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Zum Tod von Lee Hazlewood: Dichter, Narr und Tor

Von Thomas Winkler

Er schrieb einen Welthit für Nancy Sinatra und komponierte sich eine Welt jenseits gängiger Hits: Lee Hazlewood war das letzte Universalgenie des Pop. Heilig sprechen muss man ihn deshalb nicht. Dafür war er viel zu dämonisch.

Jede Familie braucht ihr schwarzes Schaf und jede dröge Familienfeier ihren moralisch nicht ganz integeren entfernten Verwandten. Der gibt dem Konfirmanden den ersten Joint aus, geht der Tante an die Wäsche, erzählt laut schmutzige Witze und zum großen Teil geflunkerte Geschichten, die viel spannender sind als das vorgezeichnete Leben innerhalb der Konventionen. Wenn das Popgeschäft eine große Familie ist, dann war Lee Hazlewood der zwielichtige Onkel.


Barton Lee Hazlewood, geboren am 9. Juli 1929 in Mannford, einem gottverlassenen Kaff in Oklahoma, war Sänger, Songschreiber, Produzent, DJ, Plattenfirmenchef und, wie er selbst behauptet, der schlechteste Gitarrist der Welt. Außerdem war er Schauspieler, Filmemacher und TV-Autor, Whiskeytrinker, Frührentner und Urgroßvater, vor allem aber das letzte Universalgenie des Pop.

Die Sternstunde des bis dahin als Gelegenheitsjobber bei Radiosendern und Plattenfirmen arbeitenden Hazlewood wurde 1964 eingeleitet. Es war das Jahr, in dem er Nancy Sinatra traf, eine bis dahin eher erfolglose Nachwuchssängerin, die arg zu tragen hatte am schweren Erbe ihres Vaters, eines gewissen Frank Sinatra. Jahrelang produzierte Hazlewood ihre Platten und komponierte ihr unsterbliche Klassiker auf den Leib. Allein das immer noch unkaputtbare "These Boots Are Made For Walking" soll sich bis heute 25 Millionen-mal weltweit verkauft haben.

Schön schmutzig

Erstmal aber schrieb er nicht nur die Hits, sondern sang sie im Duett mit Sinatra auch selbst ein: Stücke wie "Some Velvet Morning", "Lady Bird" oder "Summer Wine" lebten vornehmlich vom Kontrast zwischen Sinatras glockenheller Unschuldstimme und Hazlewoods abgrundtief verdorbenem Bariton. Das Erfolgsrezept war simpel, altbekannt und wird bis heute gern wiederholt: die Schöne und das Biest.

Das war auch das Grundprinzip des Songschreibers Hazlewood. Seine Texte wucherten mit Schimpfwörtern, schmutzigen Witzen und sexuellen Konnotationen, als seien sie aus dem halbbesoffenen Unterbewusstsein einer Kneipenbesatzung zusammengestellt worden. Oder sie erzählten Geschichten, die stets tragisch und bisweilen blutig endeten. Einer der ersten Hits, die Hazlewood schrieb, hieß "The Fool". Später verfasste er einen Song, in dem er beschreibt, warum er glücklicher ist als die Gitarre unter Dolly Partons Busen. Musikalisch verbanden seine Songs Klischees aus Country Music, Big-Band-Pop und Hippiemusik zum neuen Genre "Cowboy Psychedelia".


So einer konnte auf Dauer im Bussi-Business Pop nicht funktionieren. Hazlewood flüchtete vor dem Erfolg, ging nach Schweden, versuchte sich als Schauspieler, wohnte eine Zeitlang in Deutschland. Er wollte nicht mehr auf die Rolle als Nancy Sinatras Duett-Partner festgelegt werden. Lieber lebte er wie einer jener Außenseiter, denen er in seinen Songs eine Stimme gab. Was Dennis Hopper für Hollywood war, das wurde Hazlewood fürs Popgeschäft: ein unglaubliches Talent, getrieben von persönlichen Dämonen, Selbstüberschätzung und ästhetischer Radikalität, marginalisiert vom Mainstream.

Extrem statt bequem

Ein Album von 1973 trug den Titel "Poet, Fool or Bum" – Dichter, Narr oder Tor. Zeit seines Lebens pendelte Hazlewood in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen diesen Polen. Er verweigerte sich dem Popgeschäft und bediente sich doch als Songschreiber seiner Konventionen. Er verkaufte Millionen Platten und verjubelte das Geld. Er schrieb Songs über Männer, die stets eine Knarre bei sich tragen, und war stolz darauf, nie eine Frau geschlagen zu haben.

Es sind diese Widersprüche, eine Handvoll längst klassischer Songs und natürlich das Image als verkanntes Genie, die Hazlewood zur Kultfigur werden ließen. Seine Stücke wurden von musikalisch so unterschiedlichen Bands wie Megadeth und den Einstürzenden Neubauten gecovert, von Jessica Simpson, Nick Cave und Primal Scream. Zum Tribute-Album "Total Lee!" versammelte sich 2002 die Beletage des Alternative Country.

Hazlewood selbst aber war in den letzten Jahren vornehmlich damit beschäftigt, seinen Ruhm zu verwalten: Lange brachte er gar keine Platten mehr heraus oder nur Zusammenstellungen obskurer Aufnahmen älterer Stücke, die dann bisweilen nur in Europa erschienen. 2003 tat er sich noch einmal mit Nancy Sinatra für eine Tournee und ein Album zusammen, das allerdings in Deutschland gar nicht erst veröffentlicht wurde.

Im vergangenen Jahr wurde sein letztes Album "Cake Or Death" veröffentlicht. Die Kritik feierte es hymnisch, würdigte damit aber eher die Lebensleistung als die eher enttäuschende Platte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Hazlewood den Kampf gegen den Krebs verlieren würde. "Ich wollte dieses Album unbedingt machen, und wenn sie mich aus dem Studio hätten herein- und heraustragen müssen", erzählte er im vergangenen Dezember SPIEGEL ONLINE. "Ich werde wohl nie wieder ein Aufnahmestudio von innen sehen."

Am 4. August 2007 starb Hazlewood in Henderson, in der Nähe von Las Vegas. Er wurde 78 Jahre alt und soll, so heißt es, im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen sein. Man darf davon ausgehen, dass sich Lee Hazlewood, hätte er es gekonnt, ein dramatischeres Lebensende komponiert hätte.

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