Abgehört - neue Musik Mut zur schamlos verzerrten Gitarre

Musik souverän, Inhalt unausgegoren: Young Fathers machen auf ihrem Album einen politischen Rückzieher. Brett überzeugen mit Wutkitsch, Lucy Dacus mit einem Songwriter-Roman und DJ Taye mit Footwork-Futurismus.

Von und


Young Fathers - "Cocoa Sugar"
(Ninja Tune, ab 9. März)

Young Fathers haben sich stets als politische Band verstanden. Dass sie selbst zum Politikum wurden, traf die Band aus dem schottischen Edinburgh aber ziemlich unvorbereitet. Vergangenen Sommer schloss sich das Trio einem Boykottaufruf der Bewegung "Boycott, Sanctions, Divestment" (BDS) an, deren Ziel es ist, den israelischen Staat aus Protest gegen dessen Palästina-Politik wirtschaftlich, kulturell und politisch zu isolieren. Das Berliner Pop-Kultur-Festival hatte von der dortigen israelischen Botschaft 500 Euro Zuschuss für die Reisekosten einer Künstlerin angenommen, BDS daher das Festival als "von Israel finanziert" gebrandmarkt, woraufhin einige Musiker dem Wochenende fernblieben. So auch Young Fathers.

Gerade in Großbritannien sind solche Aktionen unter politisch links eingestellten Künstlern schwer angesagt, um die auf der Hand liegenden antisemitischen Implikationen scheint man sich dabei wenig zu scheren. Trotzdem schien das auf die Festivalabsage folgende Wechselbad aus Applaus und Kritik die Band zu überfordern. Zuerst hieß es, man wolle sich in Interviews der öffentlichen Diskussion stellen, was später aber in einzelnen Fällen zurückgenommen wurde. Zu hören waren stattdessen Gerüchte über einen diskursiven Riss, der durch die Band verlaufe. Die Verwirrung war perfekt, klar am Ende nur eins: Young Fathers haben sich keinen Gefallen getan.

Denn man kann ja gar nicht anders, als das neue Album der Band besonders kritisch zu betrachten. Wie positioniert sich die Band? Gibt es Einordnungen, Standpunkte, eine interne Auseinandersetzung? Die vorläufige Antwort lautet: nein.

Denn "Cocoa Sugar" ist das politisch bisher zahmste Album, das Alloysious Massaquoi, Graham "G" Hastings und Kayus Bankole aufgenommen haben. Nur zwei Tracks lassen sich, mit Mühe, dem strittigen Themenkomplex zuordnen: "Border Girl" erzählt von den Dramen an den Grenzen dieser Welt: "Border girl/ Can't give it up/ Oh, you're lying", heißt es da. Und "Holy Ghost" ruft folgerichtig zu deren Überschreitung auf - physisch wie psychisch: "I cross the border in the morning/And I won't stop to hear your warnings."

Weiterführende Einlassungen sucht man vergebens. Stattdessen: Liebe, Befindlichkeiten, etwas Sex. Klar, auch das Private ist politisch, zumal bei einer Band, die aus zwei schwarzen und einem weißen Mann, Kakao und Zucker, besteht. Doch Young Fathers finden keine Antworten auf die von ihnen selbst aufgeworfenen Fragen.

Das ist bitter, denn die inhaltliche Zurückhaltung kontrastiert damit, dass die Band besser klingt als je zuvor. Nach dem Leftfield-Indie-Rap von "Dead" und "White Men Are Black Men Too" scheinen Young Fathers jetzt die für sie passende Nische gefunden zu haben: Beach-Boys-Choräle werden von scharfen Beats seziert, Melodie und Sperrigkeit gehen eine betörende Symbiose ein, Hip-Hop, Rock und sämtliche Zwischenräume werden so gekonnt verzahnt, dass kein Genrebegriff mehr deskriptiv genug ist. Kurz: "Cocoa Sugar" ist, zumindest musikalisch, zeitgeistiger Pop in Bestform. (7.0) Dennis Pohl

Lucy Dacus - "Historian"
(Matador, seit 2. März)

"I am weak looking at you/ A pillar of truth/ Turning to dust", singt Lucy Dacus im Schlüsselstück ihres zweiten Albums: Wie eine Archäologin, eine Historikerin ihrer eigenen Gefühlsgeschichte, blickt die Songwriterin aus Virginia auf geliebte Menschen, die einst starke, unerschütterliche Stützen einer Wahrheit waren - und nun brüchig und verwittert dastehen wie antike Säulen in einer von der Zeit überholten Ruinenstadt.

