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Zum Tod von Nate Dogg: Die glücklose Seele des Gangsta-Raps

Von Thorben Kaiser

Er war die soulige Stimme, die zahllose HipHop-Klassiker veredelte: Nate Dogg gehörte zu den Begründern des Gangsta-Raps. Doch während Freunde wie Snoop Dogg und Dr. Dre Karrieren machten, blieb ihm der Erfolg als Solo-Künstler versagt. Das änderte selbst der Welthit "Regulate" nicht.

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In der Nacht zum Mittwoch erlag Nate Dogg einem Schlaganfall

Ein trauriger Tag für alle, die Anfang der neunziger Jahre mit Westcoast Rap ihre Pubertäts-Spleens erklärten. Ein noch traurigerer Tag für alle, die noch immer "The Chronic", "Doggy Style" oder ein anderes Gangsta-Rap-Klassiker-Album im Regal stehen haben und zugeben können, dass sie mindestens damals auch gern Gangsta gewesen wären - mit tief sitzenden O-Dog Dickies, Lowrider-Karren mit Bump-System und Chucks.

Alles - bis auf die Autos - konnte man nach einiger Zeit auch in Deutschland kaufen, und Tracks, die Nate Dogg mit seiner Stimme schmückte, wurden die Hymnen dieser Zeit. Auf den Schulhöfen in den Großstädten ebenso wie auf dem Land. An diesem Mittwoch sind die alten Gangsta-Rap-Fans traurig, denn Nate Dogg ist gestorben.

Als Nathaniel Hale ab seinem zweiten Jahr an der High School mehr Zeit mit seinem Cousin Calvin Broadus verbrachte und 1991 mit ihm und dem gemeinsamen Freund Warren Griffin die Gruppe "213" gründete, hofften sie auf einen Durchbruch, um ihrem Heimatort zu entkommen. Geld hatte in Long Beach, Kalifornien, keiner. Drogen gab's an jeder Ecke, und spätestens mit neun Jahren musste man sich hier entscheiden, zu welcher Gang man gehören wollte: einem Ableger der Bloods oder der Crips. Calvin, Warren und Nathaniel waren Crips.

Zum Glück stellte sie das gang life nie vor eine harte Prüfung, die hätte verhindern können, was ihnen ihre Demokassette bescherte. Kein geringerer als Dr. Dre, der bereits mit der Formation NWA erfolgreich war, war von den Jungs begeistert. Calvin war von nun an Snoop Doggy Dogg, Nathaniel hieß Nate Dogg, Warren Griffin kürzte nur das riffin weg.

Zunächst arbeiteten die jungen Talente nur am ersten Soloalbum von Dr. Dre mit. Snoop schrieb die Texte, Nate Dogg sang die Hooks. Dennoch begründete der Erfolg von "The Chronic" auch ihre Legenden, denn Tracks wie "Let Me Ride", "Lil' Ghetto Boy" oder "Deeez Nuts" gingen um die Welt. Außerhalb von Los Angeles verstand zwar fast keiner die mit Slangwörtern und Anspielungen gesättigten Texte. Doch der Gangster-Gestus war plakativ genug, um sich von Long Beach, Kalifornien, bis nach Uelzen, Niedersachsen, zu übertragen.

Popper, Grunger, Raver kriegten es mit der Angst zu tun

Plötzlich trug auch die hiesige Dorfjugend schrecklich weite und tief sitzende Hosen. Ihre Sprache veränderte sich. C-, D-, E-VHS-Kopien von Filmen wie "Friday", "Above the Rim" oder "Menace II Society" machten die Runde. Auf ihnen waren kaum noch Personen zu erkennen, so schlecht war das Bild. Irgendwer hatte von irgendwem eine Kopie, der von irgendwem eine Kopie hatte. Dorf-Gangster drehten mit Papas Kamera eigene Versionen dieser Filme, dachten sich eigene Gang-Namen und -Zeichen aus.

Als die Eltern aufschrien, weil sie endlich einmal bei den Texten zugehört und entdeckt hatten, dass hier ziemlich viel über Waffen, Nutten und krumme Deals gerappt wurde, war der Siegeszug des Gangsta-Rap schon nicht mehr aufzuhalten. Popper, Grunger, Raver kriegten es mit der Angst zu tun - alle anderen auch. Ein adaptierter Lifestyle macht noch kein thug life, kein Kriminellenleben aus? Deutschlands selbst ernannte Homies verstanden bei solchen Fragen keinen Spaß, sie waren jetzt auch "Gs" - oder glaubten es zumindest.

