Zum Tod von Michael Naura Ein Kraftkerl mit vielen Talenten

Der Pianist, Bandleader, Autor und Zeichner gehörte zu den schillerndsten Persönlichkeiten des deutschen Jazz. Jetzt ist Michael Naura im Alter von 82 Jahren gestorben. Ein persönlicher Nachruf.

Jazzmusiker und Musikjournalist Michael Naura
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Jazzmusiker und Musikjournalist Michael Naura

Von Hans Hielscher


Im Kellerlokal Jazz House traf ich Anfang der Siebzigerjahre immer wieder den Pianisten Michael Naura. Die Kneipe lag, wie damals der SPIEGEL, in der Hamburger Brandstwiete, ich schaute oft nach meinen Spätschichten dort vorbei. Wenn Michael Naura nicht selbst spielte, hörte er - bei ausgiebigem Weinkonsum - den gastierenden Bands zu oder unterhielt sich mit Gästen wie mir.

Ich erzählte Naura, dass ich als Teenager in den Fünfzigerjahren in Ost-Berlin donnerstags von der Schule nach Hause rannte, um im Soldatensender AFN "Meikl Nora and His Quintet" zu hören. Ich hielt den Bandleader für einen Amerikaner und war perplex, als ich erfuhr, dass er Michael Naura hieß und wie ich in Ost-Berlin wohnte. Sein Betätigungsfeld hatte der junge Pianist freilich längst im Westteil der Stadt gefunden. Naura hatte dort sein Abitur gemacht, hörte an der Freien Universität Soziologie- und Politikvorlesungen. Vor allem aber lebte der musikalische Autodidakt für den Jazz.

Bei Wein und Schnaps unterhielten wie uns über die damalige Berliner Szene. Für ihn gab es Gigs im Breitenbach Keller, im Studio 22 und in der berühmt-berüchtigten Badewanne. Ich erinnerte mich lebhaft an sein einziges Konzert im Osten, im Puhlmann-Variete-Theater in der Schönhauser Allee; und Naura freute sich über den Fan aus seiner Anfangszeit. "Alter, was du alles weißt!" Komplimente über seine Musik tat er ab. "Ich habe nur bei George Shearing, Dave Brubeck und Horace Silver geklaut."

Bis zu unserem Kennenlernen hatte ich Nauras Karriere aus der Distanz verfolgt - seine Suche nach dem eigenen Sound in der Bebop- und Cooljazz-Epoche, seine Annäherung an die moderneren Klänge von Free Jazz und Rock.

"Leben als Kellerassel"

Abgesehen von Auftritten auf Festivals und gelegentlichen Konzerten arbeitete Naura mit seinen Bands in rauchgeschwängerten Jazzkellern - sechs Tage in der Woche von 21 Uhr bis vier Uhr morgens für eine Monatsgage von 1000 Mark. Geschlaucht vom "Leben als Kellerassel" erkrankte der Musiker 1964 an Polyserositis. Das Geld für einen einjährigen Sanatoriumsaufenthalt kam zum großen Teil aus Benefizkonzerten der deutschen Jazzmusiker.

Naura musste fortan kürzertreten. Und es war ein Segen, dass er 1971 eine Anstellung beim NDR fand, zunächst als Aufnahmeleiter, bald stieg er zum Redakteur und Chef der Jazzredaktion auf. Seine Interessen über die Musik hinaus - Literatur, bildende Kunst, Politik - und seine starke Persönlichkeit prädestinierten ihn für neue Aufgaben. Unter seiner Leitung, urteilt der britische "Jazz Rough Guide", entwickelte der NDR "das weit gespannteste und interessanteste Jazzprogramm Europas".

Gerüstet mit einem ansehnlichen Budget konnte Naura aufstrebende Künstler unterstützen. Ohne ihn wäre der internationale Durchbruch des gerade verstorbenen Al Jarreau kaum möglich gewesen; der NDR teilfinanzierte den legendären Auftritt des Sängers im Hamburger Onkel Pö 1976 und sendete Jarreaus Stimme im Radio in die Welt.

Akkorde auf der Schreibmaschine

Als Redakteur wurde Michael Naura quasi auch Kollege. Wie auf dem Klavier hämmerte er nun auch Akkorde auf der Schreibmaschine; die "Zeit" und der SPIEGEL druckten Beiträge von ihm. Weil er eine wohlklingende Radiostimme hatte, gab es Leute, die Naura-Sendungen weniger wegen der Musik als seiner Texte wegen hörten. Als Schreib-Profi beneidete ich den Musiker um seine Fähigkeit zu Formulieren und Bilder zu finden. Naura nannte Dixieland-Jazz den "Schuhplattler der Amerikaner"; er verhöhnte "die Russenattrappe Iwan Rebroff" und bewunderte die Bandleaderin Carla Bley als "köstliche Mischung aus Circe, Hexe und den beiden Alicen - Wonderland und Schwarzer".

Naura liebte Auseinandersetzungen. So handelte er sich beim NDR eine Abmahnung ein, weil er die auf Hörerquoten fixierte Programmpolitik seines Arbeitgebers im "Hamburger Abendblatt" brandmarkte. Einem Kritiker, der eine von Naura geschätzte Band verriss, schickte er per Post einen Schweinefuß: "Das ist die Hand, die den Artikel geschrieben hat." Eine Vernissage des malenden Hitler-Tagebuch-Fälschers Konrad Kujau stürmte er mit dem Ruf "Nazis raus" und warf Hundekot in die Gulaschsuppe für die Gäste. Nauras Buch "Jazz - Toccata" hat den Untertitel "Ansichten und Attacken". Aber er "sorgte dafür, dass der Jazz in Deutschland Gehör fand" ("FAZ").

Die Kehrseite des rauhbeinigen Nauras war hohe Sensibilität. So liebte er Tschechow - und Peter Rühmkorf, den "Dichter, der wie ein Morgenschiff in mein Leben rauschte". Keinen Menschen hat der Musiker mehr verehrt als den 2008 gestorbenen Lyriker. Nach seiner Pensionierung 1999 ist Naura noch oft im Trio mit dem Dichter und dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter aufgetreten. Naura lebte dann ständig in seinem 1975 erworbenen Bauernhaus in Nordfriesland. Er hatte nun mehr Zeit, sich einem weiteren Talent zu widmen: Er zeichnete und malte skurrile Bilder. Der Publizist Manfred Eichel nannte Naura einen "eindrucksvollen Kraftkerl" und "Renaissance-Mann".



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