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Zum Tod von Freddie Hubbard: Grenzenlos geläufig

Von Ralf Dombrowski

Er war ein Wunderkind an der Trompete und prägte den Modern Jazz von Free bis Funk und Soul bis Fusion. Auch das jähe Karriereende nach einer Erkrankung wird Freddie Hubbards Erbe nicht schmälern. Hommage an einen musikalischen Pionier und einmaligen Stilisten.

Mitte der neunziger Jahre merkte Freddie Hubbard, wer wirklich seine Freunde waren. Sonny Rollins gehörte dazu, Stanley Turrentine, McCoy Tyner und ein paar andere, mit denen er über die Jahre hinweg gearbeitet hatte und die ihn nun in der Stunde der Not unterstützten. Die meisten aber ließen ihn fallen wie eine heiße Kartoffel, als seine Karriere ihren Tiefpunkt erreicht hatte. Denn Freddie Hubbard konnte nicht mehr spielen.



Eine Blase an der Lippe war durch eigene Nachlässigkeit nicht richtig verheilt. Damit war die körperliche Grundlage zerstört, die er brauchte, um seine aberwitzigen Läufe an der Trompete zu gestalten. Psychisch half der Whiskey der Depression, bis der einstige Star der Szene nach mehreren Monaten merkte, dass auch das zu nichts führte und sich für ein paar Jahre völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog. Für Freddie Hubbard war dies besonders hart: Sein Leben lang war ihm künstlerisch alles zugeflogen.

Von Indianapolis nach New York

Der Trompeter aus Indianapolis zählte zu den Ausnahmetalenten der modernen Jazzszene. Geboren im April 1938, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, gesegnet aber mit profunder Musikalität und präzisem Aufnahmevermögen, schaffte er es bereits als Teenager, in die Kreise der Großen seines Fachs aufgenommen zu werden. "Für die Amerikaner war Jazz damals eine Form von Subkultur", erinnerte er sich an seine Anfänge. "Als ich zur Schule ging und anfing, in Clubs zu spielen, meinten meine Eltern, ich solle mit dem 'Teufelszeug' aufhören. Ich habe trotzdem weitergemacht und viele Belzebuben getroffen."

Hubbard war begabt, das erkannten auch seine Eltern. Sie kratzen ihr Geld zusammen, schickten den Jungen auf die Highschool, dann aufs Jordan-Konservatorium der Stadt.

Tagsüber jobbte er in einem Bekleidungsgeschäft, am Wochenende spielte er der Mutter zuliebe in der Kirche, abends aber trieb er sich mit den Montgomery-Brüdern in den Clubs herum. Hörte zu, jammte mit und lernte durch die Praxis: "Ich hatte ja klassische Trompete studiert. Die wichtigen Sachen bekam ich aber von Leuten wie Kenny Dorham, Donald Byrd, Lee Morgan oder Thad Jones beigebracht, indem ich ihnen zuhörte und mit ihnen spielte. Das half mir, meine Ideen zu formulieren."

Richtig los ging es 1958, kurz nach Hubbards Umzug nach New York. Über Sessions war der Neuling mit Musikern des renommierten Blue-Note-Labels in Kontakt gekommen. Wes Montgomery lud ihn ins Studio, ebenso Paul Chambers. Seine verblüffende Geläufigkeit in Verbindung mit starkem Ton und stilistischer Offenheit überzeugte die bereits etablierten Kollegen. Mit etwas zeitlichem Abstand schien sich das Phänomen Clifford Brown zu wiederholen. Innerhalb kurzer Zeit mischte der Newcomer bereits bei Quincy Jones und Bud Powell, Sonny Rollins und Jay Jay Johnson mit.

Free Jazz, Soul und Fusion

Der entscheidende Sprung nach vorne jedoch gelang Freddie Hubbard, als er dem Saxofonisten Ornette Coleman begegnete, einem damals geduldeten Sonderling unter den Avantgardisten: "Als ich auf Ornette traf, stellte er mir die Frage, was für Musik ich denn machen wolle. Denn sein Ding war etwas Anderes, etwas ohne Grenzen, Beschränkungen." Hubbard wählte die Freiheit und machte Jazzgeschichte.

Er spielte mit Ornette Coleman auf "Free Jazz", veröffentlichte im selben Jahr 1960 ein vielbeachtetes Debüt ("Open Sesame") und wurde von Art Blakey für die Jazz Messengers engagiert (1961-64). Hubbard kehrte zwischenzeitlich mit John Coltrane und "Ascension" (1965) ins Free-Jazz-Lager zurück, arbeitete aber gleichzeitig mit zahlreichen weiteren Stilpionieren wie Oliver Nelson ("The Blues And The Abstract Truth", 1961), Herbie Hancock ("Maiden Voyage", 1965), Sam Rivers, Wayne Shorter, Sonny Rollins, Max Roach, Dexter Gordon, Friedrich Gulda, Randy Weston und sogar Count Basie.

Der Aufsteiger wurde zum Trompetenstar seiner Generation. Er brachte den Soul-Jazz mit auf den Weg, fand sich in Hancocks modale Welten ein und half mit, den Stilmix Fusion musikalisch salonfähig zu machen. Je nach Orientierung konnte er sich die Plattenfirmen aussuchen und war mal bei Blue Note (bis 1965), Atlantic (1966-70), CTI (1970-75) oder CBS (1974-80) unter Vertrag. Festivals rissen sich um ihn, seinen ersten (und einzigen) Grammy erhielt er 1972 für "First Light", noch lange vor Miles Davis.

Der Souverän der Vielfalt

Natürlich gab es auch Kritik, besonders in den Siebzigern, als Jazzpuristen jedes Engagement jenseits der Avantgarde missbilligten. Hubbard wurde für kommerzielle, sanfte Töne gescholten, schaffte es aber in den späten Siebzigern mit All-Star-Projekten wie V.S.O.P., das große Publikum zu begeistern. Bis zu seinem Lippenproblem war er einer der vielbeschäftigten Stars an der Trompete, denn er verknüpfte mühelos Elegisches mit immenser Energie, verblüffender Geläufigkeit, melodischer Finesse und seinem kraftvollem, individuellen Klang am Instrument.

Und Hubbard schaffte sogar mit dem Album "New Colors" (2001) ein Comeback, nun am Flügelhorn, das weniger Lippenspannung verlangte. Eine Gruppe Bewunderer um den jungen Trompeter David Weiss übernahm das Management und baute eine Band um ihn herum auf, mit der er in den folgenden Jahren auf der Bühne zu hören war, nicht mehr so brillant wie einst, aber immerhin.

"Ich kämpfe gegen den Einheitsbrei, indem ich versuche, den richtigen Sound zu den Menschen zu bringen", meinte er damals, bescheiden geworden und auch ein wenig demütig vor der Schönheit der Musik, die er selbst zu schaffen imstande gewesen war.

Ende November erlitt Freddie Hubbard einen Herzinfarkt, wenige Monate nach seinem 70. Geburtstag. Am Montag starb der Jazzpionier im Sherman Oaks Hospital in Los Angeles an den Folgen seines Zusammenbruchs.

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