Zwischen all den rauen Stimmen der Rapper fiel immer wieder eine samtige Stimme auf, die Abwechslung brachte und den Soulfaktor ausspielte. Sie gehörte Nate Dogg. Er erhielt seinen ersten Plattenvertrag mit dem damals noch unbekannten Label Death Row Records, welches später zu dem wichtigsten Label für Westcoast-Rap werden sollte. Doch der kriminelle Label-Betreiber Suge Knight verschob die Veröffentlichung von Nates Soloalbum immer wieder und brachte stattdessen Snoop Doggy Doggs "Doggy Style", Tha Dogg Pounds "Dogg Food" sowie 2Pacs "All Eyes on Me" heraus - alles Klassiker des Gangsta-Raps. Erst 1997 erschien endlich Nate Doggs Album "G-Funk Classics Vol. 1". Das wurde aber so schlecht beworben und vertrieben, dass es ein Misserfolg wurde.

Dabei hatte Nate Dogg 1994 zusammen mit Warren G. einen Welthit mit dem Song "Regulate". Dieser wurde immer wieder eher Warren G. zugeschrieben - wohl weil dieser ihn auch auf seinem eigenen Album, "Regulate,... the G-Funk Era" platzierte, welches es hauptsächlich dank dieses Hits zu über vier Millionen verkaufter Einheiten brachte. Der eigentliche Schöpfer des G-Funks aber war Nathaniel. Was sich damals abzeichnete, sollte sich durch seine gesamte Karriere ziehen: Pech.

Nate Dogg ließ viele von seiner Stimme profitieren, war auf vielen Szene-Hits zu hören. Dennoch war ihm kein Soloerfolg vergönnt, der klar ihn herausstellte. Der Respekt der US-Szene und somit auch der Respekt der besonders fanatischen deutschen HipHop-Fans aber war ihm sicher. Um letztere zu bedienen, lizensierte das kleine Label K-Town Records aus Kaiserslautern zwei seiner Solo-Alben. "G-Funk Classics Vol. 1" erschien in Deutschland 1999 unter dem Titel "Ghetto Preacher", "G-Funk Classics Vol. 2" kam ein Jahr später als "The Prodigal Son" heraus. In den USA waren die Alben zusammen nur als Bootleg erhältlich. Schön für Deutschland - Nate Doggs Rechnungen hat das jedoch nicht bezahlt. Genauer: Es hat noch nicht einmal für eine Rechnung gereicht.

Die Freunde machten das ganz große Geld

Suge Knight wurde von Nate Dogg auf zehn Millionen US Dollar verklagt, weil er ihm nie Geld für die über vierzig Charterfolge überwies, die er für sein Label einsang. Leider war Suge Knight zu dem Zeitpunkt schon pleite und die Frist, die ein Richter ansetzte, bis zu der Geldforderungsklagen gegen Suge Knight eingereicht werden können, bereits verstrichen.

Viel Pech für jemanden, der die Stimme einiger der wichtigsten Hits eines ganzen Genres wurde. Die Freunde waren die big players im Geschäft und mittlerweile Multimillionäre, bekamen Verträge als Schauspieler, Werbe-Testimonials, waren in TV-Shows zu Gast und verdienten gut durch Merchandise. Dank der Einnahmen für seine Gesangsparts bei Songs von Ludacris ("Area Codes"), Mos Def ("Oh No") oder WC ("The Streets") konnte Nate Dogg trotz des Pechs mit eigenem Material angenehm leben - wenn auch nicht so luxuriös wie seine Freunde.

Sie waren es jedoch, die ihm 2001 helfen wollten, endlich den Durchbruch als Solokünstler zu schaffen. Auf "Music & Me" kamen Xzibit, Jermaine Dupri, Dr. Dre, Ludacris, Snoop Dogg und andere Stars der Szene zusammen. Doch obwohl die Fans das Album liebten, die Kritiker es wohlwollend abnickten - Nathaniel war vom Pech verfolgt. Erst zwei Jahre später erschien das Album in Europa. Da hatten sich die Fans hier zu Lande längst mit dem Import oder MP3s eingedeckt. 400.000 Kopien verkauften sich insgesamt. Zu wenig, um es als wirklichen Erfolg zu verbuchen. Auch das sehnlichst erwartetete Album der Gruppe "213" floppte. Nates letztes, selbstbetiteltes Album erschien 2003 - trotz eines erneuten Staraufgebots wieder kein großer Erfolg.

