Zum Tod von Whitney Houston Sturz eines Engels

Sie war eine Pop-Königin, ein Superstar, eine Ikone für Millionen Fans. In der Nacht ist die Sängerin Whitney Houston, gerade mal 48 Jahre alt, in Los Angeles unter ungeklärten Umständen gestorben. Ihr Absturz begann jedoch schon viel früher. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein unvergleichliches Talent.

Von , New York


Es wäre naheliegend, hier zuerst über ihren letzten Auftritt zu reden, am Vorabend ihres Todes bei einer Grammy-Party in Hollywood, nach der sie völlig derangiert auf die Straße taumelte. Oder über ihren letzten Comeback-Versuch im Jahr 2009, der in einem missglückten Konzert in Manhattan mündete, ihre Stimme kratzig und kaputt. Oder über ihre letzte Tournee, bei der die Leute den Saal verließen.

Aber viel angemessener ist es, hier zunächst über ihren ersten TV-Auftritt zu reden. Am 29. April 1983 war das, als eine noch ganz unbekannte Whitney Houston zu Gast war in der "Merv Griffin Show", einer US-Talkshow. Houston, damals erst 19, trug einen langen schwarzen Rock, eine lila Seidenbluse und eine schlichte Kette. Sie trat ans Mikrofon, rieb sich nervös die Hände, und dann sang sie "Home", die dramatische Coda des Musicals "The Wiz".

Es war eine jener Vorstellungen, die einem auf Anhieb den Atem rauben. In nicht mal fünf Minuten offenbarte sich ein Welttalent, unprätentiös, unverdorben, unglaublich. Das Publikum tobte, Griffin küsste sie und Plattenmanager Clive Davis, der sie entdeckt hatte und ihr lebenslanger Mentor werden sollte, schloss sie fest in die Arme. Houston reagierte fast überrascht auf die Ovationen.

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Whitney Houston: Königin der Soul-Diven

"So sollten wir sie in Erinnerung behalten", sagt Musik- und TV-Produzent Simon Cowell ("X Factor") in der Nacht zum Sonntag auf CNN. Und nicht so, wie das alles geendet sei.

Es endet am Samstag im vierten Stock des Beverly Hilton in Los Angeles: Nachmittags um kurz vor 15 Uhr Ortszeit wird Houston, 48, leblos in ihrer Hotelsuite aufgefunden. Unten im Ballsaal laufen gerade die letzten Vorbereitungen für Clive Davis' diesjährige Grammy-Party, bei der sie auftreten soll.

Gottgegebenes Talent

Die Party, die die Festivitäten zur Grammy-Verleihung an diesem Sonntag einläuten sollte, wird so zur makaberen Totenwache: Auf dem roten Teppich sprechen Altstars ihr Beileid in die Kameras, auf der anderen Straßenseite stimmen trauernde Fans "I Will Always Love You" an - während Houstons Leichnam oben noch stundenlang in der Hotelsuite ruht.

Sie besaß ein Talent, das nicht nur ihre Fans als "gottgegeben" bezeichneten. Sie war die erfolgreichste R&B-Diva der Geschichte. Sie war die Queen of Pop. Und wie der King of Pop Michael Jackson, der vor fast drei Jahren starb, konnte sie alles, hatte sie alles, erreichte sie alles. Und trotzdem war das nicht genug.

Natürlich müssen die Gerichtsmediziner noch ihr Urteil darüber fällen, weshalb Houston so jung starb wie so viele Musikgrößen vor ihr: Amy Winehouse, 27, Michael Jackson, 50, Elvis Presley, 42, Judy Garland, 47. Doch die letzten Jahre ihres Lebens, ihre letzten Shows und Interviews und, ja, die letzten Fotos aus jener Nacht in Hollywood, sie sprechen Bände.

Und die Geschichte, die sie erzählen, ist die gleiche wie bei all den anderen: Talent und Erfolg schützen vor Elend nicht - im Gegenteil.

Dabei wuchs Houston in einer alten Musik-Dynastie auf, umgeben von Menschen, die gut wussten, mit Talent umzugehen. Ihre Mutter Cissy Houston ist eine lange erfolgreiche Gospelsängerin, ihre Cousine ist Dionne Warwick, ihre Patentante Aretha Franklin.

Soundtrack einer ganzen Generation

Whitney Houston übertraf sie alle. Mit ihrer unwirklichen Stimme, die drei Oktaven umspannte, ihrem Engelsgesicht und ihrer Unschuld riss sie Clive Davis vom Hocker, als er sie zum ersten Mal sah, in einem New Yorker Nightclub. Ihr Debütalbum "Whitney Houston", mit Nummer-eins-Hits wie "Saving All My Love for You", "How Will I Know" und "The Greatest Love of All", brachte ihr den ersten Grammy und wurde zum pfirsichfarbenen Soundtrack einer ganzen Generation - zur Signatur der schwülstig-naiven achtziger Jahre.

Sie sang alles: Gospel, Pop, R&B, Soul, Jazz. Kunst oder Kitsch, gewispert oder geschrien. Mühelos unterwarf sie sich jedes Genre, mit einem Sound, Timbre und Understatement, das kein Imitat je wieder erreichte. Neben den Pop-Kreaturen und Casting-Gören von heute wirkt ihr glasklares Können wie eine Vision aus einer fernen Zeit, als Stars noch - sangen.

