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20. August 2007, 19:17 Uhr

Zum Tod von Max Roach

Swing den Protest

Von Daniel Haas

Vor ihm gab es den Schlagzeuger als Fußarbeiter der Jazzband, mit Max Roach emanzipierte sich der Drummer zum Solisten und Stilschöpfer. Jetzt, nach seinem Tod im Alter von 83 Jahren, fehlt auch ein streitbarer politischer Aktivist.

Natürlich gab es bedeutende Schlagzeuger vor ihm, Baby Dodds und Zutty Singelton, die den New Orleans Jazz auf Trab hielten; Gene Krupa, George Wettling und Dave Tough aus Chicago; Chick Webb, der die Reihe der Drummer- und Bigband-Leader eröffnete (es folgten Mel Lewis, Buddy Rich und Louie Bellson); und natürlich der große Jo Jones, der Inbegriff des Swing.

Drummer Roach: Vom "Trommler" zum Melodiker
AP

Drummer Roach: Vom "Trommler" zum Melodiker

Max Roach aber läutete die Moderne des Schlagzeugs ein, und das ist buchstäblich zu verstehen: Der Drummer war nicht mehr der untergeordnete "Trommler", wie der deutsche Jazz-Kritiker Joachim Ernst Berendt in seinem Standardwerk, dem "Jazzbuch", erklärt. Er fungierte nicht mehr nur als Metrum für die Band, sondern war ein eigener Sound- und Stilschöpfer, versiert in Komposition und Arrangement.

"Mit dem Rhythmus tun, was Bach mit der Melodie getan hat", zitiert Berendt den Musiker. Und tatsächlich: Roachs Anspruch an das eigene Verfahren war immens; er wurde ihm als Bebop-Künstler und Cool-Jazz-Star, als Hardbop-Geburtshelfer und als Freejazz-Forscher über mehr als vier Jahrzehnte lang gerecht.

Man kann die Namen der Jazz-Helden auflisten, mit denen er gespielt hat - Thelonius Monk, Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Miles Davis, ein Who is Who der Jazz-Moderne -, aber hören lässt sich seine revolutionäre Idee von Drums am besten auf der "Freedom Suite" (1960).

Wie sich hier eine politische Agenda - das Stück wurde eines der musikalischen Gründungsdokumente der Bürgerrechtsbewegung - mit lyrischer Eleganz verband, das inspirierte Generationen von Schlagzeugern. Swing, in heutiger Diktion: Groove, war auf einmal keine Frage des Viervierteltakts mehr - Roach konnte swingen und gleichzeitig komplizierteste Rhythmus-Strukturen auffächern.

"Roach konnte quasi mit allen vier Gliedmaßen verschiedene Beats schlagen", erklärt Jazz-Kritiker und SPIEGEL ONLINE-Autor Hans Hielscher. "Ein Grundrhythmus bleibt zwar erhalten, aber innerhalb dessen werden Akzente gesetzt. Damit wird das Schlagzeug zum eigenständigen Melodie-Instrument."

Oder man hört sich die frühen Bop-Sessions aus dem legendären Jazz-Lokal Royal Roost an. Da gelang dem 1924 in North Carolina geborenen Roach gemeinsam mit dem Saxophonisten Lee Konitz ein Dialog, der stilprägend wurde. "Was Roach trommelt, kann man genauso mitsingen wie das, was Lee Konitz auf dem Altsaxophon spielt", schwärmte Berendt.

Seine Virtuosität konnte man hierzulande noch 2004 bestaunen - seine Virtuosität und seinen Eigensinn. In Berlin trat Roach mit chinesischen Zweisaiten-Fiedlern auf, nach wie vor ein Avantgardist, der Erwartungshaltungen düpierte. Das galt auch für den politischen Kopf, als der Roach immer wieder in Erscheinung trat. Er sprach sich für die Segregation aus, weil sie afroamerikanische Selbstständigkeit bedeute, und kritisierte Jazz-Neoklassizisten wie Wynton Marsalis für mangelnden Mut.

"Das Einzige was wir besitzen, ist die Kultur, die wir hervorgebracht haben", sagte er 2001 in einem "taz"-Interview zur Lage der Afroamerikaner. Selbst wenn es so wäre: Es ist ein einzigartiger Schatz von globaler Strahlkraft. Man kann ihn immer wieder entdecken, auch auf jeder Platte von Max Roach.

Korrektur: In der ersten Fassung war die Quellenlage des verwendeten Materials undeutlich. Dies wurde unter Angabe von Joachim Ernst Berendts Standardwerk "Das Jazzbuch", Frankfurt am Main, 1991, verbessert.

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