Zu dem Karrierepech kamen kriminelle Machenschaften. Nate Dogg wurde wegen Körperverletzung, Entführung und illegalen Waffenbesitzes angeklagt und 2002 zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Seit 2007 plagten ihn außerdem gesundheitliche Probleme: Ein erster Schlaganfall lähmte ihn halbseitig. Die Rehabilitation brachte zunächst Erfolge, die Ärzte gingen von einer Genesung aus, bis er im September 2008 einen erneuten Schlaganfall erlitt. Seitdem waren kaum noch positive Nachrichten zu hören. Am Dienstag, schließlich, fand man ihn in seinem Haus in Long Beach, Kalifornien, tot auf. Er war einem dritten Schlaganfall erlegen.

Nathaniel Dwayne "Nate Dogg" Hale wurde 41 Jahre alt.

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1. Sehr guter Artikel zum Andenken an Nate Dogg
berlin_rotrot, 16.03.2011
Zitat von sysopEr war die soulige Stimme, die zahllose HipHop-Klassiker*veredelte: Nate Dogg gehörte zu den Begründern des Gangsta-Raps. Doch während Freunde wie Snoop Dogg und Dr. Dre Karrieren machten, blieb ihm der Erfolg als Solo-Künstler versagt. Das änderte selbst der Welthit "Regulate" nicht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,751356,00.html
Ein HOCH auf Nate der mit Regulate den Soundtrack für den Massen G-Style legte. Sehr gut geschriebener Artikel der alle Facetten/Merkmale (O-Dogs, etc.) der frühen 90iger Westcoast Hiphop Bewegung auch in Deutschland erwähnt. Fühle mich an meine Jugend erinnert, California Love! Nate & 2Pac feiern gerade zusammen wenn es ein Leben nach dem Tod gibt! Mfg, berlin rot rot - \/\/estsideeee!
2. Area codes
spiegel_affäre 16.03.2011
ist von Ludacris, nicht Fabulous
3. R.I.P. Nate Dogg
WWW-Schizo 16.03.2011
R.I.P. Nate Dogg das war noch richtige Musik in den goldenen 90ern!!!
4. R.i.p.
wobarch 16.03.2011
Vielen Dank, für dieses gute Kommentar, nicht vollständig und perfekt, aber wie soll das auch möglich sein. Schön, dass sich der Spiegel dafür die Mühe genommen hat. Ich selbst bin in den letzten Jahren mit dieser Musik aufgewachsen und wurde von ihr geprägt. @frankgraf derartige unqualifiziertze Unterstellungen, ohne Kentnisse der Musik und dieses Musikers bitte ich Sie zu unterlassen. Nate Dogg war für mich einer der ganzen Großen, gehört habe ich ihn seit Jahren, tagtäglich, rauf und runter. Seine einzigartige Stimme, die so ein wohltuender Gegensatz zum sonstigen Genre war und der mit seinen Vocals den G-Funk erschaffen und erhalten hat, sind für mich Dinge, die ihn als einen der Sterne des HipHops betrachten lassen. Ich habe nicht jetzt damit angefangen ihn zu hören oder wieder zu hören, ich habe nie damit aufgehört. Nie konnte ich verstehen, wieso er nicht den Erfolg der anderen Künstler hatte, besaß er doch so ein gewaltiges Talent. 2006 war ich über die Nachricht seines Schlaganfalls verzweifelt und schockiert. Die folgenden Jahre hörte ich bis auf seine Songpassagen, welche als Refrain schon zu hunderten auf Warren Gs PC bestanden nur wenig Informationen von ihm. Ich verfolgte tagtäglich, das ist kein Scherz, seine Freunde bei Twitter und anderen Medien um jegliche Anzeichen und Informationen zu Nate Dogg zu bekommen. Auf dem Weg der Besserung soll er gewesen sein, Zitate von Warren, wie er schreibt, dass es für ihn nichts schöneres gebe, als zu sehen, welche Fortschritte Nate machen würde, rührten mich zu Tränen. Umso mehr bin ich schockiert von seinem plötzlichen Ableben und wollte es heute Mittag garnicht glauben, als ich beim täglichen checken meiner Foren und Dienste von seinem Ableben erfahren habe, dies durfte einfach nicht geschehen. God bless him, for ever his fan.
5. .
Asharon 16.03.2011
Das Leben ist weder Gummibaum noch Ponyhof und es gibt auch genug "männerfeindliche" Lieder. Wer sich an sowas anstößt hat wirklich keine anderen Sorgen. Natürlich müssen Kinder anständig erzogen werden, aber ich glaub erstmal sollte man in Deutschland anfangen sie nicht ausversehen verhungern zu lassen... oder mit ihnen bei Britt zu landen. Dann können wir über Werte sprechen.
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