Naidoo und Todenhöfer "Der neue Judenstern"

Jürgen Todenhöfer hat den neuen Anti-Kriegs-Song von Xavier Naidoo über seine Facebook-Seite herausgebracht. Da haben sich zwei gefunden! "Nie mehr Krieg" steht in der stolzen Protestsong-Tradition - macht ihr aber keine Ehre.

DPA

Eigentlich nichts Neues. Gerade wurde im Bundestag noch über den Einsatz der Bundeswehr im Meer und am Himmel über Syrien diskutiert. Jedenfalls tut die Lügenpresse alles dafür, diesen demokratischen Anschein zu wahren. Wer sich davon nicht blenden lässt, kennt längst die Wahrheit. Schaut, 's ist Krieg - und Xavier Naidoo begehrt, nicht schuld daran zu sein. Ja, dieser Naidoo.

Diesen frommen Wunsch hat der Reichsbürger-Gastredner in kuscheligen Soulpop verpackt - und wo veröffentlicht? Auf der Facebook-Seite von ausgerechnet Jürgen Todenhöfer. Der gilt als einziger Publizist mit den "Eiern in der Hose" (Til Schweiger) für eine Reise ins Kalifat. Und genug investigativem Charme. Hat er sich doch bei einer Vertrauten Baschar al-Assads eingeschleimt, um bei der "lieben Prinzessin des Nahen Ostens" einen Interviewwunsch mit dem Staatspräsidenten zu platzieren. Ja, dieser Todenhöfer.

Das hat die Deutschland AG nun davon. Erst lässt sie Xavier Naidoo nicht zum ESC, dann zieht sie in den Krieg. Logisch, dass Naidoo darauf mit einem Lied gegen den Krieg antwortet: "Nie wieder Krieg" verknüpft eine Ächtung des Kriegs mit einer klaren Handlungsanweisung: "Verhindere den Krieg, bevor er wirklich wahr ist!"

Heilige Allianz aus Aluminiumhut und Palästinensertuch

Vermutlich ärgert sich Ken Jebsen, dass nicht ihm dieser Seiteneinstieg ins Musikgeschäft gegönnt ist. Es passen aber auch Naidoo und Todenhöfer, derb gesprochen, wie Arsch auf Eimer. So fugenlos dicht, dass sich diese heilige Allianz aus Aluminiumhut und Palästinensertuch nicht einmal persiflieren lässt. Es sind schlechterdings keine anderen gesellschaftliche Gestalten von so scharfem Profil vorhanden, die auch nur annähernd so traulich Hand in Hand gehen könnten wie der Xavier und der Jürgen.

Seit gestern abend sind mehr als 90.000 Menschen der Aufforderung Jürgen Todenhöfers gefolgt und haben das Lied auf Facebook geteilt. Allein während dieser Text getippt wurde, sind 13.000 dazugekommen. Massenhaft teilen Menschen dabei weit mehr als nur die fromme Einsicht, es dürfe kein Krieg geführt werden. Was teilen sie noch?

Liebe Freunde, Xavier Naidoo hat mir gestern dieses ergreifende, noch unveröffentlichte Lied geschickt: 'NIE MEHR KRIEG!...

Posted by Jürgen Todenhöfer on Donnerstag, 3. Dezember 2015
Sie teilen das Bild eines Kindes mit offenen Brandwunden. Sie teilen ein persönliches Glaubensbekenntnis: "Ich hab' gelernt, ich soll für meine Überzeugungen/ Einsteh'n und meinen Glauben nie leugnen/ Warum soll ich jetzt nach so langer Zeit/ Davon Abstand nehmen? Dazu bin ich nicht bereit!"

Sie teilen die bizarre Ansicht, ein Genozid an der muslimischen Bevölkerung Europas stünde unmittelbar bevor, sie trügen "den neuen Judenstern" und "wir" hätten sie "nicht mehr gern". Sie wollen nach so langer Zeit nicht Abstand nehmen von ihrem diffusen Glauben, plutokratische Profiteure führten einen "Propagandakrieg". Sie teilen Gedanken so komplex, dass sie gebrummt eloquenter klängen als gesungen: "Es ist einfach nur traurig".