"Pillar Of Truth" fügt zwei Erzählungen zusammen, die Dacus auf "Historian" meisterlich ineinanderwebt: "Night Shift", der erste Song, führt den Hörer noch auf die falsche Fährte eines Break-up-Albums, und das so beiläufig vernichtend, wie es sonst nur die große Aimee Mann kann: "You got a 9 to 5, so I'll take the night shift/ And I'll never see you again if I can help it", spuckt sie ihrem Ex-Lover entgegen, und dann pulverisiert ihr Gitarrist Jacob Blizard das, was einmal eine schöne, für die Ewigkeit gedachte Liebesgeschichte war, mit für diese Art Album ungewöhnlich harten Rock-Akkorden. Wow.

Andreas Borcholtes Playlist KW 10
SPIEGEL ONLINE

1. Brett: Das mit dem Hund tut mir leid

2. Die Nerven: Frei

3. The Breeders: Howl At The Summit

4. Lucy Dacus: Night Shift

5. Sade: Flower Of The Universe

6. Sam Vance-Law: Take It Fast

7. Suuns: X-ALT

8. DJ Taye: Trippin'

9. A.A.L. (Against All Logic): This Old House Is All I Have

10. Kendrick Lamar: HUMBLE.

Aber "Historian", Nachfolger ihres von der Kritik umschwärmten Debüts "No Burden" von 2016, ist eben kein "You Oughta Know" auf Albumlänge, sondern erforscht mit literarischer Finesse und klugem Blick die Veränderungen unseres Blicks auf Gewissheiten innerhalb unseres persönlichen Beziehungsgeflechts. Der zweite Handlungsstrang des Albums beschäftigt sich mit dem Tod von Dacus' Großmutter, es geht also um Verlust, das Abhandenkommen von Liebe, Sicherheit und den neugierigen Blick auf das, was sich verändert hat, wenn der blendende Schmerz vorübergeht.

Die Zwischenphase, das Gefühl unendlicher emotionaler Leere, bildet Dacus in "The Shell" ab: "I'm a ghost/ Walking in a boring dream/ You are there/ Talking and I'm not listening/ I am busy doing nothing/ And you're rudely interrupting" - ein herrliches Manifest der Misanthropie. Trotzig versöhnt sich Dacus in "Next Of Kin" mit ihrer eigenen Vergänglichkeit: "I used to be too deep inside my head/ Now I'm too far out of my skin/ I am at peace with my death/ I can go back to bed", singt sie im schön getragenen Alt ihrer nie zu distanzierten Singstimme, während sie ihre Band erneut stürmisch gegen die lauernde Apathie lärmen lässt.

Der Mut zur schamlos verzerrten Gitarre macht Lucy Dacus zu einer eher klassischen Rock-Songwriterin, allein das macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung inmitten ebenso ausdrucksstarker und kluger Indie-Kolleginnen wie Julien Baker, Joan As Policewoman und U.S. Girls, die allesamt in den vergangenen Monaten herausragende Alben veröffentlicht haben. "Historian", eine great american novel, die zum altmodischen Durchhören in einer Sitzung auffordert, gehört absolut in diese Reihe. (8.2) Andreas Borcholte

DJ Taye - "Still Trippin'"
(Hyperdub, seit 2. März)

House Music ist weiterhin ein musikalisches Zukunftslabor, auch wenn das angesichts von klanglichen Alcopops wie Disclosure oder Duke Dumont schwer vorstellbar scheint. Aber zum Glück gibt es Chicago, seine Warehouses und den widerständigen Geist der Szene. Und damit auch Footwork, ein in den Neunzigerjahren aus den Resten von klassischem House und Detroit Techno entstandenes Subgenre, benannt nach bänderüberdehnendem Tanz, den man dazu anwendet. Ein maximal synkopischer Sound, so komplex und verschachtelt, dass er wohl selbst John Cage die Synapsen verknoten würde - und dementsprechend jahrelang ein Dasein in der Auskennerkiste führte.

