Zum Tod Hazy Osterwalds: Karriere mit Knall

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Mit seinem Sextett gehörte Hazy Osterwald zu den ersten Unterhaltungsstars des deutschen Fernsehens. Dabei kam der Bandleader wie viele Kollegen vom Jazz, hatte aber keine Scheu vor Klamauk und Show. Viele seiner Songs wurden Klassiker, besonders der "Kriminaltango".

Bandleader Hazy Osterwald: Unterhaltungsstar der jungen Bundesrepublik Fotos
AP

Schmale Brille, todernster Blick, verknautschter Hans-Moser-Mund: Der Mann war nicht schön, spielte aber rasant Trompete, Klavier und auch Vibraphon. Sinn für Effekte hatte er auch: So sanft ironisch wie der Schweizer Bandleader Hazy Osterwald 1959 die Refrainzeile "Kriminaltango in der Taverne" ins Mikrofon hauchte, war es fast unvermeidlich, dass er und sein Sextett sogleich Schlagergeschichte schrieben.

Sie lieferte den Deutschen den Soundtrack zum Wirtschaftswunder-Abschluss, mit programmatischen Songs wie "Panoptikum", sie propagierten "Whisky Pur", forderten "Geh'n Sie mit der Konjunktur", um anschließend zu verkünden: "Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt" (1966). Schlager mit sanftem zeitgeschichtlichem Hintergrund zwar, aber eben doch für viele damals eher seichte Kunst. Tanzmusik eben, bestenfalls gefälliger Combo-Jazz im Mainstream.

Dabei waren Osterwald und seine Truppe musikalische Comedians, die mit Kostümen, Grimassen und manchmal fast diabolisch-grotesken Auftritten im Deutschen Fernsehen, als es nur ein einziges Programm gab, erheblichen Eindruck machten. Ihre TV-Showauftritte gehörten zu den frühen Samstagabend-Ereignissen, und wenig später war die musikalisch-gestische Darreichungsform "Sextett" eine Erfolgsformel des bescheidenen deutschen Showbusiness: Jochen Brauer, Ambros Seelos und andere folgten dem Mix aus Musik und Klamauk. Aber keiner konnte so hinreißend satirisch das verwelkende Nachkriegspathos des "Wir sind wieder wer" karikieren. Das tat Hazy Osterwald mit Takt und Feingefühl.

Typen wie die Monty Pythons

Denn Rolf Erich Osterwalder, geboren 1922 in Bern, und seine Musiker kamen, wie es sich für gestandene Tanzmusiker gehörte, vom Jazz. Osterwald hatte schon vor Kriegsende als Teenager für den Bandleader Teddy Stauffer arrangiert und studierte am Konservatorium, nachdem er zunächst eine Pianistenkarriere angepeilt hatte. Neben dem Klavier widmete er sich dann auch der Trompete, trat 1949 bereits bei einem Jazzfestival in Paris auf und reduzierte seine zunächst 16-köpfige Big Band auf ein Sextett - eine zukunftsweisende Entscheidung.

Zunächst pflegten Osterwald und seine Mitstreiter nach Kräften ihr Jazzerbe und bemühten sich, Swing mit Anspruch spielen. 1957 traten sie gemeinsam mit dem Chansonnier Gilbert Bécaud vier Wochen lang im Pariser "Olympia" auf. Während der fünfziger Jahre spielte die Band auch in Schlager- und Unterhaltungsfilmen wie "Im Grünen Kakadu" (1954) mit, die nicht unbedingt cineastische Meilensteine darstellten, aber doch Charme ausstrahlten; der große Erfolg gründete sich auf diesem Klamauk.

Mit Musikern wie Dennis Armitage (Saxophon), John Ward (Drums) und Curt Prina (Piano) hatte Hazy Osterwald Mitstreiter gefunden, die nicht nur musikalisch, sondern auch komödiantisch mithalten konnten und den optischen Auftritt des Ensembles entscheidend prägten. Vor allem der stoisch dreinblickende, hornbebrillte Drummer Ward wurde ähnlich populär wie Osterwald selbst, was für die Ausstrahlung der Truppe von entscheidendem Vorteil war. Osterwald umgab sich nicht mit austauschbaren Statisten, sondern mit Typen, die aus heutiger Sicht eher an die Monty Pythons als an Tanzmusiker erinnerten.

Der legendäre "Kriminaltango" (1959) bescherte dann dem Sextett nachhaltigen Erfolg. "Dunkle Gestalten, rote Laterne, Abend für Abend, lodert die Lunte", und am Schluss wird geschossen: So stellte sich der brave Bundesbürger damals das Gangstertum und seine Etablissements vor, und Osterwald gelang es auf subtile Weise, dieses Klischee gleichzeitig zu bedienen und doch auf die musikalische Schippe zu nehmen. Edgar Wallace als Schlager.

