Zum Tode Bo Diddleys Bomp, ba-bomp-bomp, bomp-bomp!

Buddy Holly, Rolling Stones, The Who, U2, George Michael - die Liste der Musiker, die vom hypnotischen Shuffle-Beat Bo Diddleys beeinflusst wurden, ist lang und beeindruckend. Jonathan Fischer über einen Rock'n'Roll-Pionier, der keine großen Hits brauchte, um unsterblich zu werden.


Manche Musiker nehmen Dutzende von Alben auf, schreiben Hunderte von Songs und legen Tausende von Tourmeilen zurück, bis sie schließlich in den Pantheon des Rock'n'Roll eingehen. Bo Diddley aber brauchte dazu strenggenommen nur eine einzige Single: "Bo Diddley" hieß die A-Seite, "What A Man" stand auf der B-Seite. 1955 war der ehemalige Lastwagenfahrer, Bauarbeiter und Halbschwergewichtsboxer Ellas McDaniel mit einem ziemlich ungehobelten Song bei Chess Records in Chicago aufgekreuzt. "Uncle John" strotzte nur so vor Unflätigkeiten und improvisierten Schmähungen.

Die Eigentümer der Plattenfirma ließen den Mann mit der selbstgebauten, trapezförmigen Gitarre die schmutzigsten Passagen glätten, bevor sein hypnotischer Beat unter dem neuen Titel "Bo Diddley" auf Platte gepresst wurde. Kommerziell gesehen erwies sich der Song als Flop – wie Bo Diddley überhaupt nur fünf Singles in den Billboard Top 100 plazieren konnte, darunter allein "Say Man" in den Top 20.

Aber Charterfolge konnten sowieso kaum die musikalische Bedeutung des Mannes messen, seinen ungeheuren Einfluss widerspiegeln, der sich auch darin zeigte, dass die Rolling Stones und so gut wie sämtliche frühen britischen Bluesrock-Bands einen Großteil ihres Repertoires aus Diddley-Songs bezogen, Buddy Holly dessen Musik für seinen größten Hit "Not Fade Away" auslieh und unzählige Musiker von den Animals bis zu Duane Eddy die Tremolo- und Echo-gesättigten Soundeffekte Diddleys nachahmten.

A shave and a haircut, two bits

"Bo Diddley" platzte wie ein Raumschiff in die frühe Rock'n'Roll-Euphorie. Chuck Berry und Little Richard hatten Country- bzw. Bluessongs in doppelter Geschwindigkeit aufgenommen. Diddley aber klang, als käme er von einem ganz eigenen Planeten: Eine Space-Age-Tremolo-Gitarre waberte durch seine Songs, untermalt vom nervösen Gerassel der Maracas und einem stotternden Shuffle-Beat, der am ehesten noch an die kubanische Clave erinnerte: Bomp, ba-bomp-bomp, bomp-bomp. "A shave and a haircut, two bits" wurde er auch lautmalerisch getauft.

"Muddy Waters und Chuck Berry waren nahe am traditionellen Blues", erinnert sich Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards. "Aber Bo stand auf faszinierende Weise an der Kante. Da schien etwas ganz und gar Afrikanisches durch. Seine Rhythmen waren so außergewöhnlich und fremdartig betörend, dass wir annehmen mussten, dass unsere Lieblingsmusik nicht nur aus Mississippi kam, sondern auch noch von ganz woanders."

Diddley, 1928 in McComb, Mississippi als Ellas Bates geboren, zog als Kind mit seiner Familie nach Chicago. Dort wurde sein Nachname in McDaniel geändert, und seine Mitschüler verliehen ihm den Spitznamen, unter dem er berühmt werden sollte: Der Legende nach rührt er von einem einsaitigen afrikanischen Instrument namens Diddley Bow her. Überhaupt wurde der junge Ellas lange als Landei verspottet: Was womöglich seine große Klappe und die spätere Selbstbeweihräucherung in seinen Songs als Rache eines Verkannten erscheinen lässt.

Hambone und Sprechgesang

Zwölf Jahre lang lernte Bo in der Ebenezer Baptist Church Violine zu spielen – dann wechselte er, inspiriert von John Lee Hooker, zur Gitarre: "Ich spiele meine Gitarre, als ob sie eine Trommel wäre." Tatsächlich erinnerten seine Rhythmen an "Hambone" genannte, aus der Sklavenzeit überlieferte Gesänge, zu denen man sich rhythmisch auf Arme und Schenkel klatschte. Diddleys halb geröhrte, halb gestöhnte Songs haben folglich kaum Akkordwechsel – was ihre hypnotische Wirkung allerdings nur noch steigert.