Das scheint sich nun zu ändern. Im vergangenen Jahr etwa zog die ebenfalls aus der Nähe von Chicago stammende Footwork-Künstlerin Jlin mit ihrem Album "Black Origami" ein Jahresbestenlisten-Abo. Und nun legt ihr Kollege DJ Taye eindrücklich nach. Allerdings mit einem völlig anderen Ansatz: Wie bereits seine Teklife-Crew-Kollegen DJ PayPal oder der 2014 verstorbene DJ Rashad öffnet der 1994 geborene Producer und MC den Sound für neue Einflüsse. Die 50 Minuten seines Debütalbums klingen entsprechend wie eine Legierung sich eigentlich abstoßender Stoffe: Spielautomatengefiepe trifft auf Basswalzen, R&B auf Breakbeats, Trap auf trockensten House, Drum-Stakkatos auf sedierte Synthesizer. Dazu rappt DJ Taye, als wäre er ein vergessenes Mitglied der Dirty-South-Pioniere Three 6 Mafia.

Wie das alles nicht im Chaos enden kann? Indem sich Taye nicht lange mit alten Strukturen aufhält, sondern seine ganz eigene Sprache etabliert. Im Titeltrack "Trippin'" etwa, der nicht nur von chemischen Drogen erzählt, sondern auch klingt, als wäre er mit herbeihalluzinierten Instrumenten gemacht. Oder in "Need It", dem mit gefühlt fünf verschiedenen Ebenen wohl tanzbarsten Stück unnötig komplizierter Musik seit Jahren.

"Still Trippin'" formuliert einen Sound, der radikal körperlich und schweißtreibend ist, und gleichzeitig in seiner überfordernden Entrücktheit die Paranoia des digitalen Zeitalters einfängt - damit also den zerrissenen Zeitgeist spiegelt. Wer die Zukunft kennen will, sollte also DJ Taye zuhören. Die Ausläufer seiner Grundlagenarbeit hört man in ein paar Jahren in der örtlichen Großraumdisco. (7.8) Dennis Pohl

Brett - "Wutkitsch"
(Chimperator, seit 22. Februar)

Zum Schluss noch ein klarer Fall von "Gut, dass wir mal reingehört haben", sind ja immer die erhebendsten Momente im oft tristen Dasein eines Pop-Kritikers. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich hinter einem Auf-die-Zwölf-Namen wie Brett, einem erstmal ekligen Titel wie "Wutkitsch" und wenig ansprechender Cover-Kunst der Deutschrock-Murks übelster, verkrampftester, also: uninspiriertester Art verbirgt, war hoch, aber hey: Immer hinhören, wo's potentiell wehtut!

Zum Glück ist das Debüt von Brett, einer Band aus Hamburg, eine kathartische Erfahrung. Allein das Genre ist schon angenehm unverschämt gewählt: Knochenharter Stoner-Rock mit ambitionierterer NuMetal-Attitüde (man denke: Incubus, damals) und einige klug eingesetzte Kraut-Elemente ergeben einen Sound, den man lange nicht mehr hören wollte (und konnte), der hier aber dringlich und frisch wirkt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Das liegt nicht nur, aber auch an der heiser heulenden Stimme von Sänger Max Reckleben, der sich in "Wüste" und "Dein Autotune" leidenschaftlich gegen das gefühlte Rap-Einerlei in den deutschen Charts lehnt, und in "Bono", "Kollisionen von Millionen" oder "Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist)" dem alten Adorno-Axiom von der Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im Falschen verzweifelte Hymnen voller Verachtung widmet: "Ein toter Hund auf der Straße/ Eine Drohne hat ihr Ziel verfehlt/ Und die Hipster im Café müssen sich entscheiden zwischen Latte und Mate Tee". Ein schönes Leben, aber irgendwie nicht seins: "Mir ist es hier zu kalt/ Ich mein die Atmosphäre/ Ich find die Leute falsch/ Ich mein ihre Gespräche." Hamburg, meine blasierte Perle.

Reckleben, sehr sympathisch, scheint etwas gegen Hunde zu haben. Um einen mit Austern (!) vergifteten Köter der Ex dreht sich auch einer der schönsten deutschen Break-up-Songs seit Langem: "Das mit dem Hund tut mir leid" heißt der heimliche Kopfnicker-Hit dieses Frühjahrs.

Wen das von Sound und Charme her an das explosive Debüt von Selig (1994) erinnert, der liegt ganz richtig: Deren Produzent Franz Plasa entdeckte auch Brett schon früh und befand, dass "Wutkitsch" den emotional unverstellten Alltagsfuror der Band am besten beschreibt. "Ich wäre so gerne dein Prophet", ruft Reckleben nassforsch in einem besonders ungestüm, Pardon, hingebretterten Song. Das könnte klappen. (7.6) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HolmWolln 07.03.2018
1. Brett
Brett sind eine Rakete. Voll auf die Ohren, druck aufs Hirn. Reinhören, nicken, nicken, nicken
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.