Zwar war es nur die Coverversion eines italienischen Schlagererfolgs, doch den kennt heute keiner mehr - Hazy Osterwalds Kaschemmen-Ballade ist ein Klassiker. Dazu gibt es sogar einen schaurig zickigen Film in schwarzweiß, der regelmäßig bei "Langen Schlagernächten" in dritten Programmen läuft. Ein früher Quasi-Videoclip mit ikonischen Qualitäten. Osterwalds Band liebte den Song zunächst nicht, er entsprach nicht dem Qualitätsanspruch des Ensembles. Einen rockigen Ritterschlag erhielt der "Kriminaltango" dann 1984 durch die Version der Toten Hosen, die den Song gemeinsam mit dem Fassbinder-Schauspieler Kurt Raab einspielten.

Auch im Alter noch ein routinierter Showman

Ab 1962 drehte der deutsche TV-Regisseur Michael Pfleghar ("Wünsch dir was") mit Hazy Osterwald die Reihe "Lieben Sie Show?", in der neben dem Sextett auch damals aufstrebende Stars wie Gitte Haenning, Lill Babs oder der Tänzer Jürgen Feindt auftraten. Die Karriere von Hazy Osterwald war dann Mitte der sechziger Jahre schon in sicherem Fahrwasser, und seine eigenen Fernsehshows zementierten den Erfolg. Kontinuierliche Auftritte und Tourneen bis nach Südamerika bescherten dem Sextett einen soliden Ruf, der Hazy Osterwald zu einer Institution des europäischen Musikgeschäfts machte.

Er verabschiedete sich 1979 in Montreux mit einem Konzert, um sich darauf hauptsächlich seinen Nachtclubs, seinen Musikverlagen und seiner Schallplattenfirma zu widmen, die er in kluger Vorausschau frühzeitig gegründet hatte. Dennoch brachte ihm die Scheidung von seiner zweiten Frau, der Schlagersängerin Ema Damia, Anfang der achtziger Jahre fast die wirtschaftliche Pleite. Davor bewahrte ihn 1984 die Gründung einer neuen Band, Hazy Osterwald and the Entertainers, die lange Zeit durch Clubs und Galas in Europa tingelte. Nicht mehr die ganz große Show, aber immer noch die musikalische Klasse und Routine, die einen Showman wie Hazy Osterwald kennzeichnete, auch noch mit über 70 Jahren.

Jetzt verstarb Hazy Osterwald in Luzern an einer Infektion, die er sich in Folge seiner bereits Anfang der neunziger Jahre diagnostizierten Parkinsonkrankheit zuzog.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Fare well
fiutare 28.02.2012
Fare well Hazy! Vollblutmusiker wie er sind selten geworden. Es sind eher die Geräuschemacher, die heute den Ton angeben.
2. Adieu Hazy Osterwald
taglöhner 28.02.2012
Habe ihn sehr gemocht und freue mich auf die TV-Rückschauen.
3. Hazy, Du warst der Hit!
Schreiber5.1 28.02.2012
Ja, der Hazy war einer, der ging unter die Haut. Es waren eben ganz andere Arten von Schlager, die einprägsam, gefühlvoll und musikalisch sehr wertvoll waren. Er hatte einen eigenen Stil, unnachahmlich und unverwechselbar! Im Himmel stehen sie Schlange! Dort wird jetzt getanzt! :-))))
4. großartiger Künstler
dommanolito 28.02.2012
Zitat von sysopMit seinem Sextett gehörte Hazy Osterwald zu den ersten Unterhaltungsstars des deutschen Fernsehens. Dabei kam der Bandleader wie viele Kollegen vom Jazz, hatte aber keine Scheu vor Klamauk und Show. Viele seiner Songs wurden Klassiker, besonders der "Kriminaltango". Zum Tode Hazy Osterwalds: Karriere mit Knall - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,818129,00.html)
Hazy Osterwald gehört mit Paul Kuhn einer Generation von Musikern an, die leider dabei ist auszusterben: souveräne Vollblutjazzer, die ihr Kunsthandwerk mit traumhafter Sicherheit beherrschen und ihr Metier und sich selbst mit augenzwinkender Ironie musikalisch reflektieren. Bei Musikern dieses Formates werden auch und gerade Schlager zu kleinen Kabinettstückchen, von denen nicht wenige zu Evergreens geworden sind.
5. Katzeklo
Stauss 28.02.2012
hat hier die Wurzeln.
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