Zum Tod von Gudrun Wagner Heimliche Herrin des Grünen Hügels

Mit strenger Hand führte Gudrun Wagner, Gattin des Festspielleiters Wolfgang, die Geschicke Bayreuths - ohne je offiziell als Chefin des Hauses anerkannt zu sein. Nach ihrem überraschenden Tod wird nun vielleicht Tochter Katharina den Traum ihrer Mutter verwirklichen.

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Sie sollte einen steilen Aufstieg vor sich haben, die Fremdsprachenkorrespondentin Gudrun Armann. Einen Aufstieg, der sie hoch nach oben führen sollte, wenn auch nicht nach ganz oben. Als Sekretärin arbeitete sie zunächst für die Bayreuther Festspiele, dann heiratete sie Dietrich Mack, den Herausgeber der Tagebücher Cosima Wagners. Und schließlich ehelichte sie 1976 Wolfgang Wagner, den Leiter der Festspiele auf Lebenszeit. Gudrun Wagner sollte mehr werden als nur seine zweite Frau. Sie sollte zur heimlichen Herrin des Grünen Hügels aufsteigen.

Beinahe hätte sie es 2001 an die Spitze geschafft. Der alternde Wolfgang Wagner versuchte damals, seine Gattin Gudrun auch formal als Herrscherin der Festspiele zu installieren. Es wäre durchaus keine ungewöhnliche Lösung für Bayreuth gewesen, jenen Wallfahrtsort der deutschen Seele, wo schon zwei Mal matriarchalische Strukturen die Geschicke bestimmt hatten.

Hatte nicht Richard Wagners Witwe Cosima nach dem Tod des Komponisten von 1883 bis 1906 maßgeblich dafür gesorgt, dass sich Bayreuth als jene Weihestätte der Wagnerianer etablierte, als die es noch heute gilt? Und dann war da Winifred Wagner, Gattin von Richards Sohn Siegfried, die während der NS-Zeit den so kompromittierenden Avancen des Regimes und vor allem Adolf Hitlers erlag.

"Das Mädchen nehmen wir"

Als sich 2001 auch Eva Wagner-Pasquier, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe mit Ellen Drexel, und seine Nichte Nike Wagner bewarben, fand Gudrun keine Gnade vor dem Stiftungsrat. Das Verfahren drohte zu einem Debakel zu geraten - und Wolfgang beendete es kurzerhand. So blieb Gudrun Wagner jene letzte, formale Anerkennung ihres wahren Einflusses verwehrt.

Ihr Aufstieg zur heimlichen Herrin des Grünen Hügels hatte 1965 mit einer eingedenk der kultursymbolischen Bedeutung Bayreuths fast lakonisch anmutenden Stellenanzeige in der "Süddeutschen Zeitung" begonnen: "Kulturbetrieb in Nordbayern sucht Mitarbeiter". Gudrun Armann bewarb sich, Wolfgang Wagner informierte die junge Frau am Telefon, dass ihre Bewerbung erfolgreich gewesen sei. "Das Mädchen nehmen wir", hatte er entschieden.

Gudrun Armann stammte aus Ostpreußen, hatte ein Jahr in Frankreich verbracht und war - zur Hochzeit der Beat-Welle! - zwei Jahre in England als Au-Pair bei einer jüdischen Familie beschäftigt. Sie war eine emanzipierte junge Frau. Sehr früh zeigte Gudrun dann auch in Bayreuth ihr Engagement und ihren Ehrgeiz, selbst wenn sie sich später kokett erinnerte, "in einem Haufen von Papier" gesessen zu haben, in dem sie nur "schwamm, schwamm, schwamm". Doch bald schon schmückte sie sich mit dem Titel: "Frau im Feuer".

In der formalen Funktion einer persönlichen Referentin entschied sie etwa bei der Dirigenten-, Sänger- und Regisseursauswahl mit. Ihr Mann würdigte in einem SPIEGEL-Interview ihren künstlerischen Einfluss: "Beim allgemeinen Männer-Wahn unter den Regie-Machos entdeckt, bereichert und korrigiert eine Frau vor allem die weiblichen Elemente einer Figur oder die weiblichen Aspekte einer Geschichte." Sie selbst ließ sich mit folgendem Satz zitieren: "Wenn ich meine Arbeit richtig machen will - und wer will das nicht? -, dann habe ich natürlich die Fäden in der Hand; sonst würde es hier nämlich nicht laufen."

"Pfiffige Mitarbeiterin im Pressebüro"

Solche Worte empfanden viele als Anmaßung, und ihre als unnahbar empfundene, entschiedene Art deuteten ihre Gegner als übersteigerten Machtwillen - sie machte sich Feinde. Eva Wagner-Pasquier etwa, vorerst gescheiterte Bewerberin um den Leitungsposten der Festspiele, fand wenig warme Worte für Gudrun. Sie erinnerte sie mit demonstrativer Geringschätzung als "pfiffige Mitarbeiterin im Pressebüro", die nach der Heirat mit Wolfgang, "die Entfremdung eines Vaters von seinen Kindern aus erster Ehe aktiv mitbetrieben hat".

Das Schweizer Wochenmagazin "Weltwoche" kolportierte dieses Jahr gar Gerüchte um "außervertragliche sexuelle Aktivitäten und eine heimliche Liebe zum Alkohol". Gudrun Wagner konterte solche Attacken unter die Gürtellinie mit gebotener Schärfe: "Völliger Unsinn, der auf die Verleumder zurückfällt. Mir wurden schon Verhältnisse mit Männern nachgesagt, die eindeutig schwul waren."

Noch ist nicht absehbar, was der Tod Gudrun Wagners, die im Alter von nur 63 Jahren starb, für die Festspiele bedeuten wird. Gut möglich, dass der auf Lebenszeit gewählte Leiter, der verwitwete 88-jährige Wolfgang Wagner, nun vorzeitig den Weg frei macht. Als Favoritin gilt vielen Katharina Wagner, die in diesem Sommer mit einer - wenngleich umstrittenen - Inszenierung der "Meistersänger von Nürnberg" als Regisseurin in Bayreuth debütierte.

Mit der 29-jährigen Tochter Gudruns und Wolfgangs käme eine Frau an die Spitze der Festspiele - und zwar dieses Mal ganz formal in Amt und Würden, wie schon zuvor Cosima und Winifred. Noch vor kurzem lobte Mutter Gudrun ihre Tochter als "eine sehr fähige Künstlerin und Kulturmanagerin". Und so erreicht vielleicht bald die Tochter, was der Mutter verwehrt blieb. Mit Katharinas Berufung wäre ein letzter Wille Gudruns erfüllt.



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