" (2017) und "Raus aus dem Reichstag" (2009) reichten nicht aus, um Naidoo persönlich eine antisemitische Haltung zu attestieren.

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Schon Ende Juni, in der Verhandlung des Falles, machte er geltend, dass sein Sohn schließlich einen hebräischen Namen trage und er sich seit Jahren gegen Rassismus engagiere. Auch sein Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der Naidoo im vergangenen Jahr gegen Anfeindungen in Schutz nahm, sei jüdischer Herkunft, so Naidoo.

Schwerwiegende Argumente sind das nicht, dennoch wäre es wohl tatsächlich schwierig, dem 46-Jährigen einen strukturellen Antisemitismus nachzuweisen. Als Feind der Juden hat sich Naidoo nie offen geäußert. Deshalb ist das Regensburger Urteil zunächst einmal richtig, der Zweifel schützt den Beschuldigten: Als Antisemit zu gelten, das ist vor allem in Deutschland vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen und des Holocaust, ein äußert schwerwiegendes Stigma, ein Karrierekiller.

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Das Problem dieses Urteils ist nicht, dass Naidoo sich juristisch vor Verunglimpfung schützen konnte. Das Problem ist die Grauzone, die das Urteil hinterlässt.

Denn wie soll man die Textzeilen beurteilen, die Naidoo geschrieben und gesungen hat? Von "Baron Totschild" ist da die Rede, eine Chiffre für die jüdische Bankerfamilie Rothschild, von einem "Schmock", der ein "Fuchs" ist. Mit "Marionetten" lieferte er eine Wutbürgerhymne gegen vermeintliche "Puppenspieler" verborgener Steuerungsmächte. Das sind lupenreine antisemitische Klischees und Codes. Die kenne er gar nicht - und deren Bedeutung sei ihm nicht bewusst gewesen, machte Naidoo vor Gericht geltend. Das wirkt unglaubwürdig. Naidoo ist kein naiver Pop-Traumtänzer, der sich in seinen Texten, in eine extremistische Rollenprosa hineinbegibt, die nur aufrütteln oder zur Diskussion anregen will, aber nichts mit seiner Person zu tun hat.

Es stimmt ja, dass er sich gegen Rassismus in der Gesellschaft engagiert; er selbst wurde wegen seiner Hautfarbe als Kind diskriminiert. In zahlreichen Interviews und Songtexten demonstriert er ein umfassendes Wissen über gesellschaftliche Prozesse und das politische Tagesgeschehen, gibt sich kritisch und widerständig, manchmal mit radikalen Ansichten. Als Person Naidoo wohlgemerkt, nicht als rhetorisch oder provokant agierende Kunstfigur auf der Bühne. Da ist es schwer zu glauben, dass ihm das Wissen und Gespür für antisemitische Codes fehlt. Wusste er wirklich nicht, was er tat?

Die Regensburger Richterin hat ihm geglaubt. Und ein schwer erträgliches Paradox erzeugt: Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, obwohl seine Texte antisemitische Klischees enthalten. Zu den Risiken und Nebenwirkungen muss man keinen Arzt oder Apotheker befragen, um zu ahnen, dass mit dieser juristischen Dialektik viel Spielraum für all jene entsteht, die in ihren Songtexten oder sonstigen Kunstwerken mit Ressentiments, kruden Theorien und Hass zündeln wollen.

Aber dieses Gift muss man auch in Zukunft ausfindig machen und als das bezeichnen, was es ist. So lange, bis sich keiner mehr dumm stellen kann.

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