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Der NDR und Xavier Naidoo: Dieser Holzweg

Ein Kommentar von

Xavier Naidoo nicht beim ESC: "Wucht der Reaktionen hat uns überrascht" Fotos
DPA

Der NDR wollte Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest schicken - und entschied sich nach massiver Kritik um. Das Hin und Her offenbart, wie ahnungslos die Verantwortlichen sind - und wie wenig Rückgrat sie haben.

Es war ein Kasperletheater in drei Akten. Erst erklärt der NDR, Naidoo werde "für Deutschland" beim ESC in Schweden antreten - und hält diesen Handstreich aus dem Hinterzimmer für eine vortreffliche Nachricht. In Feuilletons und sozialen Netzwerken wird gegen diese Entscheidung prompt ein gewisser Vorbehalt formuliert, der mit "ungläubigem Entsetzen" ganz gut umschrieben wäre. Kaum unter Druck, knickt der NDR ein und zieht die Nominierung zurück.

Seit einem Erweckungserlebnis 1992 praktiziert Xavier Naidoo ein synkretistisches Privatchristentum. Wohl fühlt er sich in Gesellschaft von Leuten, die so lange dünne Bretter bohren, bis sie in ihren eigenen Bohrlöchern endlich "sinnvolle" Muster erkennen.

Na und? Sein Metier ist die Unterhaltung. Der Mann ist Künstler. Als solcher ist es nicht unbedingt seine vornehmste Aufgabe, diese Welt zu einem weniger homophoben oder rassistischen Ort zu machen.

Es gibt Gründe, sich für seinen Gesang zu interessieren. Es gibt sicher keinen Grund, seinen auf ihre Weise ebenfalls unterhaltsamen Erörterungen staatsrechtlicher oder sicherheitspolitischer Fragen zu lauschen.

"Reichsbürger" bedürfen der Ermunterung durch Xavier Naidoo ebenso wenig wie "Gutbürger" der Ermunterung durch Konstantin Wecker. Womöglich sind die Wachen wach und die Doofen doof, aus freien Stücken, und brauchen dazu überhaupt keine Sänger?

Warum mit netzüblicher Schnappatmung homophobe Songzeilen Naidoos gegen sein Engagement mit den afrodeutschen Brothers Keepers aufrechnen? Warum seinen Auftritt vor irgendwelchen Knalltüten mit seinem Eintreten für die sogenannte "Homo-Ehe" abwägen? Geht's noch?

Es ist nicht ein rechtsextremer und schwulenfeindlicher Verschwörungstheoretiker von der Bundesregierung als deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen bestellt worden. Es ist ein passabler und erstaunlich erfolgreicher Soulmusiker vom NDR gebeten worden, bei einem paneuropäischen Hüpf- und Gesangswettbewerb aufzutreten. Auch wenn's schmerzt: Gar so wichtig, wie der ESC sich gibt, ist er vielleicht gar nicht.

Anderswo mag der ESC eine patriotische Angelegenheit sein, hierzulande ist er ein eher queeres Spektakel. Ein Zirkus ohne künstlerische Bedeutung, aber nicht ohne Zauber. Zuletzt verwandelte sich dort mit Conchita Wurst sogar die famose Kunstfigur eines Travestiekünstlers in einen echten Menschen, wurde ihr Sieg zu Recht als Triumph europäischer Toleranz empfunden.

Kann es sein, dass die Verantwortlichen beim NDR das nicht wissen? Ist es möglich, dass ausrechnet der zuständige Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nicht weiß, was der ESC eigentlich ist?

Tatsächlich wird sich Schreiber im Vorfeld eher für Zahlen interessiert haben. Vor allem nach der Pleite mit Andreas Kümmert, der im vergangenen Jahr den Vorentscheid gewonnen und dann gekniffen hatte - die Zweitplatzierte holte in Wien ganze O Punkte.

Dergleichen sollte nicht noch einmal passieren. Und auf dem Papier ist Xavier Naidoo nun einmal einer der erfolgreichsten deutschen Popstars, nicht wahr? Eine sichere Bank. Vielfach ausgezeichnet, allerorts hofiert, Gastgeber der erfolgreichen Vox-Sendung "Sing meinen Song". Ein Messias des Mainstream, der dessen bizarre Ansichten nicht teilen muss, um sich an seiner Stimme zu erfreuen.

Wer den ESC im Kern verkennt, ihn sportlich sieht und gewinnen will, doch, der könnte Xavier Naidoo für eine gute Idee halten.

Peinlich ist, dass sich der NDR so traumtänzerisch auf den Holzweg begeben hat. Peinlicher ist, wie schnell er sich von seinem Holzweg wieder hat verbellen lassen. Er bewältigt ein Desaster, indem er ein noch größeres Desaster anrichtet. Jetzt ist, zusätzlich zur Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen, auch ihre Rückgratlosigkeit publik. Und Xavier Nadioo wenn auch nicht vom Markt, sondern von der rechtschaffenen Meute erfolgreich auf eine Stufe mit Akif Pirinçci gestellt.

Gut, dass wir das geklärt hätten. Deutschland ist gerettet. Für Europa wäre es vielleicht auch mal ganz nett, nähme "Deutschland" eine ESC-Auszeit.

"Tagesschau" wie "Deutschlandfunk" brachten die Meldung vom Rückzug der ARD in den Hauptnachrichten, gleich nach dem CSU-Parteitag und anderen Katastrophen. Glücklich ein Land, das solche Staatsaffären hat.