Gegen suggestive Vereinfachungen ist im Pop nichts einzuwenden, gegen das Sentiment der Auflehnung gegen eine tatsächlich fragwürdige politische Entscheidung auch nicht. Als Protestsong steht "Nie mehr Krieg" in einer stolzen Tradition - der er allerdings keine Ehre macht. In die Köpfe von Leuten kommt Naidoo über das Herz. Denn sein musikalisches Betroffenheitszäpfchen enthält das übliche Gift, an dem derzeit die Leute reihenweise irre werden. Nicht in homöopathischer Dosis, sondern geballt im Refrain.

"Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg", fordert Naidoo gratismutig, denn: "Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief". Schief und quer zu allen Fronten läuft lediglich die bewährte Behauptung, dass "wir" etwas "nicht sagen dürfen", und sei's der gemütlichste Gemeinplatz. Diese Behauptung wird geteilt. Einfach, weil die Leute auch wider besseres wissen "nicht bereit" sind, davon Abstand zu nehmen.

Eine satirische Zuspitzung von etwas so Stumpfem ist nicht möglich. Das ist die Neuigkeit, und sie ist beunruhigend.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
Biraso 04.12.2015
1. wie kann man nur als Journalist
Jemanden als Aluhutträger diffamieren? Das ist dlch verrückt was hier gemacht wird. dann noch nebenbei rumheulen, das Jürgen Todenhöfer mut und Journalistische meisterleistung hingelegt hat und deshalb als fantastischer Mensch von sehr vielen Menschen gefeiert wird. Also das hier ist echt schlimm, das Spiegel online nach den starken Umsatzeinstürzen so einen schman veröffentlichen 0o Dachte sie hätten was daraus gelernt....
sushiboi 04.12.2015
2. Polemischer
Mehr als Ken Jebsen scheint sich da der Spiegelautor getroffen zu fühlen. Mein herzliches Beileid.
spon-facebook-10000315790 04.12.2015
3. Take it easy
Was für eine Wut sich in den Medien offenbart. Wow. Und dies nur wegen einem Song.
Kezman9 04.12.2015
4.
"Sie teilen die bizarre Ansicht, ein Genozid an der muslimischen Bevölkerung Europas stünde unmittelbar bevor, sie trügen "den neuen Judenstern" und "wir" hätten sie "nicht mehr gern"." Na an dem ist was wahres dran, wenn ich lese was die Leute im Netz von sich geben, dann wird einem ganz anders, wenn mal in Deutschland ein schrecklicher Anschlag stattfindet. Viele Regierung in Osteuropa sind eh nach rechts gedriftet, in Frankreich wird die FN, ab 2017, auch ein Wörtchen mit zureden haben. In Deutschland klar, der politische Arm der Pegida Bewegung, die AfD. Es wird dann auch nicht mehr über den Islamismus geredet, dann geht es bald um die Haarfarbe Schwarz!
bono24 04.12.2015
5. Kein Krieg in Syrien
Erst wurde X.N wegen seinem Hang zum Rechtsextremismus und Antisemitismus kritisiert, dann von seiner Nominierung zum ESC entzogen, und gleich danach lässt er einen Liedtext mit dem Titel "Nie wieder Krieg" und irgendwas mit "Muslime und Judenstern" veröffentlichen. Das ist doch sehr ergreifend und glaubwürdig. Lassen wir doch die 50 Millionen Syrer und Iraker weiterhin von der IS und Assad abschlachten. Und die vielen Millionen Menschen, die gerade auf der Flucht sind? Sollen die doch zurückgehen, woher sie gekommen sind - ins Reich der Toten (welches erst durch den Westen entstanden ist).
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