In Maraca-Spieler Jerome Green findet Diddley einen kongenialen Mitmusiker und Rhythmuslieferanten: Typisch etwa ihr einziger Top-20-Hit "Say Man" aus dem Jahre 1959, in dem sich die beiden Kollegen gegenseitig mit Beleidigungen eindecken, während Gitarre und Schlagzeug ihnen diesen typischen Güterzugrhythmus unterlegen. Genaugenommen lieferte Diddley damals die erste Rap-Platte ab: Sein Sprechgesang speiste sich aus der Tradition der Schimpfduelle, die jedem afroamerikanischen Kind als "The Dozens" geläufig sind.

Diddleys Hitsträhne sollte zwar Mitte der sechziger Jahre für immer versiegen: Nicht aber sein Sound: So coverten etwa The Band und Grateful Dead Diddley-Songs, sampelten De La Soul dessen Funk-Aufnahmen aus den siebziger Jahren, tauchte der Diddley-Beat immer wieder neu verpackt in den Charts auf: Etwa bei "Magic Bus" von The Who, U2s "Desire", Bruce Springsteens "She's The One" oder George Michaels "Faith". Ganz abgesehen von ganzen Musikgenres, die auf Diddleys Vorarbeit beruhen: Elektrische Verstärkung, Verzerrungen und treibende Rhythmen flossen Mitte der sechziger Jahre in den Hardrock ein, während das akzentuierte Saitengekratze des Gitarristen die Grundlage für den Funk bildete.

Voodoo-Schrecken mit Hornbrille

Als mindestens genauso schockierend wie seine Musik aber erwies sich Diddleys Bühnenshow: Der Musiker, der anfangs noch in Hornbrille und Anzug angetreten war, inszenierte sich zunehmend als Voodoo-Schrecken weißer, um ihren Nachwuchs besorgter Eltern. So entstieg er bisweilen einem Sarg, stellte sich breitbeinig in schwarzer Ledermontur und mit fellbeklebten, kastenförmigen oder raketenschwänzigen Gitarren auf die Bühne, ließ lasziv die Hüften kreisen und seine durch eine angebliche Schwester namens The Duchess verstärkte Band manisch den Rhythmus einpeitschen: Testosteron in Reinform.

Dann wieder kam er Jimi Hendrix zuvor, indem er seine Gitarre mit den Zähnen oder über dem Kopf spielte, während sein Körper in scheinbar unkontrolliertes Zittern verfiel. "Ich war darauf aus, mein Publikum aufzumischen", erklärte Diddley einst, "und ruhte nicht länger, bis auch der zäheste Bursche im Publikum mit seinen Füßen den Beat mitklopfte." Bomp, ba-bomp-bomp, bomp-bomp.

Diddley, dessen letzte Aufnahmen mit Checker/Chess Records aus dem Jahre 1968 datieren, gab an, nie einen Pfennig Tantiemen für seine Hits gesehen zu haben. Das machte den Mann zuweilen bitter: Selbst als er 1987 in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen wird, beklagt er sich, wie viele Dollars ihm die Ehre denn einbringen würde.

Immerhin genoss Diddley, der zwischendurch in Albuquerque als Hilfssheriff arbeitete, in den achtziger Jahren ein Comeback. Er ging mit The Clash auf Tour, spielte kleinere Filmrollen in Hollywood, wurde zum Star eines Werbespots für Nike: Der Clip aus dem Jahre 1989 zeigt ihn mit dem Baseball- und Football-Star Bo Jackson, wie er die Gitarrenkünste des Starathleten kommentiert: "He don't know Diddley." "Ich habe nie verstanden, was dieser Spot mit Schuhen zu tun hatte", erklärte der Rock'n'Roll-Pionier später. "Aber er machte mich einer neuen Generation von MTV-Zuschauern bekannt."

Am Montag verstarb Bo Diddley 79-jährig in seiner Wohnung in Archer, Florida. Im August hatte ein Schlaganfall den Rock-Hünen zu Boden gestreckt und ihn um einen Teil seines Sprachvermögens gebracht. Nun wird er wohl von einer höheren Etage zusehen, wie die Welt immer wieder aufs Neue diesem einen Beat verfällt, der seinen Namen trägt: Bomp, ba-bomp-bomp, bomp-bomp.



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