Und Xavier Naidoo? Gibt sich gelassen, weist aber auf die Einseitigkeit der Vertragskündigung hin. Er wird grübeln, wem er diesen Dämpfer zu verdanken hat. Waren's die Schwulen? Die CIA? Die Lügenpresse? Chemtrails! Und ein wenig auch er selbst.

Zum Autor
  • Arno Frank, Jahrgang 1971, versteht Fernsehkritik als Feindbeobachtung. Als medialer Meldegänger versucht er überall dort zur Stelle zu sein, wo der Schwachsinn seine Kräfte bündelt - also auf breiter Front, vom billigen Zynismus für die Massen bis zur gepflegten Talkshow. Mag es auch hoffnungslos erscheinen. Wenn er sich wider Erwarten doch mal intelligent unterhalten fühlt, kommen ihm vor Glück die Tränen. Frank arbeitet als freier Autor zu Themen aus Medien, Kultur und Gesellschaft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Danke
Suppenelse 21.11.2015
Super Artikel, der mir aus der Seele spricht. Zunächst trifft die Kritik den "digitalen Mob", der hier wieder eine der berüchtigten wutschäumenden, dafür aber umso oberflächlicheren Internet-Empörungswellen geritten hat. Ein auf der NDR-Website zu findendes Interview mit Thomas Schreiber lässt darauf schließen, dass man das auf NDR-Seite genauso sieht: "Es hat eine Form der emotionalen Ablehnung gegeben, bei der es sehr schwierig war, Fakten zu kommunizieren. Aus meiner festen Überzeugung heraus - und ich habe mich mit diesen Themen lange vorher intensiv beschäftigt - ist Xavier Naidoo weder ein Rassist noch homophob beispielsweise. Und es gibt genügend Schwule, die das sagen. Aber Sie kommen mit dieser Nachricht nicht mehr durch. Die Nachricht, dass im Ausland darüber berichtet wird, dass ein Sänger für Deutschland antritt, der antisemitisch sei - auch wenn er es nicht ist - das können Sie nicht mehr umdrehen. Und das hätte bis zu Xaviers Auftritt in Stockholm die gesamte Berichterstattung überlagert." Super Artikel, der mir aus der Seele spricht. Gut auch, dass der "digitale Mob" hinreichend sein Fett wegkriegt. Ein auf der NDR-Website zu findendes Interview mit Thomas Schreiber vom NDR lässt tief blicken: "Es hat eine Form der emotionalen Ablehnung gegeben, bei der es sehr schwierig war, Fakten zu kommunizieren. Aus meiner festen Überzeugung heraus - und ich habe mich mit diesen Themen lange vorher intensiv beschäftigt - ist Xavier Naidoo weder ein Rassist noch homophob beispielsweise. Und es gibt genügend Schwule, die das sagen. Aber Sie kommen mit dieser Nachricht nicht mehr durch. Die Nachricht, dass im Ausland darüber berichtet wird, dass ein Sänger für Deutschland antritt, der antisemitisch sei - auch wenn er es nicht ist - das können Sie nicht mehr umdrehen. Und das hätte bis zu Xaviers Auftritt in Stockholm die gesamte Berichterstattung überlagert." Umso schlimmer allerdings, genau diesem Mob nachzugeben, anstatt dagegenzuhalten. Ich halte von Xavier Naidoos Musik wirklich null, aber wenn die Schreihälse siegen, fühlt sich das blöd an.
2. Sieg der Intoleranten
fredadrett 21.11.2015
Da regen sich ein paar Kasper auf und schon wird eine getroffene Entscheidung kassiert. Hat heute keiner mehr Eier/Eierstöcke eine Entscheidung zu stehen?
3. Lieber Herr Frank,
iman.kant 21.11.2015
wir brauchen Typen wie Herrn Naijdoo zur Vertretung Deutschlands nicht. Homophob und vor der rechten Szene referierende Menschenfeinde sind nicht mehr dass Bild eines Deutschlands dem ich angehören möchte. Dass der NDR solch einen Mann in Erwägung gezogen hat ist fürchterlich genug. Die Frage die man stellen muss, lautet: Ist der NDR Intendant noch haltbar, oder will man solche Manager wirklich in den Schaltzentralen der Medien?
4. ...
Newspeak 21.11.2015
Na und? Sein Metier ist die Unterhaltung. Der Mann ist Künstler. Als solcher ist es nicht unbedingt seine vornehmste Aufgabe, diese Welt zu einem weniger homophoben oder rassistischen Ort zu machen. Der Österreicher war auch Künstler. Sagt man da auch, Europa in Schutt und Asche gelegt, na und, der Mann war Künstler? Es macht schon noch einen Unterschied, finde ich, ob Naidoo privat auf Tour geht, oder als Repräsentant eines Landes in einen internationalen Wettbewerb geschickt wird. Und was seine Gesinnung angeht, da gibt es leider keine Zweifel. Man muß ihn nur einladen und zu bestimmten Themen sprechen lassen. Dann ist es eindeutig, daß er ein homophober Rassist ist.
5. der kann doch gar nicht singen....
cededa 21.11.2015
... oder er kann singen, aber hat eine furchtbare Stimme. Dass er damit erfolgreich ist, sagt mehr über seine Kundschaft aus als über seine Kunst.
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