Zum Tod von Johnny Cash Der Ausbrecher

Ihn als Country-Sänger zu bezeichnen wäre eine Verkleinerung: Johnny Cash verkörperte den amerikanischen Musiker schlechthin. In seinen letzten Lebensjahren wurde er auch zum Idol von Rock- und Rap-Fans, die in ihm den unabhängigen Kämpfer und Individualisten sahen. Im Alter von 71 Jahren starb Johnny Cash in Nashville.

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Sprengte die Mauern des Country-Gefängnisses: Johnny Cash
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Sprengte die Mauern des Country-Gefängnisses: Johnny Cash

Johnny Cashs Konzert im kalifornischen Gefängnis von San Quentin im Jahre 1969 wurde schnell zur Legende. Nicht allein, dass er und seine Band sich trauten - er hatte zuvor schon im nicht minder harten Knast von Folsom gespielt - nein, es war die Attitüde und die Art, wie er mit der speziellen Situation umging. Er trat selbstbewusst auf, biederte sich nicht an und ließ doch keine Sekunde Zweifel daran, für wen er hier spielte und wo seine Sympathien waren. Er scheute sich nicht, auch mal knurrig zum Publikum zu sein ("Sorry, I couldn't hear you, I was talking!"), doch das lautstarke und gewaltbereite Auditorium himmelte ihn an, wie einen der ihren. Umringt von Gewehr-bestückten Wärtern erlebten sie eines der denkwürdigsten Konzerte der Popgeschichte. Auch deshalb, weil Cash die Mauern eines anderen Gefängnisses einriss: Countrymusic war auf einmal im Bewusstsein von Musikfans keine Kuhdung-behaftete Hinterwäldler-Marotte mehr. Johnny Cash, der Ausbrecher.

Hommage von Rapper Eminem

Der am 26. Februar 1932 in Kingsland, Arkansas geborene Johnny Cash spielte schon mit zwölf Jahren Gitarre und trat während seiner High-School-Zeit in Radioshows des heimatlichen Senders KLCN in Blytheville auf. Sein Dienst in der Air Force brachte ihn als Radiomitarbeiter sogar nach Deutschland, bevor er 1954 seine erste Frau Vivian Liberto heiratete und mit ihr nach Memphis zog. Seine erste Band, die Tennessee Two, bestand aus zwei Musikern, die ihn lange Zeit begleiten sollten: Luther Perkins (Gitarre) und Marshall Grant (Bass). Mit ihnen machte er die ersten Aufnahmen für das legendäre Sun-Label von Sam Philipps, auf dem zur selben Zeit auch Elvis Presley Popgeschichte schrieb. Einen der größten Cash-Songs, "Folsom Prison Blues", schrieb er im Jahre 1956, ein Jahr später erschien sein erstes Album. Auf die berühmte Zeile "I shot a man in Reno, just to watch him die" aus dem "Folsom"-Song berufen sich bis heute schwarze Rapper, die sich in der Lakonik und realistischen Härte des Cash-Songs wiedererkannten. Wie tief die Verehrung der aktuellen amerikanischen Musikszene für Johnny Cash geht, zeigten Rap-Schandmaul Eminem und viele andere, die bei der diesjährigen MTV-Video-Awards-Zeremonie Lobesworte an Cash richteten, der aus Gesundheitsgründen nicht teilnehmen konnte. Sein Video "Hurt" war für fünf Kategorien nominiert.

Doch der aktuelle Cash-Kult ist keine Nostalgie. Seit der von vielen Höhen und Tiefen seiner Karriere gebeutelte Johnny Cash 1994 mit dem Hip-Hop-Experten Rick Rubin (Def Jam Records) das spartanisch produzierte Album "American Recordings" aufnahm, widerfuhr dem eigentlich schon als Country-Fossil abgehefteten Sänger und Songschreiber plötzlich Gerechtigkeit: Seine markante, packende und emotionale Stimme war nun gleichbedeutend mit Authentizität, Reinheit und stilsicherem Umgang mit höchst unterschiedlichem Liedgut. So interpretierte er auf diesem und drei weiteren Album mit Rubin nicht nur eigene Songs, sondern Stücke von Bands wie Soundgarden, Nine Inch Nails, von jungen Kollegen wie Beck oder älteren wie Nick Lowe, Tom Waits, Leonard Cohen oder Tom Petty. Trotzdem pflegte er auch weiterhin die Musik, die er über die Jahre wie kaum ein Zweiter geprägt hatte, nie wandte er sich von seinen Country-Wurzeln ab.

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Johnny Cash: Die vielen Facetten des "Man in Black"
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Seit er 1971 sein Album "A Man in Black" veröffentlichte sah man Johnny Cash nur in schwarzer Kleidung. Für die Unterprivilegierten und Verlierer dieser Welt, sagte Cash. Weil er so cool darin aussieht, sagte der giftige New Yorker Kritiker Robert Christgau. Doch Cash gelang das Kunststück, sowohl cool als auch glaubwürdig zu bleiben. Die Versuchungen des Big Business in Gestalt von Las Vegas und modischen Produktionen ließ er links liegen, und auch in seiner tiefen Religiosität, die sich in verschiedenen Gospel-geprägten Alben ausdrückte, offenbarte er Biss, Ehrlichkeit und Präzision. Musikalischen Ausdruck musste er nicht suchen, Cash wusste stets, wie etwas zu klingen hatte. Dass es bei den weit über hundert Alben, die er veröffentlichte, auch mal schwächere gab, fällt kaum ins Gewicht: Cash irrte sich stets auf hohem Niveau.

Kampf gegen Drogen

Weniger gut hatte er zeitweise seinen Verbrauch beruhigender und aufputschender Pillen im Griff. 1965 geriet er wegen Drogenschmuggels nach Mexiko ernsthaft in Schwierigkeiten und wurde verurteilt. Nach einer Beinahe-Überdosis und einem schweren Autounfall ließ sich seine Frau von ihm scheiden, was Johnny Cash noch tiefer in die Depression stürzte. Gemeinsam mit seinem Nashville-Kumpanen, dem Sänger und Songschreiber Waylon Jennings, durchlebte er danach einen Tiefpunkt seiner Karriere. Aber er traf in Nashville auch June Carter, seine spätere Ehefrau und Muse, die ihn von den Drogen wegzerrte, zum Christentum brachte und bis zu ihrem Tode am 15. Mai 2003 der wichtigste Mensch in seinem Leben war. Sie half ihm auch, die schweren Krankheiten zu meistern, die ihn in den vergangenen Jahren quälten: Sechs Operationen wegen Bronchitis und Lungenentzündungen musste Cash seit 1998 überstehen, dazu litt er unter einer schweren, zu Lähmungen führenden Nervenkrankheit. Am 10. September erst war er nach einer zweiwöchigen Magenuntersuchung aus dem Nashville Baptist Hospital entlassen worden und wollte sogleich weiter an seinem neuen Album arbeiten, für das er und Rick Rubin bereits 50 Songs aufgenommen hatten.

Johnny Cash starb am 12. September 2003 in einem Krankenhaus in seinem Wohnort Nashville, Tennessee im Alter von 71 Jahren.



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