Und wie sie sang. Nur vier Studioalben produzierte sie in den Achtzigern und Neunzigern, doch alle fuhren Mehrfach-Platin ein: "Whitney Houston" (25 Millionen verkaufte Exemplare), "Whitney" (20 Millionen), "I'm Your Baby Tonight" (12 Millionen), "My Love Is Your Love" (13 Millionen). Ihr Top-Seller aber war "The Bodyguard" (1992), der Soundtrack ihres Hollywood-Debüts: 44 Millionen Mal verkaufte sich der, auch dank des Megahits "I Will Always Love You", der Hochzeitshymne aus der Feder von Country-Ikone Dolly Parton.

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Whitney Houston: Tod eines Superstars
Es war in jenen Jahren des Mega-Erfolgs, da ihr Absturz begann, lange unbemerkt von den Fans. Kokain und Marihuana wurden vom Spaß zur Sucht. Die Drogen zerstörten ihre Stimme, ihre Begabung, ihr Aussehen und sie selbst.

Houstons desaströse Ehe mit dem R&B-Sänger Bobby Brown mutierte zum öffentlichen Spektakel und 2005 zur Doku-Soap, die ihren Absturz vor Abermillionen TV-Zuschauern bloßlegte. Fanal dieses Absturzes war ein Jahr später das Coverfoto der Supermarktpostille "National Enquirer", das ihr Badezimmer zeigte: Müll, Essensreste, leere Bierdosen, Joint-Papier, Crack-Paraphernalien.

Öffentliche Selbstdemontage

Ihre nur noch seltenen Auftritte wurden zur Zitterpartie - und zum Fest für Gaffer. Sie versuchte den Entzug, ließ sich 2007 von Brown scheiden. Zwei Jahre später kam ihr Comeback-Album "I Look to You" heraus, flankiert von einem ebenso öffentlichen wie peinlichen Canossa-Gang. Im Interview mit Talk-Queen Oprah Winfrey gestand sie ihre Drogensucht, die sie noch 2002 geleugnet hatte mit den seither endlos parodierten Worten: "Crack is wack" (Crack ist dumm).

"I Didn't Know My Own Strength" hieß die Top-Single ihres letzten Albums, eine biografische Ballade: "I crashed down and I tumbled, but I did not crumble / I got through all the pain". (Ich crashte und ich stürzte, aber ich zerfiel nicht, ich schaffte es durch all den Schmerz).

Ihre Stimme hatte es freilich nicht geschafft, das konnte jeder hören, trotz aller digitalen Produktionskunst, die Clive Davis seinem Ziehkind angedeihen ließ. Ihre Promo-Konzerte gingen daneben, und das Comeback versiegte.

Die letzten Bilder von ihr stammen von Freitagabend. Da besuchte Houston eine Grammy-Party im Nightclub "Tru Hollywood" unweit vom Sunset Boulevard, dem Boulevard der geplatzten Träume. Ein körniges Amateurvideo zeigt, wie sie auf der Bühne krächzend zu singen versucht. Paparazzi verfolgen sie anschließend bis vor die Tür, sie schwitzt, taumelt, torkelt, brüllt und gestikuliert wild.

"Ich glaube nicht, dass wir noch mal so eine wie sie finden werden", sagt Produzent Cowell in der Nacht nach ihrem Tod, sichtlich schockiert. "Ich bin unglaublich traurig. Hoffen wir nur, dass jemand daraus etwas lernt."

Die Grammy-Verleihung wird an diesem Sonntag fast wie geplant stattfinden. Nur das Programm wird etwas umgeändert: Es soll einen großen Whitney-Houston-Tribut geben - gesungen von Jennifer Hudson, die oft als ihre Erbin bezeichnet wird. The show must go on.



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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
Eimsbüttler 12.02.2012
1. Tragisch
"I decided long ago never to walk in anyone's shadows if I'd fail if I'd succeed at least I'll live as I believe no matter what they take from me they can't take away my dignity" Hätte sie es doch geschafft! R.I.P Whitney
Schlunze 12.02.2012
2.
Zitat von Eimsbüttler"I decided long ago never to walk in anyone's shadows if I'd fail if I'd succeed at least I'll live as I believe no matter what they take from me they can't take away my dignity" Hätte sie es doch geschafft! R.I.P Whitney
...sah sie 1988 oder ´89 im CCH - forever young!
Berg 12.02.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSPop-Queen Whitney Houston ist mit nur 48 Jahren in Los Angeles unter ungeklärten Umständen gestorben. Ihr Absturz begann jedoch schon viel früher. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein unvergleichliches Talent. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,814751,00.html
"Pop-Queen", "Super-Mega-Star", "unvergleichlich" - es sind übermenschliche Attribute, die den Akteuren am Pop-Himmel angeheftet werden und als schwere Last kaum zu tragen sind. Immer wieder werden kreative Leute hochgejubelt (Michael Jackson!) und dabei zerstört. Diese Bühnen! Diese Tourneemarathonläufe! Diese Lichtershows! Diese Lautstärke! Diese Veitstänze! Dieser Erfolgsdruck! Diese Drogen-, Alkohol- Nikotin-Versuchungen! Wer nicht rechtzeigig aussteigt, ist verloren. Nur in Ausnahmefällen gehen sie geadelt ins Seniorenalter (Paul McCartney).
wildthin9 12.02.2012
4. Danke..
..Withney, für tolle Musik und Deiner grandiosen Stimme. Mehr gibts, glaube ich, nicht zu sagen...
vogelblume 12.02.2012
5. Whitne Housten
das show geschäft ist hart,wenn man da nicht standhaft bleibt endet man tragisch sie diese gute sängerin sie ist kein einzel fall siehe Charlie Sheen ect.
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